Öffentliche Fütterungen

Brüste! Wozu sind die noch mal genau da? Für hübsche Dekolletés in adretten Abendkleidern zum Beispiel. Oder zum Anfassen lassen im heimischen (Ehe-) Bett. Vor allem aber sind Brüste zum Stillen da. Denn dazu hat die Evolution sie uns gegeben: Damit wir mit ihnen im Fall der Fälle unsere Babys ernähren. Komisch ist nur: Obwohl es diesen Zweck ja quasi schon immer gegeben hat, scheint er bei einigen unserer Mitmenschen nicht ganz angekommen zu sein. Immer wieder liest man nämlich Meinungen wie jetzt neulich die einer gewissen Lilian Fritze, ihres Zeichens aufstrebende Lokalblatt-Journalistin. Und die lautet: Mütter, hört auf eure Brüste zum Stillen zu benutzen! Ich frage: Hä?

Ich persönlich liebe ja Lokalblättchen. Regionale Zeitungen werden ja auch als große verbleibende Hoffnung des Journalismus gehandelt. Ich muss das wissen, ich bin ja jetzt an der Journalistenschule und lerne da allerhand nützliches Zeug. Entgegen dem allgemeinen Trend zur Verlagerung der gedruckten Zeitung ins Internet, wird die regionale Printausgabe wohl auf alle Ewigkeiten existieren. Naja, sagen wir zumindest bis 2020. Aber wie auch immer – die Leute lieben ihre Lokalblättchen, nicht zuletzt weil da immer der Aldi-Prospekt beiliegt (oder schließe ich da jetzt von mir auf andere?).

Nun hat ein Schweizer Lokalblättchen eine besondere Perle zutage gefördert: Die Nachwuchs-Journalistin Lilian Fritze ereifert sich in einem Kommentar mit dem Titel „Liebe Mütter“ (der Artikel wurde auf Facebook geteilt, z.B. hier) darüber, dass stillende Frauen ihr ihre wohlverdiente wöchentliche Kötbullar-Speisung in der Ikea-Kantine verderben würden. Eine der stilistisch wertvolleren Passagen lautet:

„[B]itte haltet eure Brüste nicht in fremde Teller und versucht doch zu verstehen, dass ihr die einzigen seid, die vor Wonne zergehen, wenn eure Kleinen satt und glücklich über eure Schulter rülpsen oder die Hälfte der Muttermilch wieder quer über den Tisch spucken.“

Nun, ich möchte es Frau Fritze nicht mal übel nehmen. Auch ich hatte mal kein Kind und da muss ich ehrlich zugeben, dass auch ich nicht unbedingt eine begeisterte Beobachterin von in aller Öffentlichkeit stillenden Frauen war. Ja, damals habe ich mich lieber ans andere Ende des Cafés gesetzt, wenn eine Bande Mütter mit deutlich minderjährigen Kindern ebenfalls anwesend war. So hatte ich meine Ruhe und die stillenden Mütter auch. Und genau deswegen kann ich das „Antwortschreiben“ im Blog „Einfach Klein“ völlig unterschreiben, das unter dem passenden Titel „Liebe Frau Fritze, bitte starren Sie meine Brüste nicht an“ kontert:

„Um das ‘Zusammenleben zwischen Müttern und allen anderen zu vereinfachen’ bitte ich Sie, liebe Frau Fritze, drehen Sie den Kopf und schauen einfach woanders hin!“

Wenn ich mich mit solchen Meinungen wie derer Frau Fritzes auseinandersetzen muss, bin ich, auch wenn es überheblich klingen mag, schnell geneigt zu denken: „Ach, ihr Unwissenden!“. Denn letztlich hat das Stillen in der Öffentlichkeit (leider) meist sehr wenig damit zu tun, dass Mütter „vor Wonne zergehen“ wenn ihre Kleinen satt und glücklich rülpsen.

Wir stillen nicht, weil wir es „geil“ finden, sondern weil es nötig ist

Die Ausgangslage eines öffentlichen Still-Szenarios ist zumindest bei noch frischen Müttern häufig eine andere. Denn stellen wir uns einfach mal Folgendes vor:

Mein Baby ist jetzt 3 Monate alt. Die ersten zwei Milchstaus hab ich überstanden, das Stillen klappt nun zum Glück endlich prima, mein Baby wird satt und alle sind glücklich. In letzter Zeit gibt die kleine siebenköpfige Raupe sich sogar mit einem zweistündigen Trinkrhythmus zufrieden und will nicht mehr stündlich an die Brust. Welch Fortschritt!

 

Da sollte doch… Na, da könnte ich doch… Ach, was soll’s, ich fahr jetzt einfach zu Ikea! Wenn ich das Baby noch kurz vor Abfahrt stille, Hin- und Rückfahrt je 15 Minuten dauern, bleibt mir ein wahnsinniges Zeitfenster von gut 90 Minuten. Wenn ich es rückfallfrei durch die Kinderwelt schaffe (das Kind hat ja jetzt wirklich alles, was es braucht), ist vielleicht sogar ein Stück Mandeltorte in der Ikea Kantine drin. So weit, so gut.

 

Aber ich habe die Rechnung nicht mit meinem Baby gemacht! Das schlummert zwar friedlich im Tragetuch, aber eben nur so lange, wie Mama in Bewegung bleibt. Mandeltorte genießen geht aber am besten im Sitzen. Und plärrrrr, da ist das Baby wach!

Die schnellste und effektivste Art, ein soeben aufgewachtes und allem Anschein nach enorm hungriges Baby zu beruhigen ist nun mal, es zu füttern. Und das Lebensmittel der Wahl für ein Menschenkind ist nun mal Muttermilch. Und die kommt nun mal aus der Brust. Und da spielt es leider überhaupt keine Rolle, mit welchen ästhetischen oder im Sinne Lilian Fritzes vielleicht auch unästhetischen Bedeutungen so eine weibliche Brust mitunter aufgeladen ist. Das Baby will Milch, und die kommt aus der Brust der Mutter. Und das ist auch schon alles.

Der Zweck heiligt die Mittel. Echt jetzt!

Würde jetzt der Herr am Nebentisch plötzlich aufspringen und seinen Penis rausholen, weil er mir mal eben zeigen will, wie schön der schwingen kann, wäre ich wohl zurecht empört. Oder wenn meine entfernte Bekannte in aller Öffentlichkeit ihre Möpse rausholen würde, weil sie mich an ihrer letzten medizinischen Verschönerung teilhaben lassen will, nein, ich wäre nicht begeistert.

Eine Brust jedoch, die nur mal schnell dem Still-BH entschlüpft und dann direkt hinter einem glücklichen, pausbäckigen Baby verschwindet, gleicht weder schwingendem Penis noch hopsenden Silikon-Möpsen, sondern kommt doch viel eher einem Gluten-freien Bütterchen nahe, das meine Freundin in der Ikea-Kantine auspackt, weil ihre Allergie so stark ist, dass sie der dortigen Lebensmittelhygiene nicht vertraut und lieber ihren eigene Proviant mitbringt als nach der Ikea-Mahlzeit zwei Stunden auf dem Klo zu verschwinden. Und was der Freundin ihr glutenfreies Dubbel, ist dem Baby Mutters Brust: Ja, es handelt sich in beiden Fällen schlicht und ergreifend um Nahrung!

Und das ändert sich übrigens nicht, wenn das Baby schon etwas größer geworden ist. Auch dann ist Muttermilch ein wichtiges Nahrungsmittel für das Kind. Und mit etwas Glück kann die Mutter dann nicht nur von ihrem Pragmatismus zehren, sondern hat zwischenzeitlich sogar ein dickes Fell entwickelt, das sämtliche kritischen Blicke von ihr abprallen lässt.

Gewöhnung ist alles – das gilt erst recht für stillfeindliche Mitmenschen

Ich jedenfalls habe mich nicht geschämt, meine Brüste rauszuholen um mein Baby zu ernähren. Dafür war das Geschrei meines hungrigen Kindes auch einfach zu laut. Stillende Mütter gewöhnen sich mit der Zeit daran, hin und wieder ein Körperteil in der Öffentlichkeit zu entblößen, das sonst eher verdeckt bleibt. Sie wissen ja, warum sie das tun und sie würden auch nicht mit nackiger Brust draußen sitzen bleiben, wenn das Baby schon längst satt ist. Und wenn stillende Mütter sich daran gewöhnen können, dann schaffen das sicher auch Frauen wie Lilian Fritze, da bin ich optimistisch.

Kötbullar finde ich übrigens richtig eklig. Und ich persönlich finde es auch ganz und gar nicht in Ordnung, tote Lebewesen zu essen, die vor ihrem Tod ein Gefühlsleben hatten, das durch zumeist untragbare Aufzucht- und Haltungsbedingungen sowie eine brutale Schlachtung massiv verletzt wurde. Trotzdem würde ich dem Kollegen im Blaumann vom Nebentisch (tja, wir sind eben immer noch bei Ikea und nicht im Fünfsterneschuppen) nicht in aller Öffentlichkeit vorhalten, wie daneben ich das finde, dass er sich gerade eine Familienration Fleischklöppse reinhaut. Dafür habe ich nämlich einfach zu viel Taktgefühl. Angemessener wäre es da schon eher, den Blaumann-Mann freundlich anzusprechen und, sofern er Lust dazu hat, mit ihm über die Fürs und Widers des Fleischkonsums zu sprechen. Und ihn ansonsten einfach in Ruhe zu lassen.

Daher ein Tipp von mir an dich, liebe Lilian Fritze: Sprich doch mit der nackten Brust! Oder vielleicht sogar mit der Frau, die da noch dran hängt! Mit ziemlicher Sicherheit erklärt sie dir gern, warum sie ihr Kind in der Öffentlichkeit stillt und eröffnet dir Perspektiven, von denen du zuvor nicht mal zu träumen wagtest.

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2 Kommentare zu „Öffentliche Fütterungen

  1. Alexandra

    Hallo, ich bin stillende Mutter und ja, ich stille in der Öffentlichkeit. Ich finde auch nicht, dass man dafür irgendeine Rechtfertigung braucht. Nicht vor sich, nicht vor anderen. Allerdings sehe auch ich hin und wieder stillende Mütter bei denen ich mich Frage, ob es wirklich nötig ist, die Brust so auffällig „auf den Tisch zu knallen“. Denn ja, es gibt Leute, vor allem ältere Herren, die davon beschämt sind. Ich habe mit meinem nun sieben Monate alten Baby noch nirgendwo einen blöden Spruch oder Blick bekommen. Vielleicht hatte ich Glück, vielleicht lag es aber auch daran, dass auch ich Rücksicht auf andere Leute nehme und wie es in den Wald hineinschallt… Egal was Ihr macht, mit ein wenig Toleranz für andere und Rücksichtnahme entspannen sich viele Situationen. Euch Allen einen schönen Abend und ein noch besseres Wochenende. 🙂

    • Hm, dein Kommentar geht mir leider zu sehr in Richtung „victim blaiming“. Ähnlich, wie jungen Mädchen zu sagen, sie sollen halt keine kurzen Röcke tragen, dann regt sich auch keiner auf, verstehst du, was ich meine? Ich frage mich auch, warum sich die von dir erwähnten älteren Herren nicht über pornografische oder allzu freizügige Werbung empören? Da sind nackte oder halbnackte Brüste wieder OK. Ich persönlich habe auch noch nie Frauen erlebt, die ihre nackten Brüste vor oder nach dem Stillen noch mal schön zur Schau gestellt haben. Brust raus, Baby dran, Brust weg. Damit sollte die Öffentlichkeit doch gut klar kommen und mehr „Rücksicht“ ist m.M.n. nun wirklich nicht nötig!

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