„Jedes Kind kann schlafen lernen“?

Schlaflernprogramme wie die im Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ beschriebene Methode stehen zu Recht in der Kritik. Trotzdem werden sie in den Medien immer wieder empfohlen, unkritisch erwähnt und als gängige Erziehungsmethoden wiedergekäut. Ich habe mich gefragt: Was können wir dem entgegensetzen – insbesondere im Gespräch mit anderen, unkritischen Eltern?

Seit langer Zeit habe ich gestern mal wieder Die Zeit gekauft. Ich war nämlich neugierig auf das Beilagenheft „Zeit Schule & Erziehung“, das den Untertitel trägt „Wer setzt Kindern noch Grenzen? Ein Heft über verunsicherte Eltern, wilde Schüler und Familien, die das Abenteuer suchen“. Ich liege also in Walross-Manier auf dem Sofa (so langsam macht mir der dicker werdende Bauch zu schaffen) und fange interessiert an zu lesen.

Und direkt im ersten Artikel muss ich stocken. Weil ich auf folgenden Absatz stoße, den ich sofort via Social Media verbreite:

Die Zeit 20170216 Ausschnitt Kast-Zahn

Aus „Die Zeit“, 16. Februar 2017

Das hier erwähnte Buch von Annette Kast-Zahn ist höchst umstritten. Wer mehr über die Hintergründe der Kritik erfahren möchte, kann das sehr gut hier nachlesen oder ansehen:

Im Gesamtkontext des Artikels handelt es sich zum Glück nicht um eine ausdrückliche Empfehlung des Buches. Insgesamt versucht der Text, die große Bandbreite an unterschiedlichen Erziehungsstilen und -experten und damit die Vielzahl der elterlichen Entscheidungsmöglichkeiten und -probleme abzubilden. Am Ende kommt die Autorin gar zu dem Schluss, dass autoritäre Erziehungsmethoden zurecht der Vergangenheit angehören und „die neuen Eltern“ ihre Sache „im Grunde ziemlich gut machen“.

Kindliche Bedürfnisse werden problematisiert

Ich möchte den Inhalt des Artikels also keinesfalls dramatisieren. Trotzdem finde ich es bedenklich, dass Die Zeit einen Hinweis auf das Schlaftraining von Annette Kast-Zahn völlig unkritisch erwähnt, als wäre es irgendein beliebiger und möglicherweise sogar sinnvoller Ratgeber. Auch die Formulierung der Passage ist höchst unglücklich. Denn wer einen „Fahrplan“ aufstellen will, um unseren Babys „die umständlichen Einschlafrituale“ abzugewöhnen, hat sich wohl noch nie mit den eigentlichen Grundsätzen von Baby“erziehung“ (was ich bewusst in Anführungsstrichen schreibe) und kindlichen Bedürfnissen befasst.

Damit spiegelt dieser kleine Absatz im Zeit-Artikel das grundsätzliche Problem wider: In unserer Gesellschaft werden die kindlichen Bedürfnisse als den elterlichen Bedürfnissen grundgegensätzlich angesehen. Wie Babys sich verhalten, ist „umständlich“ und wir wünschen uns einen „Fahrplan“, um sie tauglicher für unser durchgetaktetes Leben in der Kleinfamilie zu machen. Und leider gibt es dazu auch noch die passende Literatur, die im Detail beschreibt, wie wir den Willen unserer Kinder brechen und sie mit psychischer Gewalt fügsam machen können.

Es ist problematisch, dass es solche Literatur gibt. Und es ist noch problematischer, wenn die Presse sie auch noch immer wiederkäut und in unkritischen Zusammenhängen darstellt. Denn damit bleibt das Thema immer im Gespräch, erscheint weiterhin als harmlos und des Ausprobierens wert.

Und damit stellt sich die Frage: Was können wir dagegen machen?

Susanne Mierau schlägt folgendes vor:

In der Diskussion auf meiner Facebook-Seite stellt sich Leserin Sarah aber vor allem die Frage, wie sie darauf reagieren soll, wenn Freund*innen oder Bekannte die Schreien-lassen-Methode ausprobieren und sich keines Fehlers bewusst sind:

Eigentlich möchte ich nur laut losschreien, dass die ihr Kind zerstören. Meist bin ich aber so perplex, dass Eltern das so überhaupt nicht hinterfragen, dass ich stumm bleib.

Stumm bleiben ist aber vermutlich die schlechteste Idee, denn ich habe die Vermutung, dass die meisten Eltern schlicht aus Unwissenheit agieren. Denn wenn es in einem Buch steht, kann es doch nicht schädlich sein, oder? Deswegen habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, wie ich in einem solchen Fall reagieren würde. Welche Informationen und Anregungen kann man anderen Eltern geben, die das Schreien-lassen für eine durchaus nützliche Methode halten?

1. Auf die Evolution hinweisen – und damit auf „echte“ Baby-Bedürfnisse

Leider haben viele werdende oder junge Eltern völlig falsche Vorstellungen von Babys. In unserer westlichen Kultur gehen wir viel zu sehr davon aus, dass unsere Kinder sich unserer modernen Lebensweise anpassen müssen. Erst recht die ganze Kleinen, denn die schlafen doch sowieso viel und außerdem kann man sie überall mit hinnehmen. Wenn das dann in der Realität so nicht klappt, sind viele schnell enttäuscht.

Es kann darum eine echte Wohltat sein, von anderen Eltern zu hören, dass einfach unsere Vorstellungen falsch sind! Dass es ganz normal ist, wenn Babys viel schreien, oft unzufrieden sind, ständig gestillt werden wollen und total unregelmäßig schlafen. Evolutionär gesehen sind diese Babys sogar die „klügeren“, weil sie in längst vergangenen Zeiten die höheren Überlebenschancen hatten. Wer schreit, wird nicht in der Höhle vergessen und vom Säbelzahntiger gefressen. Wer unruhig schläft, wird selten allein abgelegt und immer von einem Erwachsenen beschützt. Klingt logisch, oder? Ist uns aber heute nicht mehr bewusst. Das Kinderbett ist doch so kuschelig! Und der Kinderwagen war echt teuer! Unseren kleinen Evolutionsmodellen ist das leider reichlich egal.

Wer diesen Widerspruch zwischen evolutionärer Baby-Programmierung und moderner Welt erst mal begriffen hat, kann auch viel besser mit dem schlechten Schlafverhalten seines Baby umgehen. Und vielleicht wird man am Ende sogar ein bisschen stolz darauf, dass das eigene Baby im Vergleich zu diesen ganzen braven Langweiler-Babys vor 100.000 Jahren die besseren Überlebenschancen gehabt hätte. 😉

2. Andere Kulturen erwähnen – und was da als „normal“ gilt

Dass unsere Enttäuschung über das Baby-Verhalten vor allem unseren vorgefertigten Vorstellungen entspringt, kann man auch gut an Vergleichen mit anderen Ländern und Kulturen deutlich machen. Wer im Gespräch mit einer genervten Mutter erwähnt, dass es in anderen Ländern völlig andere Auffassungen von „normalem“ Babyschlaf gibt, kann richtig gut zum Denken anregen.

Die Modelle vom alleine einschlafen, durchschlafen oder im eigenen Bett schlafen gibt es in dieser strengen Form wie wir sie kennen, tatsächlich nur in unserer westlichen Welt. Indische Eltern erwarten beispielsweise erst im Alter von 5 Jahren, dass ihr Kind mal durchschläft. Bei uns sollen die Baby das am besten schon mit 6 Monaten leisten.

Und auch das Co-Sleeping ist keine Hippie-Erfindung moderner Attachment-Parenting-Eltern, sondern wird so rund um den Globus praktiziert. Mütter schlafen wegen der engen Stillbeziehung oft bei den Babys, während Väter oder andere Verwandte bei den älteren Kindern schlafen. Die Evolution sagt nämlich auch hier: Keiner ist nachts gerne allein!

3. Hilfe anbieten – oder auf die Unmöglichkeiten der Kleinfamilie hinweisen

Wer mit Eltern spricht, die Schlaftrainings mit ihren Baby durchführen, muss zuerst mal von einer Tatsache ausgehen: Diese Eltern können nicht mehr und sind mit der aktuellen Situation völlig überfordert. Kaum ein Elternpaar macht so ein Training gerne und keine Mutter lässt ihr Baby gerne schreien. Die Anwendung solcher Methoden spricht eigentlich immer für einen hohen Grad an Verzweiflung.

Und deshalb ist der wohl wichtigste Tipp: Lasst uns solchen Eltern Hilfe anbieten! Wer tagsüber mal ein paar Stunden für sich hat, hält die Nächte besser durch. Wer weniger mit dem anstrengenden Baby alleine ist, fasst neuen Mut, diese nervige Zeit zu überstehen. Wenn eine Freundin mir von ihrer Müdigkeit erzählt, biete ich ihr also am besten an, ihr das Baby mal für ein paar Stunden abzunehmen. Oder ich unternehme gemeinsam mit ihr und dem Kind etwas schönes, damit sie sich weniger alleine fühlt.

Wenn es nur entfernte Bekannte sind, zu denen ich wenig Berührungspunkte habe, kann ich sie dennoch ermutigen, sich in ihrem näheren Umfeld Hilfe zu suchen. Einfach mal zu betonen, wie unnatürlich das Leben in der Kleinfamilie doch eigentlich ist, kann Wunder wirken. „Du musst das nicht alleine schaffen!“ oder „Früher hat die ganze Großfamilie sich ums Baby gekümmert!“ kann die Perspektive ins Positive verschieben und Mut machen, aktiv nach Unterstützung zu suchen.

4. Alternativ-Literatur empfehlen

Wenn nicht viel Zeit zum Reden ist oder auch, wenn Eltern für persönliche Tipps nicht sehr zugänglich sind, hilft es immer noch am besten, einfach jede Menge Alternativ-Literatur zu empfehlen. Denn was in einem Buch steht, kann ja so falsch nicht sein, oder? 😉 Zum Glück gibt es mittlerweile ganz tolle Bücher und Blogs, die sich mit den natürlichen Bedürfnissen unserer Babys auseinandersetzen – und damit, wie wir ihnen gerecht werden können, ohne dabei verrückt zu werden. Hier kommt nur eine kleine Auswahl. Sollte euch noch mehr einfallen, dann gerne rein in die Kommentare!

Literatur-Tipps:

Blogs und Online-Texte:

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5 Kommentare zu „„Jedes Kind kann schlafen lernen“?

  1. Katharina

    Dieser Artikel kommt mir gerade recht, hat doch mein sechs Monate alter Sohn Nummer zwei im Moment eine echt anstrengende Beziehung zum Schlaf.
    Da hilft es, sich diese Dinge mal wieder ins Gedächtnis zu rufen.
    Zum Glück helfen bei uns die Großeltern gerne und schaffen mir Verschnaufpausen. Auch wenn sie nicht immer ganz verstehen warum der mini nicht einfach wie sein großer Bruder mit drei Monaten im eigenen Zimmer durchschlafen kann… bestimmt weil ich immer noch sooo viel stille… 😉
    Ich sag immer nur, anderes Kind, andere Bedürfnisse.
    Aber ich freue mich jetzt schon darauf wenn es irgendwann endlich besser wird, denn aktuell bin ich doch sehr erschöpft, worunter die ganze Familie leidet.

    • Auch spannend, wie unterschiedlich Kinder sind, oder? Ich gebe ja fürs zweite Baby die Hoffnung auf einen Gut-Schläfer nicht auf. 😉 Aber letztlich bin ich ohnehin vermutlich gelassener, weil ich jetzt schon weiß: Es geht alles wieder vorbei! Dir viel Durchhaltevermögen und weiterhin viel Unterstützung durch andere!

      • Katharina

        Danke 🙂
        Ich drücke dir die Daumen dass euer kleines euch mit gutem Schlaf beglückt.
        Bei meinem großen bedeutete durchschlafen übrigens ab etwa dem ersten Geburtstag: Mittagsschlaf brauch ich nicht, nachts darfst du wenigstens einmal meinen Schnuller suchen und wenn Papa um halb sechs aufsteht bin ich auch munter. Das fand ich auch nicht weniger anstrengend als jetzt nachts alle ein bis zwei Stunden andocken und weiter schlafen.
        Aber ja, man wird gelassener. Auch gegenüber den Nachfragen und “Tipps“

  2. Julia

    Ein Super Bericht!
    Denke aber auch das viele es einfach durch zu viel theorie sich die ganze Sache selber zu schwer machen und „zerdenken“ das Problem.
    Klar ist jedes Kind individuell und hat andere Bedürfnisse, aber irgendwie sollten doch aufmerksame Eltern am besten Wissen was dem Kind fehlt. Naja zum Glück hatte ich nie ein Schlafproblem mit meinem Kind 🙂

    • Ja manchmal sollte man sich sicher mehr auf die eigene Intuition verlassen. Ich finde aber auch, dass es einfach sehr schwer sein kann, sich gegen kulturelle und gesellschaftliche Erwartungen zu stellen. Vorstellungen wie „ab 6 Monate schläft ein Baby durch“ oder „Kinder haben von Anfang an ein eigenes Bett“ sitzen oft ja sehr tief – manchmal sogar unbewusst.

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