Die skandalöse Bildungspolitik

Heute habe ich einen Tagesvater erzürnt. Und in gewisser Hinsicht bin ich reumütig und erkenne seine Vorwürfe an. Denn ja, es stimmt, dass es gemein ist, zu pauschalisieren und dass mein Blogeintrag über die fehlende Verlässlichkeit in der Betreuung durch Tagesmütter sich schnell so liest, als wären die doch eh alle gleich. Von einer Tagesmutter auf andere zu schließen ist natürlich blöd und es fällt mir nicht schwer zu sagen: Sorry, liebe Tagesmütter und auch Tagesväter!

Sorry, liebe Tagesmütter und -väter, die die ihr immer verlässlich seid, die ihr tolle Ausbildungen absolviert habt, die der einer Kita-Erzieherin (oder eines Erziehers) sehr nah kommen oder sogar noch besser sind und die ihr immer und zu 100% bei euren Tageskindern seid und euren Job macht, weil ihr ihn liebt. Ich weiß, dass es euch gibt und ich habe auch selbst geschrieben, dass ich so eine Tagesmutter kenne und ihre Arbeit wahnsinnig schätze und sie dafür liebe, wie sehr sie mein Kind liebte.

Auch entschuldige ich mich für mein Gender-Faux-Pas. Wer mich kennt, weiß, wie sorgfältig ich sonst im Gendern bin und der Grund dafür, dass ich in meinem Blogeintrag nur von „Tagesmüttern“ sprach, war schlicht Faulheit. Es gibt nun mal kaum Tagesväter und das Wort Tagesmutter ist in der Regel der übliche Gebrauch für das neutrale Kindertagespflegeperson, das sich doch recht sperrig liest und die Abkürzung (KTPP) ist auch nicht besser und erinnert höchstens an alberne Jugendkassettenhörspiele (TKKG). Jedenfalls tut es mir leid, wenn sich nun alle KTPPs von mir über einen Kamm geschert fühlen, denn das war sicher nicht meine Absicht.

Die Kinderbetreuung macht mich wahnsinnig

Aber ein Blog ist nun mal per definitionem ein subjektives Medium. Und der Grund für meinen Artikel über die bösen, nicht verlässlichen Tagesmütter war simpel: Wut und Ärger über all diese blöden Hindernisse, die mir mein Leben als berufstätige Mutter manchmal so schwer machen. Und eine Tagesmutter, die nicht für eine Vertretung sorgt (und zwar auch bitte möglichst für eine, die die Kinder auch kennen lernen, bevor sie auf sie los gelassen wird) und dann andauernd krank ist, gehört da deutlich dazu. Dazu gehört im Übrigen auch die nach wie vor untragbare Situation des Mangels an Kita-Plätzen. Denn es ist nun mal nicht so, dass bei 500 Anmeldungen auf 30 freie Kita-Plätze am Ende doch alles aufgeht, wie besagter Tagesvater vermutet, der mir schrieb:

„Ihr [sic] minimalen Mathematikkenntnissen [sic] lassen sie [sic] tatsächlich im Stich, denn Eltern melden ihre Kinder bei bis zu 20 Einrichtungen gleichzeitig an.“

Nein, ich zumindest kenne keine Familie, die ihr Kind in bis zu 20 Kitas angemeldet hätte. Das macht zum einen auch gar keinen Sinn, weil es zumindest in Essen so ist, dass man ohnehin kaum Chancen hätte, in einer Kita einen Platz zu bekommen, die außerhalb des eigenen Stadtteils liegt. Und 20 Kitas gibt es in meinem Stadtteil sicher nicht, ist ja immer noch Essen und nicht Berlin. Zum zweiten empfänden ich und andere Mütter bzw. Väter es auch als Zumutung, unsere Kinder in Eigenverantwortung in 20 Kitas anzumelden. Da ist es nämlich nicht mit einem Anruf und dem elektronischen Ausfüllen eines Formulars getan. Da heißt es stattdessen hinfahren, kennen lernen, besichtigen, schöne Augen machen und am besten noch Spendengelder versprechen.

Kita-Anmeldungen sind zeitraubend

Neben einer Vollzeit-Berufstätigkeit, einem kleinen Kind, das es zu versorgen und hin und wieder sogar mal lieb zu haben gilt, einem Ehrenamt, hin und wieder mal ein bisschen Sport und das ganze auch noch ohne völlig zu vereinsamen, weil man darüber sämtliche soziale Kontakte aufgegeben hat (außer die mit den Arbeitskollegen), sehe ich gar nicht ein, warum ich auch noch zu 20 verschiedenen Kitas rennen soll. Tut mir leid, dass ich so ungemein fordernd bin, aber ich hätte wirklich gern einen Platz in einer der 9 (neun!!!! Immerhin!) Kitas in der Nähe unseres Wohnorts, in der ich mein Kind in mühevoller Kleinarbeit angemeldet habe. Jedenfalls denken die meisten Eltern so wie ich und deswegen garantieren 500 Anmeldungen auf 30 Plätze eben keinen Kita-Platz.

Und wenn sich jetzt irgendwer nach dem Lesen dieses schon-wieder-wütenden Absatzes denkt: „Mann, was will die Alte denn, selbst Schuld wenn sie ein Balg in die Welt setzt!“ dann möchte ich allzu gerne mit blöden Plattitüden um mich schmeißen und laut schreien:

„Was meinst du wohl, wer später deine Rente bezahlt, du I-D-I-O-T?! Mein Akademiker-Sohn nämlich, der später ganz sicher top verdienen wird oder zumindest die Helene Fischer geheiratet hat, so kommt das nämlich! Und jetzt kommst du!“

Letztlich nervt es, es immer und immer wieder auszusprechen, aber es ist ein Gefühl, das nicht nur ich habe: Familien haben es immer schwer. Das fängt bei der Suche nach einer vernünftigen Kinderbetreuung an, das geht mit dem Karriereknick weiter und ich habe momentan das Gefühl, dass es gar niemals aufhört. Knapp die Hälfte meines momentanen Nettogehalts geht für unseren Anteil an den Kosten für die Kinderbetreuung drauf. Klar, verdiene ich gerade im Volontariat nicht viel. Trotzdem ist es irgendwie ein Hohn, dass wir zwar Kindergeld kriegen, dieses aber bei weitem nicht mal die Kosten für die Kinderbetreuung abdeckt.

Eltern haben es oft ziemlich schwer

Das ist jetzt politisch völlig inkorrekt und mal wieder aus der Wut heraus gesagt (und ungewollt kinderlose Paare lesen jetzt bitte mal eben weg), aber ich finde, es sollte einen viel deutlicheren Unterschied in der Besteuerung von Eltern und kinderlosen Paaren geben als im momentanen System. Es ist doch zum Beispiel auch absurd, dass etwa Alleinerziehende fast genauso besteuert werden wie Singles. Und erstere zahlen obendrein noch horrende Beiträge für die Kinderbetreuung um arbeiten gehen zu können, damit sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Ist das fair? Nee, ist es nicht.

Ja, ich habe mich für ein Leben mit Kind entschieden und ich nehme dafür zum Beispiel auch in Kauf, im Zweifel keine große Karriere zu machen und eben nicht die nächste tolle Pressesprecherin von Unternehmen Schlag-mich-tot zu werden. Stattdessen nehme ich vielleicht später irgendeinen 30-Stunden-Redakteursjob an oder mache mich selbstständig, damit ich mehr als zwei knappe abendliche Stunden mit meinem Kind verbringen kann. Anders als noch vor Beginn meines Volontariats, kann ich es mir jetzt nicht mehr vorstellen, dauerhaft Vollzeit zu arbeiten – und quasi nebenher ein Kind großzuziehen.

Ist eine verlässliche und günstige Kinderbetreuung wirklich zu viel verlangt?

Nö, Vollzeit arbeiten möchte ich nach meinem Volontariat lieber nicht mehr, solange ich es mir finanziell irgendwie leisten kann. An sich sind die Gründe, wegen derer ich gerne arbeite, natürlich nach wie vor aktuell und deswegen wünsche ich mir immer noch eine verlässliche Kinderbetreuung und irgendwann auch endlich einen Kita-Platz, ohne dass ich mich dafür auf den Kopf stellen und mit den Füßen in der Luft wackeln muss. Oder mein Kind in 20 verschiedenen Kitas anmelden muss, was für mich auf der „Das-nervt-Skala“ in etwa gleichbedeutend ist. Und ich wünsche mir auch, weniger für diese Kinderbetreuung zu zahlen, weil es nämlich auch nervt, dass am Ende des Monats nie Geld übrig bleibt – und wir führen wahrlich keinen luxuriösen Lebensstil.

Und gleichzeitig wünsche ich mir auch für die Tagesmütter und -väter eine bessere Bezahlung, damit auch an deren Monatsende was übrig bleibt. Und damit sie, wenn sie schon freiberuflich arbeiten müssen, weil der Staat es nicht auf die Kette kriegt, für genügend öffentliche Betreuungsplätze zu sorgen, wenigstens eine gute Vertretung bezahlen können.

Die Bildungspolitik ist ein Skandal

Denn eigentlich bin ich doch auf eurer Seite, liebe Tagesmütter und -väter! Genauso wie ich auf der Seite aller Menschen bin, die ihre Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen nicht nur als Beruf, sondern als Berufung sehen und die in unserem Land beinahe ausnahmslos völlig unterbezahlt sind und zusätzlich allein gelassen werden. Weil eine Lehrerin mit 25 teils schwer erziehbaren oder durch Flucht aus Syrien traumatisierten Achtklässler trotzdem keine zusätzliche Sozialarbeiterstelle bewilligt kriegt. Weil eine Erzieherin in der Kita mit 25 kleinen Kindern allein ist, wenn ihre Kollegin krank wird. Oder eben weil eine Tagesmutter zu wenig Unterstützung durch Träger oder Jugendamt bekommt, wenn sie eine Vertretung braucht – die sie dann auch noch aus eigener Tasche bezahlen soll.

Mittlerweile stelle ich mir ganz oft die Frage, was Kinder in unserem Land eigentlich wert sind. Und das nicht nur im übertragenen Sinne, weil zu oft zu viele Menschen von meinem Kind genervt sind, anstatt sich über seine Ungeduld, seine Fröhlichkeit und seine Unbedarftheit zu freuen. Nein, ich stelle mir diese Frage tatsächlich auch immer häufiger im Sinne von Geld. Wie viel Geld investiert unser Staat tatsächlich in unsere Kinder und in seine Familien? Mir erscheint das immer häufiger deutlich zu wenig. Und nein, ich werde jetzt keinen Flughafenvergleich ziehen.

Lieber Tagesvater, ist es jetzt wieder gut?

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