Hände waschen, Zähne putzen, Haare kämmen – ist das schon „Gewalt“ am Kind?

Ach, Kindererziehung. Wenn sie doch nur so leicht wäre, wie wir sie uns als kinderlose Erziehungsexperten vorgestellt haben. „Mein Kind wird niemals so!“, dachte ich früher immer mit vorwurfsvollem Blick auf Fremdgebrütetes. Heute bin ich schon stolz, wenn das Hübchen sich in Ausnahmesituationen mal etwas positiver präsentiert als die breite Blagen-Masse, die mich im Alltag so umgibt. Kinder, Kinder, ihr seid so anstrengend!, denke ich heute – und nehme mein eigenes Kind davon sicher nicht aus.

Als eher zart besaitete Mutter (über mein sensibles Gemüt habe ich hier schon mal ausführlich geschrieben) bin ich recht schlecht darin, kindliche Launen zu ertragen. Aktuell versuche ich mich deshalb tatsächlich in einem eher strengen Erziehungsstil, weil ich den autonomen Auswüchsen des jungen Herrn sonst einfach nicht mehr Stand halten kann. Hier werden also ab sofort ein paar Regeln konsequent durchgesetzt: Hauen, treten, grundlos (an)schreien und genereller Kommando-Ton gehören hier seit kurzem in die Kategorie: Wird sofort unterbunden! Wenn ich dem Hübchen da mit endlosen Erklärungen komme, warum Mama das jetzt aber weh tut, lacht er mich nur aus. Oder verprügelt mich einfach weiter.

Erklären, diskutieren, verhandeln – durchsetzen!

Und dann gibt es ja noch all die Situationen, die irgendwie verhandelbar sind. Nach der Kita Hände waschen, immerhin einmal pro Woche ein Bad nehmen, morgendliches Haare kämmen, mit halbwegs vernünftigen Tischmanieren essen. All diese täglichen Dinge also, die man als Erwachsener so selbstverständlich macht, die aber für Kinder alles andere als eine Selbstverständlichkeit sind: „Will ich nicht! Mach ich nicht! Brauch ich nicht!“

Als Mutter stehe ich also täglich daneben, erkläre, beschwichtige, verhandle, biete Entscheidungsmöglichkeiten, um dem Hübchen wenigstens etwas entgegenzukommen, ihm Alternativen zu bieten, ihn mit einzubeziehen. Aber immer bleibt das Ergebnis am Ende gleich: Das Kind MUSS sich am Ende die Hände waschen, die Haare kämmen, beim Essen sitzen bleiben. Ich als erwachsene Mutter habe mich durchgesetzt.

Ist das schon Gewalt am Kind?

Genau das empfindet eine wachsende Bewegung unter Eltern nun aber auch schon als ungerecht oder gar als „Gewalt am Kind“. Mit ziemlichem Erstaunen lese ich in letzter Zeit immer wieder Texte wie diesen hier, aus dem ich mal kurz zitiere:

„Wenn MIR Hygiene wahnsinnig wichtig ist, dann muss diese meinem Kind doch nicht ebenso wichtig sein. Und wenn ICH der Meinung bin, dass durch Händewaschen schlimmeres verhindert wird […], dann kann ich meinem Kind trotzdem zugestehen, dies nicht zu tun oder nicht tun zu müssen.“

Und auch Vergleiche mit Erwachsenen fallen immer wieder, wie in diesem Text hier:

„Wir kennen alle Menschen, die sich, nach dem [sic] sie auf dem Klo waren, NICHT die Hände waschen. Wenn das unser Partner machen würde, würden wir ihn dann ins Bad schleifen und ihn zwingen sich die Hände zu waschen? Sicher nicht. Woher nehmen wir das Recht, dies bei unserem Kind zu tun?“

Hm, ich bleibe nach einer solchen Lektüre immer etwas ratlos zurück. Kinder zu etwas zu zwingen ist also blöd. Ja, bis dahin stimme ich zu. Nur: Wie sorge ich dann dafür, dass mein Kind Dinge tut, die mir wichtig sind, ihm aber überhaupt nicht? Mein Sohn ist eben leider kein kleiner Erwachsener, der rund um die Uhr für sinnvolle Argumente und wissenschaftliche Fakten zugänglich wäre. Und ich finde, das muss er auch nicht. Vergleiche mit der Beziehung zu Erwachsenen empfinde ich daher als wenig zielführend.

Leben nach dem Lustprinzip? Hm…

Genauso finde ich den Ansatz „Wenn mein Kind nicht will, dann muss es auch nicht“ wenig inspirierend. Leben nach dem Lustprinzip fände ich persönlich auch prima, aber leider ist das Leben erfahrungsgemäß eher kein Wunschkonzert – und gerade kleine Kinder müssen viele wichtige Dinge erst lernen, bevor sie sie verinnerlicht haben. Immer wieder liest man in diesem Zusammenhang von der Wichtigkeit des Nachahmens und dass es völlig reiche, ein gutes Vorbild zu sein. Aber wie viele von uns haben in der Realität Kinder, die uns zwar mit Freude beim Zähneputzen zugucken, freiwillig aber selbst niemals auf die Idee kämen, es uns nachzutun?

Was tue ich in solchen Fällen, wenn jede nette Aufforderung ins Leere läuft? Akzeptieren, dass mein Kind sich dazu entschieden hat, kariöse Milchzähne zu bekommen, weil es ja schließlich sein ureigener Wunsch zu sein schien? Aber war es das wirklich? Oder war es einfach nur das kindliche Unverständnis, die Unmöglichkeit, kausale Zusammenhänge zwischen Zahnhygiene und Zahnproblemen zu sehen? Und ist es nicht meine elterliche Aufgabe, diese kausalen Zusammenhänge an Stelle meines Kindes zu sehen und im Zweifel auch gegen seinen Willen daraus Konsequenzen zu ziehen?

Kann ein Dreijähriger wissen, was gut für ihn ist?

Keine Frage, auch ich bevorzuge jederzeit die Konsens-Variante. In dieser Familie wird wahrlich viel diskutiert, erklärt und auch verhandelt („OK, du darfst noch kurz spielen und erst danach die Hände waschen“). Mir ist dennoch wichtig, dass ich am Ende ein zahngeputztes, händegewaschenes und haargekämmtes Kind habe. Weil ich Karies, e-coli-Bakterien und Dreadlocks an meinem Kind einfach ziemlich uncool finde.

Mich irritiert dieser Erziehungs-Ansatz, in möglichst jeder Situation das Kind autonom entscheiden zu lassen, enorm. Genau genommen ist es ja gar keine Erziehung, darauf legen Verfechter dieser Bewegung ja wert und nennen sich sogar „unerzogen“. Ich verstehe diesen Ansatz einfach nicht. Warum sollte ich einen Dreijährigen entscheiden lassen, was gut für ihn ist – wo ich doch mit 30 Jahren Lebenserfahrung weiß, dass genau das oftmals eben nicht gut für ihn ist! Deswegen bin ich doch keine altkluge Besserwisserin, die ihre Macht ausspielt – sondern einfach eine Mutter, die für ihr Kind sorgen will.

Das Grundprinzip von Eltern, die möglichst nicht erziehen, lautet ja immer: „BEziehung statt ERziehung“. Aber ich frage mich: Schließt denn wirklich das eine das andere aus?

Abschlussbemerkung: Dieser Text soll auf keinen Fall als Angriff auf andere Erziehungsstile gelesen werden. Er enthält nur mein Erstaunen über die Vielzahl bestimmter Aussagen, die ich persönlich einfach nicht begreifen kann: Insbesondere den Vergleich von Kindern mit Erwachsenen sowie etliche Aussagen, die man durchaus in die Kategorie „Leben nach dem Lustprinzip“ einordnen kann. In der Diskussion auf meiner Facebook-Page rund um dieses Thema ist mir nun jedoch eins aufgefallen: Vielleicht können ich und die meisten meiner Leser*innen den Nicht-Erziehungs-Ansatz schlicht nicht gut verstehen, weil er nicht gut erklärt wird. Die Texte zum Thema enthalten viel schöne Theorie, auch Ideologie und jede Menge Grundsatz-Aussagen. Von der konkreten Umsetzung liest man leider wenig. Auch habe ich den Eindruck, dass viele Aussagen sich widersprechen: Auf der einen Seite soll von dem Kind nicht verlangt werden, dieselben Hygienemaßstäbe wie die Eltern zu haben. Auf der anderen Seite ist es dann angeblich doch wieder wichtig, dass das Kind eine bestimmte Hygiene einhält. Aber wie setzen Nicht-Erzieher das dann durch?  Auch polarisiert sicherlich der Begriff „Unerzogen“ und die generelle Ablehnung des Begriffs „Erziehung“ oder gar dessen Gleichsetzung mit Gewalt extrem. Ich bin gespannt, mehr zu zu erfahren und freue mich auf viele weitere respektvolle Diskussionen!

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9 Kommentare zu „Hände waschen, Zähne putzen, Haare kämmen – ist das schon „Gewalt“ am Kind?

  1. Katinka aus LE

    Ich stimme 1:1 mit Dir überein. Ich gehöre sogar zu den Eltern, für die das „Guten Tag“, „bitte“ und „danke“ sagen wichtig ist und ich es meinen Kindern „antrainiere“. Ups. Weil ich finde, dass sie sich in unserer/ihrer Welt zurechtfinden müssen und eine gewisse Anpassung dazugehört. Aber ich habe auch schon viel zum Thema „unerzogen“ gelesen und versuche, meine Kinder weitestgehend autonom und selbstbestimmt leben zu lassen, aber eben nur bis zu einem bestimmten Punkt. Das muss jede(r) sicherlich für sich selbst entscheiden.

  2. Ivi

    Ich danke Dir für diesen Artikel. Oftmals habe ich schon kopfschüttelnd diverse Texte und Aussagen gelesen wie Kinder erzogen werden. Zählt unsere eigene Erziehung (die nicht autonome) gar nichts mehr? Wir sind doch auch groß geworden mit Händewaschen und Höflichkeitsfloskeln….ok, manche Menschen scheinen dies wieder vergessen zu haben. Natürlich darf jeder seine Kinder (v-)erziehen, wie er möchte, aber vielleicht sollte man „Standard“-Bedingungen einführen *grinslach*…

    Ich stimme auch Katinka zu, dass die Kinder von heute sich ja morgen in der großen weiten Welt zurecht finden müssen und Deutschland liegt auf der Liste der Freundlichkeits-Länder ganz weit unten. Unsere Kinder lernen auch, „bitte“ und „danke“ zu sagen und andere höflichen Sachen 😉

    LG Ivi

  3. Tristia

    Hey. Vermutlich hast du das auch alles schon versucht, aber vielleicht ist ja eine neue Idee dabei: Bei uns klappt das Zähne putzen zur Zeit ganz gut, wenn ich bei der Wahrheit bleibe und erkläre, dass zuckerhaltige Lebensmittel die Zähne krank machen und das man dann zum Arzt muss. Also entweder ein Erwachsener darf nachputzen oder es dürfen keine Süßigkeiten gegessen werden. Bzw. Wenn es eine zeit lang nicht klappt mit dem putzen achte ich halt darauf das möglichst kein Zucker konsumiert wird. Schadensbegrenzung. Ich putze auch nur kurz alle kauflächen sauber. Ich würde das niemals mit Gewalt machen, nicht wegen irgendeinem Erziehungstrend, sondern weil ich glaube, dass die Gewalt schädlicher wäre als die schlecht geputzten Zähne. Haare kämmen mache ich wenn mein Kind im Spiel vertieft ist und wenn das nicht klappt sind sie halt ein bisschen verfilzt. Ich frage auch ab und zu ob ich die mal kürzer schneiden soll, damit sie nicht so schnell verfilzen. Haare mit Shampoo waschen mache ich nur wenn sie das will. Nur Wasser geht bei Kindern auch und ist vermutlich sogar besser. Mittlerweile will sie aber Shampoo und es klappt gerade , wenn sie sich einen Waschlappen vor die Augen hält und den Kopf zurück lehnt, ich schütte dann mit einem Gefäss (dusche geht gar nicht klar) Wasser über den Kopf. Unsere ewig große Baustelle ist das an und umziehen…

  4. Stell_A

    Ich stimme Dir auch total zu. Beim Zähneputzen hat es bei uns geholfen Geschichten einzubauen oder Lieblingsmärchen nachzustellen.

    Z.B. Die Zahnbürste ist ein Traktor. Der Bauer fährt mit seinem Traktor auf das Feld und überlegt, welche leckeren Dinge er sich dort holen könnte… und so fährt der Traktor auf den Kauflächen… oh Tomaten und da Gurken für seine Frau…. und hier Mais, seine Tochter liebt Mais…. usw…. Außenflächen… nun fährt der Traktor in einen Tunnel links und rechts… oh und was hören wir da…. pok pok pok… sind es etwa die Hühner??… Mund wird für Innenflächen aufgemacht…. uuups, die Hühner haben alles Weggepickt nur kleine Krümmel übrig… oooooo… nun muss der Bauer sie auskehren… und dann noch spülen….beim Ausspucken zählen wir dann die Hühner… manchmal kommt auch ein Hahn raus mit seinem typischen Schrei oder ein Ei, dass plumps aufbricht, wenn es im Spülbecken landet…

    Also, es ist aufwendiger, macht aber mehr Spaß, kann abgewandelt werden… so kann das Kind bestimmen, welches Gemüse der Bauer sammelt, ob die Hühner kommen… ob noch Eier aufschlagen usw… uns hat es sehr geholfen.

    Beim Händewaschen habe ich noch keinen funktionierenden Trick gefunden…. eine Zeit lang hat ein ausgedachtes Lied geholfen…

  5. Lisa

    Ich finde das Erzwingen von solchen Dingen eher aus dem Grund schwierig, dass man sich damit manchmal in so einen Teufelkreis bringt: Kind hat keine Lust Zähne zu putzen –> Wird dazu gezwungen –> Hat beim nächsten Mal noch weniger Lust darauf usw. So nervig!
    Wie umgeht man das, wenn alle spielerischen, ablenkenden Ansätze schon gescheitert sind?
    Ansonsten denke ich auch, dass es gewisse Aspekte gibt, wo ich für mein Kind entscheiden muss, was Sinn macht und das dann durchsetzen muss. Dazu gehört bei mir auch die Hygiene. Ich lass mein Kind ja auch nicht auf die Straße rennen, „weil es das will“, sondern halte es dann ggf. auch gewaltsam fest. Weil ich aus der Lebenserfahrung, weiß das es gefährlich ist.
    Wo jetzt die Autonomie und Grenzen vom Kind sind, ist sicherlich verhandelbar und abhängig von individuellen Familiensituationen und Lebenseinstellungen.

  6. Lena

    Danke!
    Ich habe wenn ich diese Beziehungs statt erziehungsartikel lese immer ein schlechtes Gewissen, weil es mir nicht gelingt und weil ich manchmal auch sehr ungemütlich werde. Ja, hier wird auch zum Hände waschen gezwungen. Natürlich halte ich sowas in Grenzen und finde das selbst ganz schrecklich, aber es gibt Dinge, die bestimme einfach ich.
    Ich habe auch das Gefühl, dass wenn man bei einem Thema sich selbst ganz sicher ist (abstillen, schlafen usw) und kein schlechtes Gewissen oder keine Zweifel hat, klappt es besser als wenn man immer schwankt und nicht mit sich selbst im Reinen ist. Irgendwie muss man Chef sein und davor drücken kann man sich als Elt nicht, sonst wird man der Verantwortung, die man seit der Entstehung des Kindes trägt, nicht gerecht…

  7. Ich bin Profisportler, mein Vater war mein Trainer von 6-18 Jahren. Ich bin quasi Nachzügler, meine Eltern waren 50 und 40 Jahre alt. in meiner frühen Kindheit war das ein Problem für mich, später dann nicht mehr und zwar dann als ich das Gefühl hatte gerade mein Vater lässt mich meine Fehler selbst machen, war aber immer da, wenn ich ihn brauchte um dort wieder rauszukommen.

    Deshalb mein Aufruf an alle Eltern, lasst eure Kinder eigene Wege gehen und sie Fehler machen, so viele wie sie nur können.

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