„Hello Love“ – Ein Plädoyer für mehr Toleranz

Ich bin kein Kindertyp. Jeder, der mich kennt, weiß das. Als ich selbst noch kein Kind hatte, war es für mich daher auch völlig normal, dass Kinder an bestimmten Orten lieber nichts zu suchen haben. Ich war nicht unbedingt das, was man tolerant nennt: Sabbernde Babys im Supermarkt? Oh Mann! Vom Beckenrand springende Kinder im Schwimmbad? Neee! Altkluge Grundschüler? Bitte nicht! Tja, mittlerweile habe ich selbst ein Kleinkind. Es sieht süß aus, dafür sabbert es zu viel und ich bin mir ziemlich sicher, dass es mal reichlich altklug werden wird. Die Natur hat es trotzdem so eingerichtet, dass ich mein Hübchen so liebe wie keinen anderen Menschen auf der ganzen weiten Welt. 

Was sich aber nicht geändert hat, ist, dass ich so ganz generell kein Kinder-Mensch bin.

„Fremde Kinder sind einfach nicht mein Ding.“

schreibe ich in meinem Artikel Die Erste ihrer Art. Und ehrlich gesagt hatte ich vor Hübis Geburt auch nicht damit gerechnet, dass sich das jemals ändern würde. Ich lebe ganz gut damit, weil ich trotzdem viele Kinder sehr lieb gewinnen kann, wenn ich sie nur richtig kennen lerne. Im Grunde behandle ich Kinder da vielleicht ein bisschen wie Erwachsene: Ich verschenke meine Sympathien nicht wie Gratis-Lakritze, sondern ich möchte meine Mitmenschen erst gründlich kennen lernen, bevor ich sie zu meinen Freunden zähle. Nennt mich misanthropisch veranlagt – aber ich lebe gut so.

Als Mutter bin ich loyaler und mitfühlender

In einer gewissen Hinsicht habe ich mich jedoch schon sehr verändert. Es sind diese kleinen alltäglichen Situationen, in denen ich jetzt sehr viel anders reagiere als vor Hübis Geburt. Wenn ich an der Aldi-Kasse stehe und vor mir sitzt ein Baby im Buggy, das mich interessiert mustert, dann mustere ich zurück und an besonders verrückten Tagen schneide ich sogar eine Grimasse, damit das Baby sich amüsiert. Wenn eine Mutter sich bei im Drogeriemarkt mit ihrem trotzigen Kleinkind abmüht, dann habe ich ein aufmunterndes Lächeln für sie übrig – ich weiß ja jetzt, wie das ist. Wenn ein Vater beim Einkäufe einräumen länger braucht, weil der Stauraum im Kinderwagen mal wieder viel zu klein ist, dann beschwichtige ich die ungeduldige Kassiererin und die nervösen Rentner hinter mir in der Schlange.

In all diesen Situationen hätte ich früher wohl anders reagiert, bzw. einfach gar nicht partizipiert. Und damit zählte ich wohl noch zu den angenehmeren Zeitgenossen. Denn einfache Ignoranz ist noch gut verkraftbar für eine übernächtigte Mutter, die mit brüllendem Kleinkind an der Supermarktkasse steht oder die an einem Samstag mit einem gerade laufenlernenden Sohn mit unbändigem Unabhängigkeitsdrang in einem Café voller kinderloser Paare einen Cappuccino zu trinken versucht. Man mag es nicht glauben, wie sehr einem genervt seufzende Rentner, denen es nicht mal bei Aldi schnell genug gehen kann, den Tag verderben können. Oder wie vorwurfsvolle Blicke von Mittdreißigern verletzen können, die meinen, ihren 11-Uhr-Cortado nicht genug genießen zu können, weil ein gut gelauntes Kleinkind laut „Du-Du-Du“ rufend durch den Laden fegt.

Ein kinderfreundliches Umfeld ist Balsam für die Seele

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich an diese Zustände schon sehr gewöhnt und mir in dieser Hinsicht ein dickes Fell zugelegt. Wie gut es tun kann, wenn es einfach mal anders ist, habe ich erst auf unserer etwas verspäteten Hochzeitsreise erlebt, die uns im September letzten Jahres nach Cornwall und Wales führte. Bis dato hatte ich nicht besonders viel Ahnung von der britischen Insel und auch nicht von den Eigenheiten ihrer Einheimischen. Seitdem weiß ich aber zumindest: Die Engländer sind ein völlig kinderverrücktes Volk!

Es verging kein Tag, an dem unser Hübi nicht von jeder Supermarkt-Kassiererin mit einem strahlenden Lächeln und einem völlig verzückten „Hello, Love!“ begrüßt worden wäre. Überall erzählte man uns, was für ein besonders tolles Prachtexemplar von Kind wir da hätten und jeder beteuerte wortreich, dass die ersten Jahre mit Kind doch die allerallerschönsten seien und wir sie nur gut genießen sollten. Selbst in einem hippen Café in der Studentenstadt Cardiff hatten wir in Kürze die Hälfte der Café-Besucher auf unserer Seite, das Krabbelkind wurde nicht nur in einer Tour angelacht und angeschäkert, es war von den Kellnern sogar explizit erwünscht, dass es den gesamten Laden auf Händen und Knien erkundete.

Nun verlange ich ja gar nicht, dass auch in Deutschland alle Menschen völlig verrückt nach meinem Hübi sein sollen, wenn ich mich mit ihm irgendwie in die Öffentlichkeit begebe. Ich wäre ja selbst niemals so kinderverrückt wie die Engländer. Aber ein kleines bisschen mehr Selbstverständlichkeit in Bezug auf die Anwesenheit von Kindern wäre schön. Klar bin ich auch nicht für plärrende Kinder in Museen oder für matschende Vierjährige abends um 21 Uhr beim schicken Italiener. Auch das Balkan-Beat-Box-Konzert hätte ich, wie ich in Sofia mal beobachten konnte, wohl nicht mit einem Einjährigen (und dann auch noch ohne Gehörschutz) besucht. Es gibt Orte, da müssen Kinder nicht unbedingt mit hin. Und da haben dann auch die Eltern mehr davon, wenn sie ihre Kinder in der Zeit von einer anderen Person betreuen lassen.

Ich toleriere andere – und möchte ebenso toleriert werden

Ich möchte aber mein Kind nicht bei meiner Mutter abgeben müssen, nur um mal wieder einen Cappuccino in meinem Lieblingscafé zu trinken. Im Gegenzug versuche ich schließlich ja auch, nicht komisch zu gucken, wenn auf einer Party plötzlich alle Anwesenden darüber sprechen, welche (und wie viele) Adventskalender sie für ihre Haustiere basteln wollen. Und ich finde es auch erstaunlich, dass sich bei einer ehemaligen Kollegin gleich der Rechtfertigungszwang zeigt, wenn das Thema auf Kinder fällt, nur weil sie sich mit Mitte 30 lieber mit einem eigenen Laden selbstständig macht, als Kinder in die Welt zu setzen.

Vor mir braucht sich sicher niemand für seinen Lebensentwurf zu rechtfertigen! Ich bin ja im Gegenteil manchmal ein bisschen neidisch auf so ein Leben, in dem man Freitags abends noch spontan überlegen kann, wo man jetzt nach Ladenschluss noch schnell was essen geht. Genauso wenig wie irgendjemand sich vor mir für ein kinderloses Leben rechtfertigen muss, möchte ich aber auch keine bösen Blicke abkriegen, weil ich mein Kind eben häufig im Schlepptau habe, und das nicht nur, wenn ich mit ihm zur Krabbelgruppe gehe.

Mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit allem

Vielleicht liegt ja genau hier die Krux: Gerade weil wir immer das Gefühl haben, uns voreinander rechtfertigen zu müssen, können wir uns im alltäglichen Leben so wenig tolerieren. Daher wünsche ich mir ganz im Allgemeinen ein wenig mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit allen. Genauso wie ich diese missmutig dreinblickenden kinderlosen Paare nicht mag, die mich und mein Kind im Café abfällig mustern, habe ich auch eine Abneigung gegen sich zusammenrottende Mütterhorden in Eltern-Kind-Cafés, die niemanden akzeptieren, der nicht mindestens ein Kind zuzüglich ein Paket Gratis-Reiswaffeln für alle (aber nur die Bio) dabei hat.

Ein kleines bisschen mehr Selbstverständlichkeit und Toleranz, das wäre einfach wunderbar. Ich wende übrigens immer einen einfach Trick an, wenn ich das Gefühl habe, mal wieder zu engstirnig zu sein (was mir oft passiert): Ich stelle mir dann vor, dass Hübi mir in 20 Jahren eröffnet: „Mama, Helene und ich wollen heiraten“. Ja, ich denke dann an Helene Fischer. Der Gedanke, mein Sohn würde eine 30 Jahre ältere Ex-Schlagersängerin heiraten, die zwischenzeitlich sicher auch schon mal im Dschungelcamp war, ist kein leichter. Aber ich stelle mir dann vor, wie ich die Zähne zusammenbeiße und einfach sage: „Wenn ihr euch wirklich liebt, mein Schatz“. Und ich würde Helene lieben, als wäre sie meine eigene Tochter. Eine Tochter, die ein paar Jahre älter wäre als ich selbst, aber naja, mit ein bisschen Toleranz geht alles.

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