Geschnullert – und bereit es wieder zu tun!

Liebe Attachment-Parenting-Experten und Bindungstheorie-Freunde, ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn: Ich habe beim ersten Kind einen Schnuller benutzt. Und ich bin bereit, es wieder zu tun!

Ja, ich weiß, damit stelle ich mich wohl gegen den allgemeinen Trend, der sich in puncto Kinder-Großkriegen immer mehr der Natürlichkeit zuwendet. Stillen statt Fläschchen, Co-Sleeping statt Gitterbett, Tragetuch statt Kinderwagen und eben auch Schnuller statt – ja statt was eigentlich? Und hier sind wir auch schon beim Kern der Sache: Dieses ohne-Schnuller-Ding hat für mein Empfinden nämlich einfach zu wenige Vorteile.

Insgesamt stehe auch ich ja total auf der Natürlichkeits-Seite. Vor allem, weil „back to the nature“ mir fast immer das Leben leichter macht. Wieso auch sollte ich mich ständig mit Thermoskanne, Fläschchen und Pulverdose abschleppen und obendrein Geld für alles ausgeben, wenn ich die fertig aufs Kind abgestimmte Flüssigkeit auch einfach aus mir raus fließen lassen kann?

Wieso sollte ich mein Baby ins Gitterbett legen, wenn das bedeutet, dass ich mir dann fünf Mal pro Nacht den Rücken verhebe, weil das Kind ja doch gestillt und geschuckelt werden will? Und warum sollte ich ein brüllendes Baby im Kinderwagen schieben, wenn ich doch auch ein friedlich schlummerndes im Tragetuch haben kann?

Ich trage das Faule-Mütter-Gen

Ich trage eben das Faule-Mütter-Gen in mir. Ich tue immer alles genau so, wie es mir sinnvoll erscheint, um mir das Leben leichter zu machen. Hätte ich beim Hübchen eine never-ending-Brustentzündung gehabt, hätte ich mich vielleicht schneller fürs Fläschchen entschieden. Hätte ich ein durchschlafendes Baby gehabt, hätte es vielleicht im Gitterbett gepoft. Hätte ich ein weniger auf Körperkontakt bestehendes Baby gehabt, hätte ich meinem Rücken zuliebe sicher häufiger den Kinderwagen geschoben.

Und hätte ich ein insgesamt weniger anspruchsvolles Baby gehabt, hätte ich vielleicht auch auf den Schnuller verzichtet. Stattdessen hatte ich aber ein Baby, das am liebsten dauernd an die Brust wollte oder irgendeine andere Beschäftigung suchte. Und da war es eben das einfachste, das natürliche Saugbedürfnis mit einem Schnuller zu stillen.

Weil ich nämlich keine große Lust darauf hatte, meine Brust als Dauernuckel herzugeben oder ständig irgendeinen Finger in des Kindchens Mund zu schieben. Sorry, not sorry.

Ja, natürlich weiß ich, dass das Hübchen deswegen bestimmt im Teenageralter eine ganz schreckliche Zahnspange tragen muss. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die bis dahin wieder schwer in Mode sind und die Kids sich für supercoole regenbogenbunte Brackets entscheiden.

Das weithin schlimmste Problem am Schnuller soll ja auch immer sein, dass man ihn einfach so wahnsinnig schwer abgewöhnen kann – und dann auch immer zu spät. Ja ich gebe zu, auch ich hatte zuletzt ein schlechtes Gewissen, dass das Hübchen mit über drei Jahren abends noch verlässlich nach seinem Schnuller verlangte.

Der Schnuller: Letzte Rettung vor Nervenzusammenbruch

Immerhin hatten wir es dem Hübchen schon vor etlicher Zeit abgewöhnt, den Schnuller tagsüber zu benutzen. Moment, ich korrigiere: WIR hatten es UNS abgewöhnt. Denn natürlich waren wir Eltern diejenigen, die auf langen Autofahrten oder bei einem brüllenden Kleinkind an der Supermarktkasse wie automatisiert in die Manteltasche griffen um das Zaubermittel herauszuziehen. Stöpsel rein, Kind ruhig. Das ist so verdammt komfortabel! Und es ist mir so egal, wie viele Vorzeige-Eltern jetzt die Augen verdrehen!

Mein Leben als Mutter – und in großen Teilen war das in der Vergangenheit ein Leben als Vollzeit arbeitende Mutter – war einfach oft anstrengend bis an die Grenzen des erträglichen. Der Schnuller war für mich häufig die letzte Rettung vor dem Nervenzusammenbruch oder auch die schillernde Aussicht auf ein kleines bisschen Ruhe. Das Hübchen lief niemals „einfach so“ mit einem Schnullermund herum – irgendeinen Sinn hatte der Gebrauch immer! Und fast immer war er im Sinne ruhiger Elternnerven.

Der Schrecken des Schnullers: Die „Abgewöhnung“

Bis wir eines Tages merkten, dass das Hübchen plötzlich drei Jahre alt war und wir auf dem Weg in ganz andere Dimensionen des Genervt-seins waren. Der Schnuller war hier mittlerweile völlig fehl am Platz und kam ohnehin nur noch zum abendlichen Einschlafen zum Einsatz. Wir Eltern stellten uns also auf anstrengende Weihnachtsferien ein, in denen wir vorhatten, dem Hübchen den Schnuller „abzugewöhnen“.

Mit seiner Bastelschere zerschnitt das Hübchen seine verbliebenen Schnuller entzwei und war dabei so stolz, wie nur dreijährige große Jungs stolz sein können. Anschließend ging er mit Buch vorlesen und Geschichte erzählen ins Bett, wie jeden Abend. Ich kann mich danach an zwei Abende erinnern, an denen das Hübchen nach einem Schnuller fragte. Tja, die Müllabfuhr hatte ihren Job gut gemacht und die kaputten Schnuller waren längst über alle Berge. Das verstand das Hübchen ziemlich gut.

Das war dann also das Projekt „Schnuller abgewöhnen“ gewesen. Ich weiß nicht genau, woran diese Leichtigkeit lag. Vielleicht, weil wir den richtigen Moment abgepasst hatten. Vielleicht auch, weil wir den Schnuller ohnehin schon in Etappen abgewöhnt hatten, und das Hübchen ihn zum Schluss ausschließlich zum Einschlafen bekam. Vielleicht war es auch nur Zufall oder das Hübchen ist ein total außergewöhnliches und der Norm widersprechendes Kind.

Im Grunde sind mir die Gründe aber ganz egal. Unterm Strich steht: Der Schnuller hat mir die ersten drei Jahre mit Kind extrem erleichtert. Und deswegen bin ich bereit, es wieder zu tun!

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Ein Kommentar zu „Geschnullert – und bereit es wieder zu tun!

  1. Ich bin auch ein großer Schnuller-Fan! Unsere große Tochter, jetzt 2 1/2, verlangt ihn inzwischen nur noch zum Schlafen und für Autofahrten, und das finde ich vollkommen okay. An ihren Zähnen kann ich bisher keine Fehlstellung feststellen.
    Bei unserer kleinen Tochter, jetzt 9 Monate alt, wollten wir nach dieser positiven Erfahrung auch den Schnuller geben, aber sie hat sich von Anfang an geweigert und würgt ihn raus, allerhöchstens kaut sie drauf rum (genau wie auf dem Mundstück ihres Wasserfläschchens). Eine Zeit lang hat sie den Daumen genommen und ich hab sie gelassen, weil sie sich so selber beruhigen konnte. Aber das hat nicht lange angehalten und seitdem lässt sie sich nur durch Stillen beruhigen.
    Vom Prinzip her okay, aber es bedeutet eben auch, dass nur ich sie beruhigen und zum Schlafen bringen kann. Leider wird sie im Laufe des Abends und auch nachts noch sehr viel wach – alle 2 Stunden oder auch häufiger – und jedesmal muss ich sie anlegen. Bei der Großen reichte dann nachts, ihr den Schnuller wieder reinzustecken. Denn wirklich Durst haben sie ja nachts nicht, sondern brauchen nur eine orale Beruhigung.
    Ich bin gespannt, wie das laufen soll, wenn ich irgendwann abstille!!? Wenn ich sie dann nachts nicht durch Stillen wieder zum Einschlafen bringen kann?! Möglicherweise reguliert sich das von alleine, aber spontan wüsste ich nicht wie.

    Lange Rede, kurzer Sinn – Schnuller sind eine gute Erfindung. Und warum sollen sie der bedürfnisorientierten Erziehung widersprechen?

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