#MyDigitalDay: „Hallo Oma, Tschüss Oma!“

Mein Sohn, das kleine Hübilein, wird in zwei Wochen zwei Jahre alt. Erzogen ist er meiner Einschätzung nach so ungefähr null. Er hört nie auf das, was wir Eltern sagen. Er zieht sich ständig die Socken aus und verteilt sie in der ganzen Wohnung. Er haut, schreit, beißt und tritt wenn er einen Wutanfall hat. All unsere großen Ambitionen, unser Kind schon früh zu einem vorzeigbaren Mitglied der Gesellschaft zu erziehen, sind fulminant an Hübis dickköpfigem und durchsetzungsstarkem Charakter gescheitert. Wir lieben ihn sehr dafür. Bei einer Sache jedoch sind wir sehr stolz auf unsere Erziehungsarbeit: Unser Sohn benutzt so gut wie täglich sein kleines Spielzeugtelefon. Und zwar eins mit Wählscheibe, Schnur und gebogenem Hörer. Und er versteht sogar, dass es sich dabei um ein Telefon handelt.

„Hallo Oma! Ja, aha, ja, aha. Tschüss Oma!“. So sehen Hübis Telefonate aus, wenn er mit seinem schönen, bunten Plastiktelefon spielt. Er ruft auch Opa an, Mama, Papa oder seine Patentante. Ich habe keine Ahnung, woher er das hat. Denn natürlich benutzen wir Zuhause kein Telefon mit Kabel und Wählscheibe mehr. Vielleicht ist so eine alte Version des Telefons aber auch einfach eine perfekte Umsetzung der „Form follows Function“-Theorie? Schreit solch ein Telefon etwa allein durch seine Form danach, als Fernsprechgerät genutzt zu werden?

Unwahrscheinlich. Vermutlich hat irgendwer dem Hübchen einfach mal vorgemacht, wie er sein Spielzeugtelefon „benutzen“ soll und seitdem hat er verstanden, dass dieses sperrige Ding in etwa genauso zu benutzen ist wie unsere I-Phones und unser kabelloses Festnetztelefon.

Die analogen Wurzeln sind gesetzt

Weil wir zu diesen komischen Menschen gehören, die schon mal mit nostalgisch-verklärtem Blick alten Erinnerungen nachhängen und als Kinder der 80er und 90er Jahre noch die gute alte Zeit ohne Smartphones, Internet und Co. erlebt haben, klopfen wir uns ob unserer Erziehungsleistung anerkennend auf die Schultern, wenn wir unser Hübilein mit seinem obercoolen Spielzeugtelefon spielen sehen.

Denn das Kind braucht doch Wurzeln! Unser Sohn muss doch die Ursprünge kennen und sich verankert fühlen, bevor wir ihn loslassen in diese Welt voller digitaler Herausforderungen. Oder eher: Bevor wir diese Welt voller digitaler Herausforderungen auf ihn loslassen. Denn entkommen kann ihr keiner mehr. Und irgendwie ist das ja auch nicht wünschenswert.

Digitaler Alltag

Der Mann und ich, wir sind schließlich schon lange in ihr angekommen. Als Grafikdesigner und Online-Redakteurin dürfen wir ohnehin nicht länger als zwei Sekunden die Augen verschließen vor der nächsten tollen Innovation, die da vielleicht gerade entsteht. Privat müssen wir trotzdem oft aufpassen, dass unser Medienkonsum nicht überhandnimmt. Den abendlichen Griff zum Macbook habe ich völlig automatisiert.

Füße auf die Couch und mal eben nachschauen, ob es interessante Artikel gibt, die ich auf der Kinderhaben-Facebookseite teilen kann. Nur mal kurz die Zugriffzahlen checken. In meinen Lieblingsblogs surfen. Diverse Nachrichtenportale und Zeitungsseiten scannen. Immer auf dem neuesten Stand sein. Mit dem Smartphone scrolle ich durch meine Twitter Timeline, schreibe schnell einer Freundin eine Nachricht oder lese E-Mails.

Ich schätze, das ist in etwa das, was wir alle tun. Nichts besonders aufregendes dabei, eben der alltägliche Konsum, damit wir nicht das Gefühl haben, abgehängt zu werden. Abends leidet höchstens unsere Beziehung ein bisschen darunter. Wenn wir beide hinter unseren Bildschirmen verschwinden, glotzen wir in die Weiten des Internets anstatt uns gegenseitig anzuschauen und uns romantische Dinge ins Ohr zu säuseln. Deswegen disziplinieren wir uns manchmal gegenseitig, die Macbooks jetzt endlich zuzuklappen. Und ich gebe zu: Das könnten wir ruhig häufiger machen.

Das Kind wittert den Konsum

Tagsüber jedoch, wenn mein Hübi wach ist, zeigt er mir ganz oft sehr deutlich, dass es vielleicht doch etwas übertrieben ist, wie oft ich mich versichern muss, dass die Welt sich ohne meine Aufmerksamkeit nicht zu schnell weiterdreht. Wenn das Hübchen zum Beispiel krank ist und ich ganze Tage mit ihm allein Zuhause verbringe, häufen sich die Situationen, in denen ich mein I-Phone nehme oder das Macbook aufklappe und ein zuvor seelenruhig allein spielendes Kind sich wie von der Tarantel gestochen auf mich stürzt um mir mein Spielzeug zu klauen.

Es ist wirklich völlig egal, womit er zuvor gespielt hat, wie versunken er dabei war – sobald ich mich mit Smartphone und Co. beschäftige, wittert er es und ist zur Stelle. Natürlich will er dann auch was damit anfangen, tippt wild auf der Tastatur oder wischt auf dem Display herum. Richtig was damit anstellen kann er aber mit knapp zwei Jahren noch nicht, selbst die Spiele für Kleinkinder, die der Mann extra für ihn heruntergeladen hat, sind noch etwas schwierig für seine tapsigen Finger. Und ehrlich gesagt denke ich auch nicht, dass wir sein Interesse an technischen Geräten aller Art noch fördern müssen. Das ist sowieso einfach da. Und zwar so extrem, dass daneben alles andere Spielzeug uninteressant wird.

Kinder lernen durch Nachahmung

Ich habe ja eine Vermutung, warum das so ist: Das stärkste Verhalten unserer Kinder ist ja immer noch das der Nachahmung. Und wenn wir ehrlich sind, spiegeln unsere Kinder doch nur unser teils sehr extremes Verhalten, wenn es um Smartphones, Computer, Tablets und Co. geht. Wir hängen ständig dran und unsere Kinder wollen das auch. Wenn also immer die Rede von Regeln ist, die man ab einem bestimmten Alter für Kinder einführen müsse, damit diese nicht unkontrolliert spielen, surfen und chatten, dann müssten wir eigentlich auch Regeln für uns selbst aufstellen.

Vielleicht klingt es ein bisschen idealistisch, aber generell bin ich ja der Meinung, dass wir von unseren Kindern nichts erwarten können, was wir nicht auch ihnen zukommen lassen. Ich will nicht die gestrenge Oberlehrerin sein, die ihrem Kind sagt, was es zu tun und zu lassen hat. Ich möchte, dass wir gemeinschaftlich lernen und leben und uns gegenseitig Vorbild und Inspirationsquelle sind. (Dass man trotzdem manchmal klare Ansagen machen muss, zum Beispiel damit das Kind sich nicht in Gefahr bringt, oder weil der Alltag einen dazu zwingt, steht natürlich außer Frage)

Und vor allem dürfen wir von unseren Kindern nichts erwarten, was diese noch nicht leisten können. Stichwort Selbstregulation: Wenn ich meinem Hübi eine Folge Peppa Wutz anmache, dann will er danach noch eine gucken. Und noch eine. Und noch eine. Das endet garantiert in einem Wutanfall, außer der Sohn hat ausgesprochen gute Laune und lässt sich mit einem anderen „analogen“ Spielzeug ablenken. Zum Beispiel dem guten alten Spielzeugtelefon.

Das Familienleben bestimmt den Konsum

Die Krux ist also: Wenn wir hundert Mal am Tag zum Smartphone oder zum Laptop greifen, gelingt es uns Erwachsenen, das immer nur kurz zu machen. Kurz E-Mails lesen, kurz Timeline checken, kurz Tetris spielen (oder keine Ahnung was man heutzutage so spielt, Spiele interessieren mich nämlich nicht besonder). Kinder können das nur so schlecht. Deswegen braucht es irgendwann bestimmt doch Regeln. Zum Beispiel wenn ein zehnjähriger Hübi bei seinem Lieblingscomputerspiel immer die Zeit vergisst. Vielleicht hilft da ein Wecker, der deutlich macht, wann es genug ist.

Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es in einer Familie, in der alle bewusst mit Smartphone, Laptop und Co. umgehen und in der es viele andere Dinge zu tun und zu erforschen gibt, deutlich weniger Anreize gibt, immer und andauernd nur zu surfen, zu spielen und zu chatten. Wo viel geredet wird, echtes Interesse besteht, Angebote zum gemeinsamen Spielen und Bewegen gemacht werden und Neugierde auf diese tolle analoge Welt da draußen geweckt wird, da stellen all diese technischen Dinge und die digitale Welt nur eine weitere Möglichkeit dar, sich zu beschäftigen und sich auszutauschen. Aber sie sind nicht das Nonplusultra, das alles andere überstrahlt und deswegen mit Regeln und Vorgaben bekämpft werden muss.

Soweit die Theorie. Wie das in unserer Familie in der Praxis aussieht, erzähle ich euch dann in den nächsten Jahren. Im Moment fühle ich mich ziemlich gut, hier auf meinem hohen Ross, mit einem Zweijährigen, der ein Drehscheibentelefon benutzt wie ein alter Hase. Ich bin schon gespannt, wann ich da runter falle. Lange kann es ja nicht mehr dauern, denn wann kriegen Kinder noch mal ihr erstes eigenes Smartphone? Zur Einschulung? Puhh, da haben wir ja noch ein paar Jahre.

Dieser Text entstand im Kontext der Blogparade #mydigitalday, zu der Mama on the rocks gemeinsam mit Scoyo aufgerufen hat. Erst dachte ich ja: Spannend, aber echt noch nicht mein Thema. Um dann nach kurzem Überlegen zu merken: Betrifft auch schon Mütter von Zweijährigen! Willkommen in unserer digitalen Welt!

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.