#MeinBriefAnMich: Entscheide für dich und dein Baby!

Vor ungefähr genau zwei Jahren lagst du im Krankenhaus. Diagnose: Vorzeitige Wehen. Das passte dir gar nicht in den Kram, denn der Mann und du, ihr befandet euch gerade mitten im Umzug und dein Anspruch an dich selbst war völlig klar: Dein Körper muss funktionieren! Tat er nicht, denn gute 10 Wochen vor dem geschätzten Geburtstermin produzierte deine Gebärmutter Wehen, die da einfach noch nicht sein sollten. Deine Mutter sprach das aus, was du heute auch eingesehen hast: „Ab ins Krankenhaus mit dir, da zwingen sie dich wenigstens zum Abschalten und Hinlegen.“

Im Krankenhaus lief alles so, wie es im Krankenhaus eben so läuft. Tägliches CTG, gegen das sich das Baby heftig wehrte. Es nervte, aber beschwert hast du dich trotzdem nicht. Es wird schon seinen Sinn haben, dachtest du dir. Dabei wusste die Mehrzahl der ganz frischen und unangeleiteten Hebammenschülerinnen, die das CTG anschlossen, nicht mal, wie genau man das eigentlich macht. Aber egal, die Mädels waren nett und unterhielten sich immerhin auf Augenhöhe mit dir.

Ganz im Gegensatz zu den Ärzten, die dich als verantwortungslose Kindermörderin darstellten, als du am ersten Krankenhaustag die Spritze zur Lungenreife verweigertest. „Wollen Sie ihr ungeborenes Kind töten?“, war der exakte Wortlaut, der dir entgegengeschleudert wurde, als du etwas Bedenkzeit und eine Rücksprache mit deiner Hebamme einfordertest. Am zweiten Tag hast du dir dann die erste Spritze setzen lassen. Nach eigener Recherche und Beratung mit deiner Hebamme. Für alle Fälle, damit das Kind atmen kann, sollte es tatsächlich zu früh geboren werden. Durch die strenge Bettruhe wurden die Wehen aber ohnehin weniger.

In der neubezogenen Wohnung standen das Bett und das Sofa und das reichte vorerst aus. Da lagst du also nutzlos rum. Nach einmal Spülmaschine einräumen setzten die Wehen wieder ein. Also wieder aufs Sofa. Schnell hattest du ein Gefühl dafür, wie viel du machen konntest und wann es besser war, dich wieder hinzulegen. Mit viel Ruhe und der Unterstützung von Familie, Freunden und deiner Hebamme kriegtest du die vorzeitigen Wehen in den Griff.

Manchmal muss man sich befreien

Heute kannst du alles klarer sehen. Heute ahnst du, dass es damals psychischer Stress war, der dich so sehr belastete, dass dein Körper mit seiner Schwangerschaft überfordert schien. Heute versuchst du, Vorstellungen wie „Aber man kann doch über alles sprechen“ schnellstmöglich aus deinem Kopf zu verbannen und bist zum Beispiel auch dazu bereit, Beziehungen zu (Schwieger-) Familienmitgliedern oder Freunden zu beenden, wenn diese Menschen dir zu sehr zusetzen.

Manchmal geht es nämlich einfach nicht mehr. Manchmal muss man einfach an sich selbst denken – erst Recht wenn davon noch eine zweite Person betroffen ist, die klein ist und von ziemlich viel Fruchtwasser umgeben. Heute weißt du, dass es manchmal nötig ist, dich zu befreien. Von Menschen, von Pflichten, von Erwartungen – auch von Erwartungen, die du an dich selbst hast.

Mut zur Selbstbestimmung

Und sogar von Erwartungen, die Ärzte an dich stellen. War die Lungenreife-Spritze letztlich nötig? Nein, denn das Baby kam wie erwartet sogar erst nach dem geschätzten Geburtstermin zur Welt. Hätte selbstverordnete Bettruhe Zuhause gereicht? Vermutlich ja. Trotz allem findest du es OK, dich für die Lungenreife und den Krankenhausaufenthalt entschieden zu haben, denn hinterher ist man immer schlauer und ein 30-Wochen-Frühchen wäre kein großer Spaß gewesen.

Was du nicht OK findest, ist die Art, mit der die Ärzte mit dir gesprochen haben und deine geringe Gegenwehr. Außerdem hättest du die ständigen CTGs verweigern sollen, denn du hast gefühlt, dass sie deinem Baby nicht gut taten und ahntest auch, dass sie keinen medizinischen Mehrwert hatten. Stattdessen hättest du dich lieber noch häufiger an deine Hebammen wenden sollen, in deren Praxis dir selbst das CTG-Schreiben nicht unangenehm war (siehe Foto).

Heute weißt du, dass du in der nächsten Schwangerschaft selbstbestimmter sein möchtest. Dass du allein für dich und dein Baby entscheiden willst, ohne dir Angst machen zu lassen oder dir Vorwürfe anzuhören. Es ist dein Körper und du hast ein außerordentlich gutes Gespür dafür, was ihm gut tut, und was nicht. Also wirst du auf ihn hören. Ob das den Ärzten passt? Ob das so manchen Mitmenschen passt? Ach, weißt du was, das ist dir jetzt einfach mal egal. Denn in Ausnahmesituationen sollte so ein „Egal“ einfach mal erlaubt sein. Und dafür ist eine Schwangerschaft, erst recht eine mit vorzeitigen Wehen, ja wohl prädestiniert.

Dieser Text ist im Rahmen der Blogparade #MeinBriefAnMich entstanden, zu dem Jana vom Hebammenblog aufgerufen hat. Jana interessierte, welchen Brief wir anderen Bloggerinnen unserem früheren Ich schreiben würden – mit der Erfahrung, die wir heute haben. Leider gab es in meinem Leben von damals keine erfahrene Freundin, die mir einen solchen Brief hätte schreiben können – und selbst wenn, weiß ich nicht, ob ich damals auf sie gehört hätte. Trotzdem liest vielleicht eine andere junge Schwangere meinen Brief an mein früheres Ich und er macht ihr Mut, ein kleines bisschen selbstbestimmter zu handeln. Das wäre schön.

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