Ich, das Sensibelchen

Der Mann rödelt in der Küche: Er bäckt. Das tut er sonst nie – nicht umsonst spreche ich sonst nur von „meiner Küche“, auch wenn der Mann dann immer mit den Augen rollt. Aber ich koche und backe eben so gut wie immer – weil besser. Aber morgen ist mein Geburtstag. Ich werde 30 und der Mann bäckt. Ich liege unterdessen im Bett. Auf dem Balkon wurde es zu sonnig, mein Gesicht ist schon ganz rot und ich weigere mich standhaft, mich schon Anfang April mit Sonnencreme einzuschmieren.

Das Hübchen haben wir von der Oma abholen lassen. 15 Kilometer entfernt buddelt er jetzt mit seinem Opa Kartoffeln in die Erde oder spielt Fußball oder isst Eis in der Sonne. Und ich liege also im Bett und denke tatsächlich einfach mal nur so, wie gut wir es haben. Wie schön doch eigentlich alles ist.

Wie glücklich ich bin, dass mich das Baby von innen tritt und ich mich einen vollen halben Sonntag lang ausruhen kann, während das Hübchen ebenfalls mal einen vollen halben Sonntag lang sicher vor mir ist. Und ich denke auch, wie lieb ich mein Hübchen habe und dass ich mich schon wieder auf sein wildes Lachen und seine verknuselten Löckchen freue, die ich noch vor zwei Stunden nur unter lautem Gebrüll durchkämmen konnte.

Das Hübchen hat es nicht leicht mit mir

Das Hübchen hat es weiterhin nicht leicht mit mir – und ich nicht mit ihm. Im Moment ist er mir die meiste Zeit, die ich mit ihm zusammen bin, zu laut, zu wild, zu grob, zu rücksichtslos, zu unkontrolliert, zu wütend. Kinder sind eben so!, sagt der Mann abends zu mir. Und ich antworte wütend: Ich weiß, und deswegen hasse ich Kinder!

Natürlich hasse ich Kinder nicht. Aber es stimmt, dass Kinder, insbesondere die zwischen 3 und 6, mir fast immer viel zu anstrengend sind. Ich ertappe mich im Moment ständig selbst dabei, wie mir die Kinder von Freunden und Bekannten, Hübchens Kita-Freunde oder sogar wildfremde Kinder wahnsinnig auf die Nerven gehen. Wie ich die Augen verdrehe und mich innerlich über so viel Lautstärke, Frechheit und Ungezogenheit aufrege, obwohl und auch, weil mein eigenes Kind genauso ist. Kinder sind eben so! Ich weiß das doch auch!

In größeren Runden, z.B. auf Partys oder bei Treffen mit befreundeten Familien, komme ich mir oft vor wie ein Alien. Bei Abendessen, an denen auch viele kleine Kinder teilnehmen, möchte ich manchmal einfach aufstehen und rausgehen. Oder mir wenigstens mal kurz die Ohren zuhalten. Während alle anderen um mich rum sich völlig selbstverständlich über den Lärmpegel hinweg unterhalten – und ihn damit für mich noch unerträglicher machen. Ruhe!, will ich manchmal einfach nur noch schreien. Und frage mich im nächsten Moment, warum ich hier eigentlich die einzige bin, die so empfindet.

Ich, das Sensibelchen

Meine Eltern erzählen gern die Geschichte, wie einer von ihnen im Türkeiurlaub mit mir immer recht kurzfristig die Märkte wieder verlassen musste. Angesichts von sich schiebenden Menschenkörpern, hunderten verschiedensten Gerüchen und einer Außentemperatur von 30°C im Schatten wurde ich nach einiger Zeit innerhalb von Sekunden schneeweiß und stand kurz vorm Kollabieren. Ich musste da weg und meine Eltern schafften mich schnell aus der Gefahrenzone. Um meine sensible Ader haben sie nie Aufhebens gemacht. Ihre Tochter war eben so, ja und?

In meinen Studienjahren war ich dann gut darin, mich abzuhärten. Anfangs habe ich mich zu Auslandsaufenthalten und neuen Erfahrungen gezwungen, schnell wurden sie für mich aber selbstverständlich bis lebenswichtig. Fernreisen oder Festivalbesuche habe ich trotzdem immer vermieden und stickige Kneipen oder große, volle Konzerte überlebe ich bis heute nicht ohne drei Bier intus, die über alles eine angenehm sanfte Glocke legen, die mich ein bisschen schwächer empfinden lässt und mir Gleichgültigkeit schenkt.

Ich dachte, ich käme zurecht. Und dann kam das Wut-Kind

Ich dachte also, ich hätte alles im Griff, ich wäre nicht mehr so lächerlich dünnhäutig. Und dann kam das Hübchen ins Wut-und-laut-Alter. Und mir wurde täglich alles zu viel. Ein Glück, dass ich gerade gar nicht saufen darf – aktuell könnte ich nicht dafür garantieren, nicht schon am Morgen einen Zitterschluck zu nehmen, wenn der Sohn eine halbe Stunde nach dem Aufwachen bereits seinen dritten Wutanfall durchlebt.

Am Nachmittag bin ich die menschliche Gummizelle, an der sich das Hübchen seine Überforderung des an sich super durchgehaltenen Kita-Tages wegboxt. Ich habe ständig Schmerzen, weil das Kind andauernd rücksichtslos auf mich draufspringt und ich höre aktuell zehnmal täglich, was für eine „blöde Mama“ ich sei. Ich weiß, dass ich der Fels in der Brandung sein muss oder so ähnlich. Ich verstehe, dass das Hübchen gerade deswegen so gemein zu mir ist, weil er weiß, dass er es sich bei mir erlauben kann: Ich liebe ihn ja trotzdem und das sag ich ihm auch andauernd.

Nur: Ich ertrage das alles kaum. Mir ist alles zu laut, zu rauh, zu viel. Ich verzweifle an diesem frechen Kind, dem ich alles fünf Mal sagen muss, und das doch nicht auf mich hört. Seit einigen Tagen sage ich es sogar laut: Ich ertrage das nicht mehr! Und dann ertrage ich es doch weiter, weil ich ja muss. Und weil das Hübchen immer dann, wenn ich besonders verzweifelt bin, plötzlich zu mir kommt. Mir bei irgendwelchen Alltagsdingen hilft, meinen Arm streichelt, sagt: Mama, ich hab dich so lieb! Weil er nämlich genau dann doch Rücksicht nimmt und es sicher nicht mehr lange dauert, bis er auch in anderen, weniger angespannten Situationen, lernen wird, rücksichtsvoll zu sein.

Wir müssen lernen, uns gegenseitig auszuhalten

Weil der Ärmste das eben lernen muss. Weil ich vielleicht doch ein bisschen anders bin als andere Mütter. Weil ich mich so schlecht abgrenzen kann und für mich alles so schnell so viel wird. Und ich verspreche dem Hübchen, dass ich mich trotzdem anstrenge, ihn bestmöglich zu ertragen: seine Lautstärke, seinen Übermut, seine häufige Wut. Wir müssen uns wohl beide ganz ordentlich anstrengen, um es gemeinsam auszuhalten, um uns gegenseitig auszuhalten.

Ich bin nie mehr dein Freund mehr!, sagt das Hübchen gerne, wenn er richtig sauer auf mich ist. Und ich erkläre ihm dann, dass ich aber seine Mutter bin und dass man sich seine Familie eben nicht aussucht. Mit der muss man sich arrangieren. Und das kriegen wir schon hin, da bin ich optimistisch.

Wenn ich morgen früh mit dem ersten Kinnhaken geweckt werde, weiß ich, dass mir gleich danach ein strahlendes Hübchen ein Geburtstagslied singen wird: Happy Birthday to you, Marmelade im Schuh. Und dafür bin ich gerne bereit, noch ein bisschen einzustecken.

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15 Kommentare zu „Ich, das Sensibelchen

  1. Danke dir für diesen ehrlichen Text. Er ist ein bisschen wie eine Absolution für mich. Genauso geht es mir auch. Und ich bin gefühlt 3.000 Mal proprknapp Tag knapp davor, alles hinzuschmeißen. 😉

    Glg,
    Irene

    • Ich sage auch oft: Ich mach das nicht mehr mit! Ich hau ab! Und drei Sekunden später ist es dann wieder gut. Manchmal braucht es nur kurz ein Ventil. 😉 Und ich bin froh, dass der Mann mich so gut unterstützt und mich so nimmt, wie ich bin.

  2. Kathrin

    Guten Morgen und erstmal alles gute zum Geburtstag 😄
    Ich schreibe dieses mal auf fb, denn das wirft kein gutes Licht auf mich 😉
    Ich muss mich dir anschließen. Ich kann 4/5 jährige absolut nicht leiden. Mein 4. Kind wird in einem Monat 4 und ich hab jetzt schon an manchen Tagen, die Nase voll. Wenn er dann abends, selig schlummernd neben mir liegt, schmelze ich dahin, aber wenn er mitten in der Nacht zu mir kommt und mein Bett bis morgens mit einem Freizeitpark verwechselt, in dem er das Karussell ist 😬
    Oder die Momente, wenn er wütend mit Spielzeug /Essen/ anderem Inventar wirft 😯
    Oh, wie entspannt waren meine 3 Töchter. Sie waren auch mal wütend, klar, aber sooo? Niemals!

    Aber das Gute ist doch – wir lieben sie trotz allem!

    Liebe Grüße
    Kathrin

    • Ja, den Tag/Nacht-Unterschied kenne ich zu gut. 😀 Aber auch tagsüber gibt es so viele wunderbare Momente, in denen ich mich oft frage, warum es sonst so oft so anstrengend ist. Könnte es nicht einfach mal immer so schön und entspannt sein, bitte?!

      Ich muss ja auch zugeben, dass ich, bevor ich selbst ein Kind hatte, keine Berührungspunkte zu Kindern hatte und auch freiwillig keine gesucht hätte. Kinder zwischen 3 und 6 sind einfach nicht mein Ding. Aber sie werden ja älter. 😉

      • Kathrin

        Älter ja, aber nicht einfacher 😄

        Es sollte übrigens heißen, nicht auf fb dieses Mal…

        Ich denke einfach, auch als Mutter oder jemand der mit Kindern arbeitet 😯 darf man sich offen eingestehen, bestimmte Dinge nicht zu mögen. Und da gehören bestimmte Eigenheiten unserer Kinder, in bestimmten Zeiträumen, eindeutig dazu ☺

        Und eins weiß ich, wir lieben unsere Kinder genauso wie alle anderen Mütter, oder vielleicht sogar noch mehr, denn wir sind ehrlich zu uns und belügen uns nicht selbst und gaukeln eine heile Welt vor.

  3. Eva

    Tschuldigung, aber wieso bekommt man dann ein zweites Kind, wenn alles so unsagbar anstrengend ist? Ich kann das ehrlicherweise nicht verstehen und bin mehr genervt von den jammernden Müttern als den wütenden Kindern. Das ist Jammern auf ganz hohem Niveau. #sorrynotsorry

    • Warum ich noch ein Kind kriege? Weil ich schließlich eine gesellschaftliche Verantwortung habe! Da sind zwei Kinder ja nur Arterhaltung!

      Kleiner Scherz.

      Wie wäre es damit: Weil ich sehr gerne in einer Familie lebe und meine Kinder liebe.

      Und du meinst also, ich sollte Kinder lieber ausschließen, nur weil es mich sehr anstrengt? Da unterschätzt du meinen Ehrgeiz aber stark! Ich freue mich übrigens für dich, dass du Kinder offenbar als weniger anstrengend wahrnimmst. Aber Menschen, und auch Mütter, sind eben sehr verschieden. Und darüber darf ruhig gesprochen werden.

  4. Tristia

    Vielen Dank! Es tut so gut zu wissen, dass es noch mehr Aliens gibt, die Lärm und Trubel als echte Belastung empfinden. Ich wunder mich täglich über das dicke Fell von anderen Menschen, die gechillt durch die proppe volle Stadt schlendern und quatschen. Oder sich gemütlich durch einen gut besuchten Kinderkleiderflohmarkt(Horror) wuseln und nebenbei mit einer Bekannten plaudern. Ich würde das auch so gerne können! Empfindsam zu sein bedeutet in unserer Gesellschaft leider ständiges scheitern am vermeintlich normalen Altag. Und das ist total zermürbend.

  5. Doreen

    Ach komm, ich hab ja hier schon oft kommentiert, wie toll und beruhigend ich deine Beiträge finde, weil sie mich bestätigen – meine Zweifel nicht nur meine sind und meine Genervtheiten nicht nur meine. Und hei, ich werde heute 30. Das k a n n kein Zufall sein 😀

  6. Doreen

    Und heute früh wurde ich ebenso großartig geweckt mit: DU HAST HEUTE GEBURTSTAAAG! (In einer unfassbaren Lautstärke ;)) ich hab dein Geschenk in der Küche. Du musst schnell auftstehen. OoKkK sagt das müde ich und freut sich sehr. hehe

    PS: Ich habs am WE mit Oropax gehört, weil wohl manche ihre Kids dann besser ertragen. Ich finde und fand Oropax komisch und habs gelassen. Wir hatten eine Woche Familienurlaub in Berlin, der alten Heimat und wahrscheinlich war es einfach der Familienoverkill, der mich erreichte. Gestern nahm die Oma Kindchen 1 (3,5J.) und wir hatten „nur“ das Baby – Erholung pur 😉

  7. Melanie

    Alles alles Liebe zum Geburtstag.

  8. Doreen

    Uuund: kindchen 2 ist(bisher;)) die Ruhe in Person. So ein ausgeglichenesbbaby, Wahnsinn! Es zeigt mir so deutlich dAss Kinder trotz gleicher Eltern und gleicher “Erziehung“ einfach so verdammt unterschiedlich sind.

  9. Liebe Sophie,

    starker Beitrag! Alles Gute wünsche ich dir zum Burzeltag! Auf dass du es dir mit deiner Familie gemütlich machen kannst. Ich erfreue mich ebenfalls an den ersten Sonnenstrahlen dieses Jahr. Einfach ein angenehmes Gefühl nach diesen vielen trüben Tagen! Da kann der Sommer wirklich kommen und bleiben. Wenn die anstrengenden Jahre mit deinem Nachwuchs vorbei sind, heißt es nur noch: Das Leben in vollen Zügen genießen! Dein Schreibstil gefällt mir ebenfalls sehr gut.

    Beste Grüße und feier schön!
    Maren B.

  10. radiolina

    Hi
    Und wieder mal kann ich dir nur zustimmen. Mir gehts wirklich sehr ähnlich und ich bin auch froh dass mein freund die ruhe in Person ist und seeeehr viel „aushält“. Sei es jetzt Lärm der Kinder oder die trotzphase. Obwohl ich auch zugeben muss dass ich manchmal doch sehr neidisch bin dass ihm dass alles so leicht fällt.
    Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist dass es mich immer beruhigt wenn andere auch mal genervt sind. Dadurch kann ich meine hohen Ansprüche(immer lustig sein, geduld haben,und auch noch daheim alles halbwegs gemütlich halten) wieder etwas herunter schrauben und einfach hinnehmen dass es auch mal anstrengend ist und dass aber auch ganz normal ist und dazu gehört. Und wenn man mal genauer hinsieht gehts doch einigen so. Aber mit wem kann man schon ao ehrlich reden ausser den besten freunden.

    So, die Kids verlangen nach mir 😉
    Danke für deine Ehrlichkeit!!!

  11. Ich kann den Text gar nicht oft genug lesen und teile ihn auch im Freundeskreis. <3

    #ausderSeelegeschrieben

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