Maschinen statt Menschen

Hurra! Endlich werden deutsche Kliniken noch moderner! Das Hamburger Abendblatt feiert am heutigen Samstag die Modernisierung der Hamburger Asklepios Klinik, die insbesondere ihre geburtshilfliche Station mit Hightech aufrüstet. Anstatt mehr Personal, sprich insbesondere Hebammen, einzustellen, schafft die Klinik mehr Technik an – und sie meint in der Tat, damit den gestiegenen Sicherheitsansprüchen der heutigen Frauen zu entsprechen. Ich finde es sehr löblich, wenn Krankenhäuser sich Gedanken darüber machen, dass ihre Patienten (werdende Mütter sind eigentlich keine, aber naja) einen hohen Anspruch an Sicherheit haben. Die neue Sicherheit in der Geburtshilfe mit Technik erreichen zu wollen, lässt mich allerdings nur entsetzt schreien: Ist das euer Ernst?!

Das Hamburger Abendblatt schreibt am 13. Juni 2015:

„Die Bedürfnisse von Schwangeren haben sich in den letzten Jahren verändert. Frauen bekommen in tendenziell höherem Alter ihr erstes Kind und haben daher ‚ein stärkeres Sicherheitsbedürfnis‘, so Ragosch (Chefarzt der Frauenklinik, Anm.). Um diesem Bedürfnis noch mehr Rechnung zu tragen hat der Klinikbetreiber Asklepios kräftig investiert. Zum einen gibt es jetzt neu eine zentrale Kreißsaalüberwachung. Dabei geben Sensoren auf dem Bauch der Schwangeren, so genannte Cardiotokographen, wichtige Werte wie die Herzfrequenz des Fötus computergestützt zum Pflegestützpunkt der Frauenklinik weiter und sind dort jederzeit für die diensthabende Hebamme abrufbar. Die Werte der Kardiotokographen können zudem in den einzelnen Kreißsälen abgerufen werden. Ein großer Vorteil für die Geburtshelferinnen: Sie können flexibler arbeiten und bei mehreren Geburten gleichzeitig die Versorgung mit Sauer- und Nährstoffen der noch ungeborenen Kinder überwachen, sagt Angelika Steenbeck-Breuer, Oberärztin der Geburtshilfe.“

Ist das nicht spitze? Was hier so enthusiastisch als großartige Neuerung präsentiert wird, bedeutet vor allem eins: Die Klinik erreicht damit, dass sie noch mehr Personal abbauen kann. Nach außen hin tut sie jedoch weiterhin so, als wären trotz schlechtem Personalschlüssel alle werdenden Mütter super betreut, denn: Die Überwachung der Frau geht jetzt auch aus der Ferne. Die Hebamme muss erst gar nicht den Raum betreten, in dem die Frau einsam und allein ihre Wehen veratmet (wenn sie überhaupt weiß, wie das geht, so ohne die Anleitung einer Hebamme), sondern kann super bequem auch von einem anderen Kreißsaal (oder vom Aufenthaltsraum der Hebammen) aus auf die Werte aller wehenden Mütter zugreifen.

Ist es also super, die Frauen allein zu lassen?

Die Formulierung lässt schon erahnen, worum es dabei geht: Hebammen überwachen „die Versorgung mit Sauer- und Nährstoffen der noch ungeborenen Kinder“. OK, das ist gut, denn das Baby soll ja gesund geboren werden. Allerdings fehlt da irgendwie etwas: Wer kümmert sich denn um das Befinden der werdenden Mutter? Sagen die Werte der Kardiotokographen (auch als CTG bekannt) irgendetwas darüber aus, wie das Empfinden der Frau ist? Ob sie vielleicht Angst hat? Ob sie starke Schmerzen hat? Ob diese dadurch schlimmer werden, dass sie sich allein gelassen fühlt?

Denkt irgendwer mal darüber nach, dass es dem „stärkeren Sicherheitsbedürfnis“ der heutigen Frauen abträglich sein könnte, wenn sie größtenteils allein gelassen werden und nur hin und wieder eine Hebamme zu Gesicht bekommen, zum Beispiel dann, wenn die CTG-Werte auffällig werden? Könnte es nicht vielleicht sein, dass die schlechten Werte gerade durch den Stress der Mutter verursacht werden, die kein Vertrauen in sich und die Gebärfähigkeit ihres Körpers haben kann, weil sie keine professionelle Unterstützung erfährt?

Es wird Zeit, dass nicht nur wir Frauen uns diese Fragen stellen, sondern auch das Klinikmanagement und -personal, die Krankenkassen und von mir aus auch die Politik. Wenn angeblich alle doch nur die Sicherheit von Mutter und Kind im Blick haben, dann ist es zwingend notwendig, sich diese Fragen zu stellen und sie wahrheitsgemäß und evidenzbasiert zu beantworten!

Sicherheit: Am ehesten durch 1:1-Betreuung

In den Niederlanden zum Beispiel gibt es umfangreiche Studien darüber, die zeigen, dass bei einer als komplikationslos zu erwartenden Geburt Hausgeburten deutlich risikoarmer sind als Klinikgeburten (bei Mehrgebärenden halbiert sich das Komplikationsrisiko sogar), wie auch das deutsche Ärzteblatt feststellt. Es ist keine allzu gewagte These, zu behaupten, dass ein wichtiger Grund für dieses deutlich bessere Abschneiden der Hausgeburt vor allem die dabei stattfindende 1:1-Betreuung durch eine sehr gut ausgebildete Hebamme ist.

Kliniken könnten ebenfalls geringere Komplikationsraten erreichen, wenn sie mehr gut ausgebildete Hebammen beschäftigen würden. Mehr Sicherheit und weniger komplizierte Geburtsverläufe sind jedoch sicher nicht mit einer CTG-Dauerüberwachung aus der Ferne zu erreichen. Denn ist das Kind einmal in den Brunnen gefallen… Es muss stattdessen doch gerade dafür gesorgt werden, dass die Werte erst gar nicht auffällig werden! Sind die Werte schlecht, wird meist bald gehandelt und im Zweifel schnell ein Kaiserschnitt gemacht. Die Frage sollte aber doch eigentlich viel eher lauten: Wie verhindern wir, dass die Werte schlecht werden?

Was passiert bei schlechter Betreuung? Ein Vergleich:

Vielleicht hilft ein plumper Vergleich: Stellen wir uns vor, wir haben die Grippe. Es geht uns wirklich richtig schleeeecht. Das Fieber steigt, der Kopf schmerzt, alle Glieder tun uns weh. Unser Mann hat sich extra frei genommen, um uns zu pflegen. Er hat sich sogar noch eine Grippe-App besorgt, mit der er unseren Krankheitsstand mega professionell auch aus der Ferne überwachen kann. Wir liegen also im Bett, das Fieberthermometer ist dauerhaft an uns angeschlossen. Also, es steckt in unserem Mund, das stört ziemlich und wir können uns nicht so gut auf die Seite drehen, weil es uns dann in die Backe piekst. Deshalb fühlen wir uns nicht gerade wohl in unserer Liegeposition.

 

Unser Mann sagt allerdings, dass er uns so am besten überwachen kann. Er sitzt derweil in der Küche vor seinem Macbook, auf dem die Grippe-App läuft. Nebenher kann er noch das Formel 1 Rennen verfolgen. Jede halbe Stunde ruft er uns via Skype an und fragt nach unserem Befinden. Wenn wir Durst haben, kommt er kurz rein, bringt uns einen Tee und fühlt unsere Stirn. „Das kann noch dauern“, sagt er dann meist und geht gleich wieder raus. Die Nachbarin ist nämlich ebenfalls krank geworden und er hat ihr versprochen, auch ihren Krankheitsstand mittels der neuen App zu überwachen. Dann wird noch ein Nachbar krank. Wenn die beiden auch Durst haben, muss unser Mann schnell rüber gehen und ihnen einen Tee bringen. Dann sind wir ganz allein und müssen uns selbst in die Küche schleppen, wenn wir den Durst nicht mehr aushalten.

 

Irgendwann sind wir ganz verzweifelt, weil es uns so schlecht geht und wir uns so allein fühlen und nur sporadisch mit Tee, Nahrung und Mitgefühl versorgt werden. Die Grippe zieht sich über drei Wochen, wird dann zu einer ausgewachsenen Lungenentzündung und am Ende müssen wir operiert werden, weil sich Wasser in der Lunge gesammelt hat.

 

Unser Mann hat unseren sich verschlimmernden Zustand leider nicht bemerkt, denn zwischenzeitlich wurden noch fünf weitere Nachbarn krank, die er ebenfalls überwachen musste. Am Ende brüstet er sich jedoch damit, uns rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht zu haben, sodass die OP unser Leben retten konnte. Die schlimme Erkrankung und Operation schwächen unseren Körper für viele Wochen. Hinzu kommen psychische Probleme, weil wir uns von unserem Mann so schlecht behandelt gefühlt haben. Es geht uns schlecht.

Und jetzt mal andersherum gedacht: Wie würden wir uns fühlen, wenn unser Mann sich einzig und allein um uns kümmerte? Uns liebevoll umhegen und pflegen würde, solange bis wir uns wieder besser fühlen würden? Wenn wir wüssten, dass jederzeit jemand an unserer Seite ist, der uns hilft, ein offenes Ohr hat und uns Tipps zur schnelleren Genesung gibt? Oder besser noch: Wenn unser Mann eine jahrelange Ausbildung speziell zur Heilung von Grippepatienten absolviert hätte und wirklich alle professionellen Möglichkeiten kennen würde, um uns zu kurieren? Ja, das wäre was, oder? Erzählt doch mal den Oberärzten eurer Geburtskliniken, dass ihr euch solch eine Betreuung auch während einer Geburt wünscht und dass ihr davon ausgeht, dass nur eine 1:1-Betreuung eure Sicherheit bestmöglich gewährleistet!

Hightech-Überwachung dient nur der Personalkosteneinsparung

Wie wäre es, wenn wir alle endlich einen menschenwürdigen Umgang auf geburtshilflichen Stationen deutscher Kliniken fordern würden? Denn wohin soll das denn eigentlich noch führen? Im Artikel des Hamburger Abendblatts wird übrigens auch erwähnt, dass der Chefarzt der Asklepios-Geburtshilfe mit dem Motorrad zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen pendelt. So braucht nicht mehr jede geburtshilfliche Station einen eigenen Arzt und spart sich Personalkosten. Die Hightech-Überwachung anstatt persönlicher Hebammenhilfe ist für die Klinik also der logische nächste Schritt zur Personalkosteneinsparung.

Für mich persönlich stellt sich da die Frage: Warum bleibe ich beim nächsten Kind nicht gleich zu Hause und bekomme mein Kind dort allein? Der Nutzen einer CTG-Überwachung während der Geburt wird nämlich ohnehin nach wie vor kritisch diskutiert. In einer Leitlinie für Frauenärzte heißt es:

„Das Hauptproblem ergibt sich aber daraus, dass die Mehrzahl der nicht als normal eingestuften FHF-Parameter (FHF- Fetale Herzfrequenz, Anm.) falsch pathologisch (d.h. falsch positiv) ist. Daraus resultiert sowohl ante- wie auch subpartual ein Anstieg der Geburtseinleitungen und der Frequenz operativer Entbindungen. Die Ursachen liegen meistens in der Nichtbeachtung zahlreicher Stör- und Einflussgrößen (u.a. fetale Verhaltenszustände, fetale Bewegung, Gestationsalter, Uterusaktivität, mütterliche Kreislaufverhältnisse und Körperhaltung) sowie in Unsicherheiten bei der Beurteilung physiologischer Zusammenhänge zwischen dem fetalen Kreislauf und der fetalen Herzfrequenz. Weitere Gründe liegen in der Verwendung inkonsistenter Grenzwerte und Auswertungsmodalitäten, der Unterlassung ergänzender Testverfahren sowie in fehlenden Managementempfehlungen.“

Als Laie würde ich das mal so interpretieren: Ein Dauer-CTG bringt rein gar nichts, wenn die werdende Mutter nicht auch darüber hinaus professionell beobachtet und ihr Geburtsverlauf achtsam begleitet wird. Denn ein CTG muss immer von einer Fachkraft interpretiert und im Zusammenhang mit vielen anderen Faktoren betrachtet werden. Eine Hebamme, die in der Zentrale sitzt und nacheinander fünf CTGs auswertet, ohne die individuellen Geburtsverläufe persönlich zu begleiten, wird in der Interpretation der CTGs mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viele Fehler machen. Und am Ende stehen dann Fehler, die im Zweifel Leben kosten können.

Personaleinsparungen gehen auf Kosten unserer Sicherheit

Wenn die Kliniken immer mehr am Personal sparen, dann hilft uns auch keine Hightech-Versorgung mehr. Dann schlittern wir unaufhaltsam in eine Katastrophe. Wollen wir das? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der wir von Maschinen überwacht werden, anstatt dass andere Menschen sich um uns kümmern? Soll das die “Sicherheit” sein, die wir uns angeblich wünschen? Nein, denn diese angebliche Sicherheit hilft nur Kliniken dabei, Kosten einzusparen. Das jedoch geht dann auf unsere Kosten. Und auf die Kosten unserer Gesundheit und der Gesundheit unserer Kinder.

Wir alle müssen öffentlich zeigen, dass wir mit dieser Entwicklung im Gesundheits- und Geburtshilfe-System nicht zufrieden sind! Ein Anfang ist das Unterzeichnen der Online-Petition, mit der die Elterninitiative Mother Hood das Thema endlich mehr an die Öffentlichkeit bringen will. Mehr als 114.000 Menschen haben bereits unterzeichnet und damit gezeigt, dass sie für eine Geburtshilfe sind, die Mutter und Kind in den Mittelpunkt stellt – und nicht die wirtschaftlichen Interessen von Kliniken und Krankenkassen.

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