Mutters Erwartungen…

Die Erwartungen von Eltern und Kindern gehen erfahrungsgemäß schon mal ganz schön auseinander. Während bei mir ein entspannter Herbsttag auch ruhig mal nur Ausschlafen, Yoga machen, Lesen und wieder schlafen bedeuten kann, würde es nach Hübchens Geschmack deutlich mehr Action geben. Allgemein haben das Kind und ich oft sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was gut ist oder was gut tut. Und das betrifft nicht zuletzt auch die Kita.

Einige Wochen nach der Eingewöhnung im August habe ich schon darüber geschrieben, dass eigentlich alles ganz prima geklappt hat. Und mittlerweile ist das Hübchen ein noch viel professionelleres Kita-Kind geworden, das kaum mehr mit der Wimper zuckt, wenn ich mich morgens von ihm verabschiede (was im Übrigen eine Lüge ist, weil ich ihn nur ganz selten hinbringe. Meistens ist es nämlich der Mann. Aber auch hier: reibungsloses Abschiednehmen).

Das Kind ist wirklich sehr glücklich in seiner Kita und hat sogar schon zwei allerbeste Freunde gefunden. „Darf ich morgen wieder in die Kita?“, fragt das Hübchen häufig abends vor dem Einschlafen. Und wacht morgens manchmal auf und ruft: „Kita!! Jaaaa!“.

Ich Dummerchen war bis vor kurzem jedoch noch völlig blind für die Zufriedenheit meines Kindes. Weil meine eigene Unzufriedenheit des Hübchens Gefühle völlig überlagerte und ich gar kein Auge für sein Glück hatte. Und das hat viel mit meinen erwachsenen Erwartungen zu tun.

Ich so: Kita blöd!

In der Kita läuft nämlich nicht alles so, wie ich mir das vorstellen würde. Zum Beispiel sind mir nicht alle Erzieherinnen gleich sympathisch und die pädagogischen Methoden erscheinen mir teils ein bisschen zu sehr von anno dazumal. Vom Betreuungsschlüssel möchte ich jetzt gar nicht erst wieder anfangen, denn das ist hier eher ein systematisches Problem, an dem die Kita allein kaum etwas ändern kann. Das Kita-Essen jedoch entspricht ganz und gar nicht meinen Vorstellungen und auch mit der Abhol-Situation bin ich äußerst unzufrieden. Alles in allem also schon ein paar Punkte, die mich zuletzt ziemlich unglücklich gemacht haben.

Denn natürlich habe ich meine Erwachsenen-Sicht aufs Hübchen projiziert. Das arme Kind muss am Tisch sitzen und auf mich warten, wenn ich es nicht pünktlich um 13.45 Uhr zum Abholen schaffe (wobei die offizielle Betreuungszeit eigentlich bis 14 Uhr geht…). Das arme Kind muss eine warmgehaltene Catering-Mahlzeit verspeisen. Das arme Kind muss manchmal ganz schön spuren, wenn die Erzieherinnen es von ihm verlangen. Das arme Kind! Wie es sich wohl dabei fühlen muss?

Hübchen so: Kita super!

Nach einiger Zeit begriff ich aber: Das Hübchen fühlt sich großartig! All die positiven Dinge in seiner Kita scheinen für ihn so sehr zu überwiegen, dass die negativen Aspekte gar keinen Einfluss auf ihn zu nehmen scheinen. Und vielleicht existieren die negativen Aspekte auch tatsächlich nur für mich? In Hübchens kleinkindlichem Verständnis scheint alles halb so wild zu sein. Oder eher: gar nicht wild. Alles super, sagt mir sein strahlendes Gesicht, wenn ich ihn nachmittags abhole und er mir erzählt, was sie heute wieder alles tolles gemacht haben.

Denn was ich unter meiner Negativ-Glocke gar nicht wahrgenommen habe, sind all die positiven Dinge, die das Hübchen dank Kita täglich erleben kann: Die vielen Freunde, die er in so kurzer Zeit gefunden hat. Und dabei vor allem seine zwei Best Buddies, die ihn schon morgens an der Türschwelle begrüßen und ihn direkt zum Frühstück oder zum Spielen abholen. Der Vorlese-Opa, der einmal wöchentlich kommt. Die Turnstunde, die regelmäßig stattfindet.

Und auch: Lehrreiche Aktionen wie die Erntedank-Woche, in der die Kinder selbst Obstmahlzeiten zubereiten. Die vielen Lieder und Abzählreime, die das Hübchen gelernt hat und mit Inbrunst noch Zuhause im Kinderzimmer trällert. Die Bastelobjekte und Bilder, die das Kind mir am Nachmittag stolz präsentiert. Und nicht zuletzt: Die neue Selbstständigkeit, die mein Kind nun auch Zuhause einfordert und die ihn mit einer sehr großen Zufriedenheit erfüllt.

Ich habe meine Lektion also gelernt: Meine Ansprüche sind keine Messlatte, die ich eins-zu-eins auf mein Kind übertragen kann. Und deswegen habe ich meinen Hang zum Dramatisieren in letzter Zeit ganz bewusst eingedämmt. Hätte ich am Anfang am liebsten direkt eine Kita-interne Petition für ein besseres Mittagessen gestartet, halte ich jetzt erst mal die Füße still. Irgendwann kommt der richtige Zeitpunkt, Ideen und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Jetzt gewöhne ich mich erst mal an die neue Kita. Das Hübchen hat mir da ja einiges voraus.

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Ein Kommentar zu „Mutters Erwartungen…

  1. Tom

    Ich finde es sehr interessant, wie du diese Sache siehst, weiter so 🙂

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