(Langzeit-) Reisen in der Schwangerschaft – ein Erfahrungsbericht von Gastautorin Julia

Eine wunderbare Begleiterscheinung beim Bloggen ist, dass ich darüber oft richtig interessante und nette Menschen kennenlerne. Zuletzt habe ich mich sehr über die Mail von Julia gefreut, die unter www.weltenbummlerleben.de auch selbst bloggt. Und weil ich Julias Lebensstil wahnsinnig spannend finde, habe ich sie prompt gefragt, ob sie hier in diesem Blog mal über ihr Leben als Weltenbummlerin berichten wollen würde. Und ja, das wollte sie! Ich freue mich, euch heute Einblicke in ein Leben geben zu können, dass so ganz anders ist als meins. Viel Spaß beim Lesen!

(Langzeit-) Reisen in der Schwangerschaft und mit Baby – ein Erfahrungsbericht von Gastautorin Julia

Mein Mann und ich – wir sind anders, das merke ich jedes Mal, wenn ich neue Menschen treffe. Man stellt sich kurz vor und schmeißt ein paar Background Facts zu sich selbst in den Raum: Herkunft, Wohnort, Job, Hobbys. Aber so einfach ist das bei uns nicht. Auch nicht, seitdem wir ein Baby haben. Aber lest selbst:

Schwanger beim Backpacken?

Während unsere Familie erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen schlug, machten wir es einfach. Wir hatten ja keine Wahl. Unsere kleine Frida Marlene entstand nämlich während unserer 5 Monate in Südamerika. Genauer gesagt in Bolivien.

Wir waren zu der Zeit schon seit fast 2 Jahren unterwegs. Wir – das sind mein Mann Robert und ich, Julia. In unserem Freundeskreis auch als „Julia Roberts“ bekannt.  Angefangen hatte alles im Jahr 2012 – wir verließen Berlin, unseren geregelten Alltag, gaben die schöne Mietwohnung im Prenzlauer Berg auf und ich kündigte meinen Job in einer PR Agentur – um die Welt zu bereisen!

Wir tingelten 18 Monate um den Globus, besuchten u.a. die USA, Australien, Neuseeland, Südostasien und Hongkong. Am liebsten hätten wir ewig so weitergemacht. Flaute im Geldbeutel zwang uns zurück nach Deutschland. Wir arbeiteten für ein paar Monate hart, um schnell Geld zu verdienen und dann schnell wieder reisen zu können. Was für ein Leben!

Frei und glücklich auf Reisen – trotz Schwangerschaft

Diese Art des Daseins gefiel uns. Wir dachten nicht viel über die Zukunft nach, sondern lebten einfach im Moment. Waren frei und glücklich. Wir reisten nach Südamerika – und dann passierte es: ich wurde schwanger! Wir freuten uns wie Bolle. Klar wollten wir Kinder. Über den perfekten Zeitpunkt dachten wir nie nach – ein Problem weniger.

Die gehässigen Sprüche von Freunden und Verwandten, als wir ihnen die freudige Nachricht überbrachten: „Dann ist jetzt aber Schluss mit eurem Lotterleben!“ – „Mit Baby könnt ihr das Reisen jetzt vergessen!“ – „Dann müsst ihr euch jetzt aber schon mal niederlassen!“. Unsere Nackenhaare stellten sich auf. Nee. Warum? Sollten wir uns jetzt ein Haus bauen? Ein Auto kaufen? Versicherungen abschließen? Daran dachten wir nicht in unseren kühnsten Träumen. Im Gegenteil. Wer sagt, dass wir nicht auch mit Baby reisen können?

Chronisches Fernweh im Normalo-Leben

Zugegeben, seit der Geburt der kleinen Frida unterscheidet sich unser Leben nicht von dem der Familie Normalo. Wir sind zurück in Deutschland, haben einen Job, eine Mietwohnung, ein Auto und so etwas wie einen Alltag – auf den ersten Blick. Schauen wir etwas genauer hin, sieht das Ganze schon anders aus. Wir leiden an chronischem Fernweh.

Unsere Reisen haben uns verändert, unser Denken, unsere Vorstellung vom Leben. Wir haben gelernt, mit wenig Besitz und wenig Geld auszukommen. Und unsere kostbare Zeit auf dieser Welt, zusammen als Familie, zu schätzen. Das Leben ist zu kurz und zu schön, um nicht richtig gelebt zu werden. Denn ist es nicht so: Viel zu sehr, viel zu oft leben wir einfach vor uns hin. Gehen arbeiten, machen Urlaub, treffen uns mit Freunden, sind gefangen im Alltag, festgefahren in Strukturen und haben das große Ganze aus den Augen verloren.  Und schwups, ist wieder ein Jahr vorbei.

Zeit ist wichtiger als Geld

Sind wir dabei wirklich glücklich? Machen wir das, was wir wollen, oder das, was die Gesellschaft von uns erwartet? Vielleicht denken wir nicht mal mehr darüber nach, weil es so normal geworden ist.  Robert und ich, wir wollen nicht, dass einer von uns den ganzen Tag arbeitet, während der andere zuhause sitzt, wir wollen nicht nur nebeneinanderher leben und einzig abends und am Wochenende ein paar gemeinsame Stunden verbringen. Zeit ist uns wichtiger als Geld.

Reisen ist (im Moment) die beste Lösung, dies in die Tat umzusetzen. Sich immer wieder neu zu testen, zu wachsen, sich weiterzuentwickeln. In einer fremden Umgebung sein und mit Situationen konfrontiert zu werden, die eben nicht zum Alltag gehören. Den ganzen Tag zusammen zu sein. Mit allen guten und schlechten Seiten. Reisen inspiriert, bereichert uns enorm und lehrt uns immer wieder neue Dinge, über die Welt und über uns selbst. Wir lieben das Reisen. Auch wenn es im Moment nicht (mehr) nomadenmäßig dauerhaft stattfindet.

Warum sollten wir das nicht alles an unsere Frida weitergeben? Glückliche Eltern ergeben glückliche Kinder. Wir wollen ihr die Welt zeigen, sie zu einem offenen und fröhlichen Menschen erziehen. Ob es nun Langzeitreisen oder immer wieder kurze Trips sein werden, wird sich zeigen. In den meisten Ländern der Welt sind Erwachsene Kindern gegenüber sowieso viel liebenswerter und euphorischer, als es in Deutschland der Fall ist. Ist es nicht schön, wenn ein Kind in so einem freundlichen Umfeld aufwächst? Einem, in dem Kinder kein lästiges Anhängsel sind, sondern der Nabel der Welt.

Günstig Reisen und nachhaltig leben

Wie wir das finanzieren? Diese Frage wird uns immer wieder gestellt, und die meisten Menschen denken bestimmt, wir hätten im Lotto gewonnen oder eine Bank überfallen – leider ist nichts davon der Fall. Aber Reisen ist viel günstiger als viele denken. Wir haben fast keine Ansprüche: Auf Reisen leben wir so einfach wie möglich. Luxus? 4-Sterne-Hotels? Fehlanzeige. Günstige Hostelzimmer oder  Zelten, einheimische Restaurants oder selber kochen sind die Devise. Keine großen Touristenzentren, lieber authentische Örtchen.

Im Alltag setzen wir Prioritäten. Wir halten nichts von Konsum, meiden Shoppingcenter. Kaufen, wenn, dann nur Second Hand. Reparieren statt wegwerfen. Allgemein leben wir sehr nachhaltig, sparsam und einfach. Da bleibt am Ende des Monats noch einiges übrig fürs Reisen. 

Entschleunigte Schwangerschaft

Aber zurück zur Schwangerschaft: Die ersten Monate in Südamerika verliefen übrigens ganz unkompliziert. Wir reisten noch drei Monate durch Peru, Ecuador und Kolumbien. Natürlich änderten wir unsere Reisepläne. Nichts mehr mit Höhenwanderung auf 4000 Meter oder einer Amazonastour. Wir ließen es ruhiger angehen, und das war genau richtig. Keine Partyhostels, sondern kleine Bungalows oder Fincas. Keine Trekkingtour, sondern Yoga. Keine Partys, sondern Lesen in der Hängematte am Strand. 

Beim Frauenarzt in Quito in Ecuador sahen wir das kleine Herzchen zum ersten Mal schlagen. Erlebten, wie sich mein Bauch ganz langsam wölbte. Ich erlitt andauernde schlimme Schlafattacken, Anfälle von Übelkeit und Hungergelüste (wo um Himmels willen in Quito bekomme ich jetzt Apfelmus her!?). Tagelang aß ich nur Chips und Avocados, alles andere ekelte mich an. Wenn mich die Müdigkeit überkam, blieb ich einfach den ganzen Tag im klimatisierten Zimmer. Tja, das gehört eben dazu. Insgesamt aber hatte ich viel Zeit zum Entspannen. Zeit für mich und das ungeborene Baby, entschleunigt ohne Stress. Was kann es schöneres geben als so einen wunderbar entspannten Start in die Schwangerschaft?

Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Ob wir unser Nomadenleben wieder aufnehmen, oder die sichere Mietwohnung doch behalten, könnt ihr auf unserem Blog verfolgen.
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War das nicht ein wunderbarer Einblick in ein Leben, das wahnsinnig glücklich und vor allem selbstbestimmt klingt? Ganz vielen Dank, liebe Julia, dass du das hier mit uns teilst! Ich selbst bin ja nicht so der Mensch fürs Reisen und habe gerne ein festes Zuhause. Aber die Grundsätze von Entschleunigung, mehr Besinnung auf das, was einem tatsächlich gut tut, mehr Zeit für die Familie usw. – das kann man denke ich auch in einem „normalen“ Leben sehr gut umsetzen und gerade deswegen finde ich deinen Text sehr, sehr inspirierend.

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Ein Kommentar zu „(Langzeit-) Reisen in der Schwangerschaft – ein Erfahrungsbericht von Gastautorin Julia

  1. Gesi

    Das Lesen hat mir viel Spaß gemacht. Es gibt so viele Möglichkeiten, glücklich zu sein.

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