Mein großes, dickes Baby

„Gibst du dem Sahne?!“, „Boah, der ist aber schon ganz schön schwer!“, „4700 Gramm? Bei der Geburt?!“. In den letzten zwei Jahren hätte ich mal mein eigenes Bullshitbingo erstellen sollen. Bestimmt hätte ich weit mehr als diese drei Aussagen gefunden, die das Gewicht oder die Größe meines Sohnes zum Thema machten. Ja, zur Hölle, ich weiß doch auch, dass mein Hübchen immer größer und schwerer war als das Durchschnittskind. Aber warum spielt das immer wieder eine Rolle? Und was interessiert mich überhaupt der Durchschnitt?

Ich habe mich dann manchmal aber doch dabei ertappt, wie ich mir Gedanken um das Gewicht meines Kindes machte. Wohlgemerkt: Meines noch ziemlich kleinen Kindes! Und glücklicherweise habe ich mich immer schnell wieder selbst zur Räson gerufen. Denn mein Hübchen ist ein ganz normales Kind, das mal mehr und mal weniger isst, mal die Gemüsesuppe ausschlürft und mal nur trockene Nudeln mag, Schokolade natürlich über alles liebt und in Schüben dicker und wieder dünner wird, weil Kinder nun mal so wachsen. Vielleicht wäre ich aber gar nicht an den Punkt gekommen, mir überhaupt Gedanken über das Gewicht meines Babys und Kleinkindes zu machen, wenn das nicht so oft durch andere Menschen Thema gewesen wäre.

Denn ein großer und schwerer Säugling, ein speckiges Stillbaby oder ein wohlgenährtes Kleinkind sind einfach immer Grund für einen flotten Spruch. Ein ähnliches Dilemma kennen bestimmt auch Eltern von sehr kleinen und leichten Kindern: Eine Abweichung vom angeblichen Ideal liefert stets Stoff für einen ja oft auch nur nett gemeinten Kommentar. Und diejenigen, die kommentieren und bewerten, Witze reißen und Sprüche bringen, sind es ja auch nicht anders gewohnt: Schließlich ist es ganz normal geworden, Kinder zu vermessen und einzuordnen. Wichtigste Angabe auf Babykarten sind nicht etwa Art der Geburt oder Glücklichkeitsgrad der Eltern, sondern: Größe und Gewicht des Neugeborenen.

Babykarte ohne Größe und Gewicht? Inakzeptabel!

Bereits vor Hübis Geburt stand für uns fest, dass wir die Maßen unseres kleinen Supermodels nicht in die Welt posaunen wollten. Wir fanden das schlicht unnötig. Unsere Babykarte enthielt zwei Fotos, eins von dem neuen Baby, eins von uns dreien als glückstrahlender Familie, das Geburtsdatum und den Namen unseres Sohnes. Wir fanden das ausreichend. Als ich eine schnelle E-Mail an meine Mitstreiterinnen aus dem Geburtsvorbereitungskurs schrieb, in der ich zusätzlich berichtete, welche unserer Hebammen mich bei der Hausgeburt meines Sohnes so toll unterstützt hatten, erhielt ich prompt unabhängig voneinander zwei Nachfragen: Wie groß und schwer mein Sohn denn wohl sei? Hmpf.

Später ging die Vermessung des Kindes beim Kinderarzt weiter. Bei der U2 schenkte mir der Kinderarzt einen Blick zwischen Unglauben und Bewunderung, als ich nebenbei fallen ließ, dass ich mein fast 5-Kilo-Baby Zuhause geboren hatte. Glücklicherweise war des Hübchens Gewicht danach kaum wieder ein Thema bei Kinderärzten. Die Skala ist offenbar groß genug und vernünftige Kinderärzte tolerieren auch große und schwere Kinder.

Ja, mein Kind ist groß und schwer. Nein, ich hatte keine Schwangerschaftsdiabetes

Das Kreuzchen im U-Heft könnten sie sich meines Erachtens trotzdem sparen. Was nutzt es, die Überdurchschnittlichkeit meines Kindes schriftlich zu dokumentieren? Dass mein Kind ganz schön schwer geworden ist, merke ich doch ohnehin täglich, wenn es gilt, vier Stockwerke gemeinsam zu bezwingen: Ich als Packesel, der Sohn anschmiegsam wie ein kleines Schmusekätzchen auf meinem Arm. Gegen die Rückenschmerzen mache ich in letzter Zeit alle zwei Tage Yoga.

Ja, mein Kind ist groß und schwer. Und nein, ich hatte keine Schwangerschaftsdiabetes. Auch das ist nämlich eine Frage, die mir von anderen Müttern schon häufiger gestellt wurde. Eigentlich ziemlich indiskret. Oder wird ansonsten so offen und schamlos nach ernsten Erkrankungen gefragt? „Oh, du siehst aber blass aus. Anämie?“ oder „Warum humpelst du so? Arthrose?“ wird vermutlich seltener gefragt. Aber sobald ein Baby im Spiel ist, fallen alle Hemmungen. Wenn Kinder als Gemeingut eingeordnet werden, ist auch der Körper der Frau kein Tabu mehr. Diese Erfahrung müssen leider schon viele Schwangere machen, die sich zum Beispiel gegen Tatschehände an Babybäuchen zur Wehr setzen müssen. Grenzüberschreitungen sind anscheinend ganz normal, sobald eine Frau Mutter wird oder geworden ist.

Liebe Mitmenschen, auch Abweichungen vom Durchschnitt sind ganz normal

Aber wie geht man mit frechen Fragen um? Wie pariert man dumme Sprüche? Ich bin da nach wie vor keine Expertin. Meistens habe ich sogar versucht, ernsthaft darauf zu antworten. Nein, ich hatte keine Diabetes, schwere Babys liegen bei mir einfach in der Familie. Nein, das Gewicht des Kindes ist kein Hindernis für eine natürliche Geburt. Nein, ich glaube nicht, dass meine Brüste Sahne produzieren. Ja, solche Speckrollen sind ganz normal.

Manchmal war das anstrengend. Manchmal habe ich aber auch gemerkt, wie den Fragenden oder den Sprücheklopfern bewusst wurde, dass sie ein kleines bisschen übers Ziel hinaus geschossen sind. Oft wurde dann schnell hinterher geschoben: Kugelrunde Babys seien eh die süßesten. OK, danke, ich nehme dein Bemühen zur Kenntnis. Vielen ist vielleicht erst im letzten Moment bewusst geworden: Was für andere wie ein außergewöhnlich großes oder dickes Baby aussieht, ist für die Mutter ganz normal. Ich kenne meinen Sohn ja nicht anders. Und Eltern von besonders kleinen und zarten Kindern wird es da genauso gehen. Kein Grund also, das anzusprechen. Denn keine Sorge: Es ist einfach alles ganz normal.

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5 Kommentare zu „Mein großes, dickes Baby

  1. Anja

    Danke von Herzen für diesen Blog 😊
    In jeder Zeile habe ich mich wieder gefunden. Als ich unser Wunder vor 10 Monaten mit 5260g zu hause auf die Welt gebracht habe war das für mich das normalste auf der Welt. Nur meine Umwelt meint daraus immer wieder ein Thema machen zu müssen… Anstrengend 😛

  2. Meiner war sogar noch ein bisschen schwerer bei der Geburt. Und „nur“ von Muttermilch richtig schön kräftig. Na und? Ist doch super bei Infekten, wo Kids immer ein bisschen abnehmen. Babys mit Speck stecken das meist besser weg 😉 übrigens: jetzt ist er 4 und eher schlank 🙂 bei Babys und Kleinkindern gefällt mir ein bisschen Speck so ganz nebenbei auch optisch besser 😉 *smile*

  3. Hannah

    Oh, wie schön! Ich reihe mich ein mit zwei wundervollen großen und schweren Kindern (1. leider Kaiserschnitt und 2. spontan – mittlerweile vermute ich, dass die Geburtsverläufe wenig mit der Größe der Kinder zu tun hatten). Schwer zu verkraften fand ich beim Großen das Kreuzchen beim Übergewicht bei der U1 und beide Male immer gerne der Spruch, ob ich mich nicht ein wenig mehr beim Fruchtzucker hätte zurückhalten können…

    • Es gibt im U-Heft ein Kreuzchen für „Übergewicht“ bei Neugeborenen?? Da bin ich ja froh, dass unsere Kinderärzte immer entspannt waren und sind. Das Hübchen war ja zudem auch sehr groß bei der Geburt, da stimmten die Proportionen schon ganz gut. Und heute ist er ein ganz normales Kita-Kind, das langsam seinen Kleinkindspeck verliert. Fast ein bisschen schade drum. 😉

      • Hannah

        Ja, gibt es. Hat die Hebamme gemacht (aber nur beim ersten Kind – der Hebammenwechsel beim zweiten Mal hatte schon seinen Grund 😉 ). Dick war er jedenfalls auch nicht, sondern einfach nur sehr lang mit 59 cm. Alles sehr wohlproportioniert. Er wird auch immer groß sein, er hat halt auch einen großen Papa (nur die Mama fällt ein bißchen aus der Reihe) und wie Du schon geschrieben hast, hat er mal rundere und mal längere Zeiten 🙂 und bei der Kleinen wird’s nicht anders sein… Wirklich fies fand ich ja die Diabetestests und das ganze Gepiekse bei meinen kleinen Neugeborenen 🙁

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