Gewalt unter der Geburt – eine Buchempfehlung

Die Geburt des eigenen Kindes ist etwas Großartiges. Geburten machen uns glücklich, denn neun volle Monate mussten wir auf das neue Baby warten, konnten nur ahnen, wie es aussehen würde, waren voller Vorfreude und Ungeduld. Die Geburt ist eine Erlösung – auch ganz praktisch, denn gegen Ende der Schwangerschaft wünscht sich so manche Frau nur noch, dass die Schwerfälligkeit/Müdigkeit/Rückenschmerzen bald vorbei sein mögen. Und dann kommt die Geburt, tut zwar etwas weh, aber dann: Das Baby! Es entschädigt uns für jeden Schmerz, wir sind erlöst, glücklich, zufrieden. Aber jetzt gibt es da ein Buch, das sagt: Nein, nicht alle Frauen sind nach der Geburt glücklich. Denn viele erleben eine gewaltvolle Geburt, die sie lange und mühsam verarbeiten müssen. Und diese Erlebnisse sind keine Seltenheit, sondern sie haben System. Ich habe das Buch „Gewalt unter der Geburt – der alltägliche Skandal“ gelesen und möchte es euch hier vorstellen.

Die obige Einleitung ins Thema hat einen Grund, denn: Kaum jemand spricht offen über die Gewalt, die viele Frauen unter der Geburt erfahren. „Die Gewalt unter der Geburt ist eins der letzten großen Tabus in Deutschland“, schreibt Autorin und Soziologin Christina Mundlos in ihrer Einleitung. Und meiner Erfahrung nach stimmt das: Im gesellschaftlichen Diskurs geht es bei Geburten vor allem um die schönen Aspekte. Es geht um das Baby, auf das die ganze Familie sich so lange gefreut hat. Ist es dann noch gesund, besteht doch kein Grund zur Klage! Die Geburt hat wehgetan? Nun, so ist es eben, aber das ist doch schnell vergessen!

Ja, nach einer größtenteils interventionslosen und gewaltfreien Geburt sind die Schmerzen wirklich wahnsinnig schnell vergessen. Nach der Hausgeburt meines Sohnes war ich sehr schnell wieder fit und die Schmerzen erinnere ich heute vor allem noch als eine extreme Kraft, die anstrengend, aber gut auszuhalten war. In Wahrheit gab es natürlich auch bei mir Momente, in denen ich dachte „Ich schaffe das nicht!“. Aber unterm Strich bin ich stolz und glücklich auf die tolle Geburt meines Kindes und schaue zuversichtlich in die Zukunft, in der ich ja vielleicht noch weitere Kinder zur Welt bringen werde.

Frauen, die gewaltsame Geburten erfahren mussten, geht es da ganz anders. Sie sind nach einem derartigen Erlebnis nicht nur körperlich, sondern auch psychisch verletzt – und fühlen sich mit ihren Erfahrungen meist sehr allein. Deswegen will Christina Mundlos mit ihrem Buch aufdecken und anklagen. In „Gewalt unter der Geburt“ gibt sie Frauen die Möglichkeit, über ihre gewaltsamen Geburten zu berichten und erklärt auf verständliche Weise die Zusammenhänge im System Geburtshilfe und wodurch es zu häufigen gewaltsamen Situationen kommt.

Physische und psychische Gewalt

Mundlos erklärt zunächst, was die Leserin sich unter „Gewalt unter der Geburt“ überhaupt vorstellen muss. Zu den Gewalttaten zählen nämlich nicht nur physische Handlungen wie grobe Untersuchungen, schmerzhafte Geburtseinleitungen oder ungewollte Dammschnitte, sondern auch psychische Formen der Gewalt wie Beleidigungen, Druckausübung oder Angstmacherei.

Die Autorin erläutert anschließend die Gründe und Hintergründe für diese Gewalteinwirkungen an gebärenden Frauen. „Um zu verstehen, wie es zur Gewalt in der Geburtshilfe kommt, muss die aktuelle Lage in den Kliniken, Geburtshäusern und Kreißsälen beleuchtet werden“, schreibt Mundlos. Denn Technik und Medizin haben seit langem Einzug in deutsche Kreißsäle gehalten und haben, neben den positiven Aspekten, leider auch viele negative Auswirkungen.

„Inzwischen erleben nur noch 6 Prozent der Frauen interventionsfreie Geburten ohne Operationen, Medikamente oder mechanische Entbindungshilfen (Saugglocke, Zange)“

schreibt Mundlos weiter. Und dieser Aussage können wohl viele Frauen aus Erfahrung zustimmen. Die meisten kennen Situationen, in denen das Klinikpersonal bestimmte Maßnahmen teils ohne große Erklärungen anordnet, ganz so als sei das eben völlig normal.

„Normal“ sollten solche routinemäßigen Eingriffe jedoch nicht sein. Wer bereits eine interventionsfreie Geburt erlebt hat, weiß, wie großartig der weibliche Körper das alles von allein schaffen kann. Medizinische Eingriffe sind wertvoll und können Leben retten – aber eben nur dann, wenn sie wirklich benötigt werden. Was viele Frauen jedoch erleben, ist ein Kontrollverlust gegenüber Hebammen und Ärzten, die allzuoft mit Gewalt durchsetzen, was sie für richtig halten – oder auch, wozu sie durch die gegenwärtige Situation gezwungen werden.

Gründe für Interventionen und Gewalt

Denn auch die komplizierteren Zusammenhänge erklärt Mundlos in übersichtlichen Stichpunkten und leicht verständlicher Sprache: Schuld an der Misere ist ebenso der Personalmangel und der damit einhergehende Zeitdruck in deutschen Kreißsälen, das Vergütungssystem der geburtshilflichen Leistungen, das vor allem Interventionen honoriert, und die aktuelle juristische Lage, die dafür sorgt, dass Hebammen und Ärzte lieber einmal zu viel eingreifen als einmal zu wenig.

Aus Hebammen- und Ärztesicht sind das teils sehr verständliche Gründe. Denn die Bedingungen in den Kreißsälen machen eine interventionslose Geburtshilfe leider nur noch selten möglich. Welches Ausmaß solche Interventionen jedoch annehmen können, zeigt der umfangreichste Teil des Buches. Hier lässt Christina Mundlos die Frauen selbst zu Wort kommen – und auch ein Vater sowie einige Hebammen und Hebammenschülerinnen schildern von ihren Erlebnissen. Dieser Teil des Buches ist nichts für Zartbesaitete oder für Frauen, die noch ganz frisch selbst dabei sind, ein Geburtstrauma zu verarbeiten.

Die Erfahrungsberichte sind nichts für Zartbesaitete

Die Erfahrungsberichte der Frauen sind schonungslos ehrlich und mir trieb es beim Lesen so mancher Passage Tränen der Wut und der Trauer in die Augen. Der Satz, der mich am meisten getroffen hat, war der einer 34-jährigen Mutter, die ihr Geburtserlebnis so zusammenfasst:

„Meine Tochter freut sich auf ihren Geburtstag, für mich war es der Jahrestag meiner Geburtsvergewaltigung.“

Diese Frau war während der Geburt beleidigt worden, Eingriffe waren ihr nicht angekündigt worden, man hatte ihr gegen ihren Willen die Beine fixiert und den Kristellergriff an ihr angewendet. Die Psychologin, mit der sie später ihr traumatisches Erlebnis besprechen wollte, bescheinigte ihr dann noch ein „Luxusproblem“ – das Kind sei ja schließlich gesund.

Die weiteren Erfahrungsberichte machen deutlich, dass Geschichten wie diese keine Einzelfälle sind. Auch Hebammen und Hebammenschülerinnen berichten darüber, wie sie durch Zeitdruck und innenklinische Zwänge zu Täterinnen werden. Die Leidtragenden sind die Frauen, und Christina Mundlos fasst wiederum in treffenden Worten und übersichtlichen Stichpunkten die Folgen zusammen: Sie reichen von temporären Versagensängsten und Angststörungen bis zu handfesten Depressionen und Bindungsstörungen zum eigenen Kind.

Lösungsansätze und Appell an die Politik

Die letzten Kapitel des Buches sind lösungsorientiert, denn ja: Man kann es besser machen! Mundlos gibt konkrete Tipps für werdende Eltern, damit diese vor der Geburt Bescheid wissen, was ihre Rechte sind, welche Interventionen in welchen Fällen unnötig sind und wie sie sich gegen übergriffiges Klinikpersonal zur Wehr setzen können. Außerdem geht die Autorin vertiefend auf die politische Dimension der Gewalt in der Geburtshilfe ein und erläutert das Grundproblem der Unterfinanzierung. Mit mehr gut ausgebildetem Personal, sprich mehr Hebammen, die Frauen im Schlüssel 1:1 betreuen können, würde so manche eskalierende Situation erst gar nicht entstehen. Der Schluss des Buches ist damit auch ein Appell an die Politik, endlich zu handeln und den Kreislauf zu durchbrechen, in dem sich Kliniken, Krankenkassen, Ärzte und Hebammen befinden.

Wer an der Geburtshilfe spart, provoziert nicht nur physische und psychische Verletzungen an den Frauen, sondern, da bin ich mir sicher, langfristig auch eine Gefährdung der neugeborenen Babys. Das Buch von Christina Mundlos legt zunächst den Fokus auf die Frauen. Und das ist wichtig, damit die Probleme endlich aus- und angesprochen werden. Zu viele Frauen ordnen schon heute gewaltvolle Erfahrungen unter der Geburt als „normal“ ein. So sei das eben, wenn man ein Kind bekommt. Aber nein: So ist das eben nicht.

„Gewalt unter der Geburt“ ist ein wichtiges Buch, das aufklärt und Zusammenhänge erklärt. Es ist kein Buch für Realitätsleugner und Schönredner. Aber wer wirklich interessiert ist an den Zuständen in der Geburtshilfe, sollte dieses Buch lesen.

Wenn ihr mehr über die Geburt lesen wollt, die ich erlebt habe, dann klickt mal hier oder hier.
Wenn ihr mehr über die Schwierigkeiten und Hintergründe in der Geburtshilfe erfahren wollt, dann klickt mal hierhier oder hier

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