#OhneHebamme geht es nicht!

Noch drei Monate – NUR NOCH drei Monate! – sind es bis zur Geburt meines zweiten Kindes. Und so langsam fange ich an, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Für mich bedeutet das zum Glück keine Grübelei, keine Angst vor Schmerzen, keine Sorgen, dass etwas schief gehen könnte. Stattdessen freue ich mich auf die Geburt, weil ich optimistisch davon ausgehe, dass alles wieder genauso super laufen wird, wie damals beim Hübchen. Denn da hatte ich dank Hausgeburt eine luxuriöse 2:1-Betreuung (ich war die 1, die Hebammen waren die 2) – und diese gönne ich mir auch beim zweiten Mal. Und angestoßen durch eine aktuelle Blogparade stelle ich mir die Frage: Wie wäre eigentlich alles ohne diesen Luxus gelaufen?

Bloggerin Perlenmama hat kürzlich ebenfalls ihr zweites Kind bekommen und wurde dabei auch von einer persönlichen Hebamme begleitet. Wie auch ich hatte sie eine schöne Geburt und ist extrem dankbar für die tolle Betreuung, weiß aber auch, wie schwierig es mittlerweile für Frauen ist, überhaupt eine Hebamme zu finden (mehr zu den Gründen findet ihr hier und hier).

Um die Wichtigkeit genau dieser immer seltener werdenden 1:1-Betreuung klar zu machen, ruft sie zu einem Gedankenexperiment auf: Wie hätten unsere Schwangerschaften und Geburten ohne Hebammenbegleitung ausgesehen? Ich spinne mit und schreibe auf, wie es wirklich war und wie es ohne Hebamme vielleicht hätte gewesen sein können. Und weil ich wirklich viel zu erzählen habe, mache ich das in mehreren Teilen. Heute geht es los mit Teil 1, der Schwangerschaft:

Schwanger sein: Mit und #OhneHebamme

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Irgendwann rund um die 14. Schwangerschaftswoche fange ich im Frühjahr 2013 mit der Hebammensuche an – und habe es schon schwer. Ich wünsche mir nämlich nicht nur eine Betreuung im Wochenbett, sondern auch eine Hebamme, die mich während der ganzen Geburt begleitet, eine sogenannte Beleghebamme. Weil es mein erstes Kind ist, will ich natürlich ins Krankenhaus – so macht man das doch schließlich, oder? Fast alle Hebammen sind jedoch schon ausgebucht: Die Geburtshilfe ist vielen Freiberuflerinnen wegen den steigenden Haftpflichtbeiträgen mittlerweile einfach zu teuer. Nach zahlreichen Telefonaten habe ich Glück und rutsche bei einem Hebammenzentrum in meiner Stadt noch gerade so rein – weil eine andere Frau abgesagt hat.

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Auch wenn ich mir eine Hebamme gewünscht hätte: Ich finde einfach keine! In der 14. Woche bin ich viel zu spät dran und alle Hebammen sind schon ausgebucht. Ich fühle mich ein bisschen hilflos: Ich habe doch keine Ahnung, wie es ist, schwanger zu sein – geschweige denn, wie es ist, zu gebären! Mit 25 Jahren bin ich die erste in meinem Freundeskreis, die ein Kind bekommt. So viele Fragen in meinem Kopf! Und niemand, den ich fragen kann…

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Die Hebammen arbeiten in der Geburtshilfe im Rotationssystem und so lerne ich in der Vorsorge alle Geburtshelferinnen kennen. Mit den Hebammen kann ich auf Augenhöhe sprechen und habe niemals die Sorge, eine Frage könnte irgendwie dumm klingen. Die Vorsorgeuntersuchungen in der Hebammenpraxis nehmen mir viel von meinen Ängsten, unter anderem meine Sorge, ich würde sicher ein viel zu großes und schweres Kind gebären: Jede Frau kriegt das Kind, das gut zu ihrem Körper passt, höre ich oft. Ich eigne mir eine positiv-optimistische Grundeinstellung an und sehe meine Schwangerschaft ganz natürlich.

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Weil ich keine Hebamme finde, gehe ich zur Schwangerschaftsvorsorge also nur zu meinem Arzt. Dort liegt der Fokus immer mehr auf den Risiken als auf den natürlichen Vorgängen. Ich soll einen Zuckertest machen, das Baby ist angeblich viel zu groß, mein Eisenwert viel zu niedrig und mein Becken viel zu schmal. Als ich die Nackenfaltenmessung ablehne, ernte ich Unverständnis. Nicht mal die Hälfte der Schwangerschaft vergeht und ich habe jede Menge Sorgen angesammelt: was, wenn das Kind doch einen Gendefekt hat? Was, wenn das Baby wirklich viel zu groß für mein Becken ist?

Wie ich es 2013 erlebt habe:

In der 29. Woche habe ich vorzeitige Wehen und mein Gebärmutterhals verkürzt sich stark. Mein Arzt lässt mich in die Klinik einweisen. Dort soll ich die Lungenreife-Spritze bekommen, damit mein Baby atmen kann, sollte es tatsächlich viel zu früh geboren werden. Die Ärzte üben massiven Druck auf mich aus, als ich zunächst um Bedenkzeit erbitte: „Wollen Sie Ihr Baby töten?“, fragt mich der diensthabende Arzt. Ich bleibe erst mal cool und rufe meine Hebamme an, um die Lage mit ihr zu besprechen.

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Während meines Klinikaufenthalts mit vorzeitigen Wehen fühle ich mich allein gelassen und stark unter Druck gesetzt. Die Ärzte geben mir das Gefühl, dass mein Baby jetzt sofort geboren werden wird – und dass das auch meine Schuld ist (zu viel im Schneidersitz gesessen, zu viel Sport getrieben, zu viel von allem). Panisch sage ich zu allem „Ja“, was die Ärzte vorschlagen. Ohne genau zu wissen, was die Lungenreife-Spritzen in meinem Körper überhaupt auslösen, lasse ich sie mir setzen – und recherchiere in der Folge voller Sorge nach möglichen negativen Auswirkungen. Zeit für längere Erklärungen oder nette Worte hat hier leider keiner: Es herrscht Personalmangel an allen Ecken und Enden und die Stimmung ist irgendwas zwischen hektisch und emotionslos.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Bevor ich mich für die Lungenreife entscheide, telefoniere ich mit meiner Hebamme, die mir Mut macht, mich beruhigt und mir in Ruhe alles erklärt: Mein Baby liegt mit dem Kopf schon tief im Becken und drückt mit seinem Gewicht auf den Zervix. Solange der Muttermund geschlossen ist, soll ich mir keine zu großen Sorgen machen. Die Lungenreife sei aber nicht schädlich und ich könne sie für alle Fälle durchführen lassen. Ich lasse also Lungenreife und Magnesiumtropf über mich ergehen und beunruhige mich auch nicht, als ich in diesen Tagen die Kindsbewegungen weniger deutlich spüre. Ich weiß von meiner Hebamme: Jedes Kind reagiert anders auf die Lungenreife. Einige Tage später liege ich wieder auf der heimischen Couch. Meine Hebammen besuchen mich Zuhause, versorgen mich mit Globuli (an die ich eigentlich nicht glaube) und ganz viel Zuversicht (die ich sehr gut gebrauchen kann).

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Während das Cortison aus der Lungenreife wirkt, wird mein Baby immer stiller. Ich spüre kaum mehr Kindsbewegungen und mache mir große Sorgen. Verunsichert wie ich bin, kriege ich jedoch fast nur ebenso verunsicherte Hebammenschülerinnen zu sehen, die kaum wissen, wie man ein CTG anlegt. Fragen zur Wirkweise der Lungenreife können die mir auch nicht beantworten, auch wenn sie immerhin sehr nett sind und sich große Mühe geben. Ärzte und ausgebildete Hebammen haben für empathische Erklärungen schlicht keine Zeit. Ich fühle mich allein gelassen und meine Einstellung zu Schwangerschaft und Geburt wird immer negativer: Mein Zervix sei „insuffizient“ steht in meinem Mutterpass. Ich fühle mich, als könnte ich das hier einfach nicht. Mein Körper versagt auf ganzer Linie! Wie soll ich also auch noch eine Geburt schaffen?

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett: Eine gute Betreuung ist wichtig!

Mir ist es wichtig, am Ende noch mal klar zu stellen, dass die #OhneHebamme-Passagen rein fiktiv sind und dass es möglicherweise nicht ganz so schlimm gekommen wäre. Meine realen Erfahrungen lassen da jedoch leider sehr viel Spielraum für negative Vorstellungen… Personalmangel und wenig empathisches, da schlicht überfordertes medizinisches Personal habe ich selbst kennengelernt – und war in der Folge umso glücklicher, mit meinen Hebammen feste und vertrauensvolle Ansprechpartnerinnen zu haben.

Gerade die erste Schwangerschaft ist so aufregend, kann viele Ängste und Sorgen wecken und sollte dringend gut betreut werden! Frauen machen in der Regel nur wenige Schwangerschaften pro Leben mit – und deswegen darf das Gesundheitssystem hier nicht sparen! Elterninitiativen wie Mother Hood e.V. setzen sich seit einigen Jahren für eine bessere Geburtshilfe und Betreuung rund um die Geburt ein, auch ich engagiere mich da. Wer auch etwas tun will, informiere sich hier: www.mother-hood.de.

Im nächsten Teil geht es weiter: Mit Hübchens Geburt. Wie hätte die ohne lückenlose Hebammenbetreuung ausgesehen?

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.