Mein hübsches kleines Mädchen, äh Junge

Das Hübchen trägt gerne lang. Seine Haare dürfen nicht ab, da ist er strikt. Und deswegen ist in der Öffentlichkeit immer gleich klar, wer er ist: Ein hübsches kleines Mädchen mit güldenem Haar! Ganz davon ab, dass er eben eigentlich gar kein Mädchen ist, frage ich mich: Tut diese simple Kategorisierung eigentlich Not?

Seit bald dreieinhalb Jahren habe ich ein Hübchen. DAS Hübchen, schreibe ich hier im Blog, und benutze dann trotzdem immer das Pronomen „er“, weil mein Hübchen ja kein neutrales Dingsbumms ist, sondern ein kleiner Junge. Was verniedlicht wird, wird im Deutschen ja leider immer neutral, das gilt sogar fürs „Mädchen, das“. Ziemlich bekloppt eigentlich.

Mein Hübchen jedenfalls ist eindeutig nicht neutralgeschlechtlich, sondern kam als männlicher Vertreter seiner Art zur Welt. Mit Penis. Und soweit ich das bisher beurteilen kann, fühlt er sich damit ganz wohl. Insgesamt interessiert ihn seine Geschlechtszugehörigkeit allerdings wenig. Was „typisch Junge“ oder „typisch Mädchen“ ist, ist bisher zum Glück selten Thema gewesen.

Mich wundert das manchmal ein bisschen, weil die Mädchen in seiner Kita fast alle maximal pinkifiziert sind und Elsa & Anna vergöttern, während die Jungs das Lied von Feuerwehrmann Sam grölen. Aber irgendwie schafft das Hübchen es, diese Unterschiede einfach an sich abprallen zu lassen, bzw. sich seinen eigenen Weg durch die pink-blauen Welten zu bahnen.

Die Haare dürfen nicht ab

Feuerwehrmann Sam findet er genauso super wie pinke Schuhe. Und seine Haare, die sollen unbedingt dran bleiben. Ich habe meinem Sohn jetzt seit über einem Jahr die Haare nicht mehr geschnitten. Und weil ich in diesem Metier auch wirklich untalentiert bin, traue ich mich bei der Länge jetzt auch nicht mehr dran. Die Haare wachsen also. Und wachsen. Und wachsen. Und ringeln sich in den Enden zu kleinen dunkelblonden Löckchen.

Der Mann sagt, mit seinem Wildwuchs sieht unser Kind aus wie Metal-Nachbar-Jörg (das hat er aus der Comedy-Sendung eines NRW-Radiosenders). Die Mehrheit der Gesellschaft findet allerdings ganz einfach: Unser Kind sieht aus wie ein Mädchen!

Und mir wird jetzt erst bewusst, wie absurd simpel diese Schablonen gestrickt sind, in die bei uns Kinder gepresst werden. Während bei erwachsenen Männern der Man-Bun der hippste Scheiß ist und Frauen schon seit langer Zeit auch gerne Kurzhaarfrisuren tragen, scheint es bei Kindern ein allgemeingültiges Gesetz zu geben: Kurze Haare = Junge. Lange Haare = Mädchen.

Lange Haare = Mädchen

Ich habe mittlerweile aufgehört, die Menschen um mich rum zu korrigieren. „Will Ihre Tochter auch einen Keks?“, „Na du bist aber eine Hübsche!“, „Könnte sie ihr Laufrad bitte etwas zur Seite schieben?“ – egal in welcher Situation fremde Leute mit oder über mein Kind sprechen: Immer wird mein Sohn zu einem Mädchen. Und es ist völlig egal, wie zerrissen seine Jeans, wie dreckig seine braunen Schuhe, wie Nirvana sein Holzfällerhemd ist. Er hat eben die langen Haare, und die weisen ihn ganz klar als weiblich aus.

Manchmal sind es auch nette Begegnungen. Die Verkäuferin im Buchladen fragte das Hübchen, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei. Und mir erklärte sie, im Falle eines Mädchens hätte sie sich gefreut, mal kein von oben bis unten pink/rosa/lila gekleidetes Mädchen zu treffen. Und mein Sohn habe so weiche Gesichtszüge, da könne man das Geschlecht wirklich nicht erkennen.

Ich finde es eigentlich ganz schön, dass man das nicht kann. Und auch irgendwie ziemlich normal. Kinder sind ja nun mal Kinder und man kann ihnen doch ehrlich gesagt in den seltensten Fällen ihr Geschlecht vom Gesicht ablesen. Eigentlich wäre es ein nettes Experiment, mal eine ganze Kita-Gruppe geschlechtsneutral anzuziehen, allen identische Perücken aufzusetzen und fremde Leute erraten zu lassen, welches Kind ein Junge und welches ein Mädchen ist. Ich wette, da gäbe es genauso viele Treffer wie Nieten.

Kann ein Kind nicht einfach nur Kind sein?

Vielleicht kleiden deswegen so viele Eltern ihre Kinder gerne in klar geschlechtszugehörige Klamotten. Ständige Verwechslungen sind ja auch einfach nervig. Mittlerweile fängt auch das Hübchen an, empört „Ich bin ein Junge!“ zu rufen, wenn ihn mal wieder jemand als Mädchen anspricht. Ich frage mich aber trotzdem, warum dieses Einsortieren überhaupt so dringend nötig ist. Mir würde es völlig ausreichen, wenn man mein Kind einfach erst mal nur als Kind wahrnehmen würde.

Selbst ich als erwachsene Frau möchte ja am liebsten einfach erstmal nur als Person wahrgenommen und angesprochen werden. Wenn gute Freunde oder Bekannte mir Komplimente für ein hübsches Kleid oder meine roten Haare machen, finde ich das natürlich nett. Aber von Fremden würde ich ungern für mein ansehnliches Äußeres oder mein seidiges Haar gelobt werden.

Warum passiert das bei Kindern aber ständig? Würde das Hübchen immer noch so viele Komplimente über seine weichen Gesichtszüge und süßen Löckchen bekommen, wenn die betreffende Person in dem Moment wüsste, dass er ein Junge ist? Und wenn nein, warum eigentlich nicht?

Individualität ist bei Kindern unerwünscht

Insgesamt habe ich eigentlich den Eindruck, dass unsere Gesellschaft nicht nur immer individueller, sondern auch offener und toleranter wird. Frauen tragen Boyfriend-Jeans, Männer weit ausgeschnittene T-Shirts. Mittlerweile gibt es sogar Männer, die als Frauenmodel arbeiten. Und natürlich Frauen, denen es gefällt, besonders androgyn aufzutreten. Homosexualität, Transsexualität und das Verwischen von geschlechtlichen Grenzen – das alles ist heute in der Öffentlichkeit angekommen und wird, wenn auch leider nicht immer von allen toleriert, zumindest diskutiert und vom Tabu befreit.

Wenn wir da auf so einem guten Weg sind, warum müssen wir unsere Kinder dann trotzdem immer noch in derart enge Schubladen einsortieren? Individualität ist bei Kindern nicht gefragt. Stattdessen stecken wir sie in Uniformen, schneiden ihnen die Haare kurz oder flechten Zöpfe. Ich finde das so schade! Und wer da aus der Reihe tanzt, wird dann eben einfach als das abgestempelt, nach dem er oder sie „aussieht“. Und das ist nicht nur schade, sondern auch frustrierend.

Frustrierend für die Kinder, denen es auf die Nerven geht, ihre Mitmenschen ständig korrigieren zu müssen. Und auch für die Eltern, die ziemlich hilflos dabei zusehen müssen, wie die Kinder immer wieder verunsichert werden und vielleicht irgendwann in ihrer Individualität einknicken und den leichten Weg der Anpassung wählen. Ich hoffe, dass das Hübchen sich weiterhin nicht so leicht verunsichern lässt und sein wallendes Haar so lange mit Stolz trägt, wie es ihm selbst gefällt.

Immerhin eine positive Sache nehme ich aus meinen Erfahrungen mit: Wenn das zweite Kind ein Mädchen werden sollte, kann es trotzdem alle Sachen vom großen Bruder auftragen. Damit es als Mädchen wahrgenommen wird, reicht schließlich eines völlig aus: Lange Haare. Wenn die sich dann auch noch so süß kringeln wie beim Hübchen, haben wir da schon mal eine „Sorge“ weniger…

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

5 Kommentare zu „Mein hübsches kleines Mädchen, äh Junge

  1. Lena

    Die Haare sind große klasse 🙂
    Ich kann gut verstehen, dass er sie so behalten will. Daumenhoch für euren Erziehungsstil.
    Ich habe eine Tochter und vermeide rosa/pink/glitzer wo ich kann… nur für die Geschenke kann ich nichts -.-
    Wir erziehen bunt.

  2. A

    An sich mit allem völlig d’accord, aber über meine zwei Jungs werden auch wenn sie als Jungs erkannt werden (der Große ist auch kein Fan vom Haareschneiden) gesagt, wie gutaussehend sie sind. Und das finde ich natürlich auch! Ausserdem habe ich lange in England gelebt, wo es völlig normal ist, von wildfremden Frauen auf der Strasse ein Kompliment zu bekommen. Das kam nie unangenehm oder sonst wie seltsam rüber.

  3. Katharina

    Ich finde es echt schade dass es selbst bei jungen Leuten noch teils so extrem drin ist. Ich habe so ein Paar im Freundeskreis, das bei ihrem Sohn total drauf achtet “das ist doch Mädchenkram… stell dich nicht so an, du bist doch kein Mädchen“ etc.
    Die waren auch leicht entsetzt als mein damals zweijähriger eine Zeit lang gern meine Haarreifen und -spangen trug. Auch die Nägel waren mal bunt 😉
    Ich versuche eigentlich gar nichts einzuordnen. Das machen sie früh genug allein wenn es in die Identitätsfindung geht.
    Und trotzdem ist er wohl das was man als richtigen Jungen bezeichnen würde. Nur Autos und Action im Kopf. Und auch das ist völlig ok so.

  4. Kerstin

    🙂
    Ihr Lieben, wir haben auch einen solchen Jungen zu Hause! Er ist fast sechs Jahre alt, trägt lange Haare, liebt die Farbe lilia, mag auch blau und grün und rot usw… er hat schon immer seinen eigenen Stil, steht da ganz selbstverständlich zu und ist so was von authentisch! 🙂
    Ich liebe es, ihn dabei zu begleiten, zu beobachten, zu staunen und ihm immer wieder die Sicherheit zu geben, dass er es genau richtig macht!
    Unsere Tochter ist da ganz anders, sie lebt auch ihren Stil und ist sich da ganz klar und sicher, was sie macht und möchte und lebt. Diese Dynamik ist so ungeheuer spannend!
    Dir noch viel Freude mit deinem Sohn! Liebe Grüße! Kerstin

  5. Ich stimme dir vollkommen zu, auch Kinder sollten ein Recht auf Individualität haben. Die Gesellschaft sollte keine so festen Rollenbilder begünstigen, sondern sich eher über die individuelle Persönlichkeit jedes Kindes freuen. Denke aber wir sind da auf einem guten Weg. Mütter wie du machen den Weg frei, vielen Dank und weiter so!
    Liebe Grüße aus Bonn, Isabella

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.