„Es hat gar nicht weh getan!“, echt jetzt!

Als ich selbst noch zu den Unwissenden gehörte, stellte ich mir eine Geburt als etwas Substanzielles vor – etwas, das nur meinen Körper und den meines Babys betreffen würde. Ein Mann müsste bei solch einem Ereignis nicht unbedingt dabei sein, dachte ich mir. Da der Mann aber sehr gerne dabei sein wollte, probierten wir es aus. Und das war wirklich eine der besten Ideen, die wir jemals hatten!

Dass der Titel dieses Artikels glatt gelogen ist, ist klar. Weh getan hat die Geburt meines Sohnes natürlich, aber das war OK und fühlte sich nach Kräften der Natur, göttlicher Nähe und übermenschlicher Stärke an. Nein, in meinem nächsten Leben werde ich nicht Schamanin. Ich versuche nur, mit völlig übertriebenen Worten etwas zu beschreiben, was kaum beschreibbar ist. Fakt ist: Die Geburt eines Babys ist etwas Schönes, und wenn die Frau einfach das macht, was die Natur für sie vorgesehen hat, kann selbst ein Mann dabei nicht stören!

Wenn ich zurück denke, hatte ich wohl vor allem immer Angst vor dieser Krankenhaussituation, die man aus schlimmen Erzählungen anderer Frauen oder auch aus RTL-II-Hallo-Baby-Reality-Trash-TV kennt: Ich liege mit gespreizten Beinen auf einem Gebärbett oder an einem ähnlich schlimmen Ort, laut Hebamme soll der Mann meinen Nacken stützen, damit ich beim „Pressen“ auch gut das Kinn zur Brust ziehe und irgendwann guckt der Mann mir einfach mal schamlos zwischen die Beine, denn „da kann man schon das Köpfchen sehen“. AAAAHHHHHH! Geht es noch würdeloser?

Stress unter der Geburt? Bitte nicht!

Bevor es zu dieser Situation gekommen wäre, hätte ich den Mann allerdings sicherlich schon tausendmal aus dem Kreißsaal geschmissen. Sehr viel wahrscheinlicher wäre nur noch gewesen, dass der Mann erst die Hebamme angeschrien hätte, sie solle mich bitte nicht in Haltungen zwingen, die ich nicht einnehmen will, um dann von sich aus Reißaus zu nehmen. Zu unserem Glück kamen wir erst gar nicht in solche oder ähnliche Situationen, weil der Orang es doch recht eilig hatte und meine Hebamme und ich entschieden, lieber bei uns Zuhause zu bleiben als mit Presswehen noch Auto zu fahren. Sicher können auch Klinikgeburten so schön und natürlich ablaufen wie die Hausgeburt meines Kindes, aus Erzählungen weiß ich jedoch, wie selten das ist.

Eine Geburt ist ein würdevoller Moment

Wenn eine Geburt im eigenen Tempo und mit den eigenen Kräften ermöglicht wird, dann ist eine Geburt zwar immer noch ein sehr privates und besonderes Erlebnis, aber keines, von dem man seinen Mann ausschließen müsste. Denn dann ist eine Geburt kein würdeloser Moment, sondern ganz im Gegenteil einer der würdevollsten im Leben einer Frau.

Wenn ich selbst bestimmten darf, in welcher Position, mit welcher Geschwindigkeit, in welchem Rhythmus ich mein Kind zur Welt bringe, ich dabei von meinen Hebammen sanft angeleitet und von meinem Mann respektvoll beobachtet werde, fühle ich mich während der Geburt frei und sicher. In Hinblick auf den Mann schreibe ich „beobachtet“, denn in unserem Fall war es tatsächlich kaum mehr als das. Dabei war er jedoch niemals in einer voyeuristischen Position – was ja auch schon allein deshalb nicht ging, weil ich mich die ganze Zeit in aufrechten Positionen befand und er sich wirklich hätte verrenken müssen, um überhaupt etwas sehen zu können.

Hier noch ein paar (sehr persönliche und deshalb sicher nicht allgemeingültige) Tipps für alle werdenden Väter, die sich vorstellen können, bei der Geburt dabei zu sein:

  1. Aufrechte Positionen (kniend, stehend) sind sinnvoll. Stütze deine Frau wenn sie es will aber lass sie bloß in Ruhe wenn sie es nicht will!

  2. Wenn deine Frau sagt, sie hat keine Lust mehr oder sogar sie kann nicht mehr, sag bloß nichts! Lass das mal mal die Hebamme regeln, dazu ist sie da.

  3. Halte genügend Taschentücher bereit. Es kann sein, dass deiner Frau während der Geburt stundenlang die Nase läuft und ihre Augen tränen. Ich habe auch keine Ahnung, wo das her kam.

  4. Wenn die Hebamme nach Kaffee fragt, frag nicht zurück „Zucker, Milch?“. Oder mach es am besten doch, weil Lachen allgemein hilft. Gemeint ist aber eigentlich starker, schwarzer Kaffee, den die Hebamme für den Dammschutz nutzt um das Gewebe geschmeidig zu machen und Rissen vorzubeugen.

  5. Wenn die Hebamme die geborene Placenta auf dem Wohnzimmerfußboden verteilt – zeige zumindest ein bisschen biologisches Interesse.

  6. Wenn deine Frau nach der Geburt zum Duschen aufsteht, spring schnell auf und fang sie auf – möglich, dass sie umkippt, obwohl sie sich selbst bärenstark fühlt.

Mein Mann ist nach der Hübi-Geburt ein überzeugterer Verfechter von Hausgeburten als ich – was nicht nur an unserer positiven Erfahrung liegen mag, sondern vielleicht auch daran, dass er interessiert und informiert ist und daher weiß, wie unangenehm Klinikgeburten sein können. Seit er dabei zugucken durfte, wie unser Baby geboren wurde, hält er mich und alle anderen Frauen, die eine Geburt quasi „so mal eben“ machen, für die stärksten Menschen der Welt. Das ist natürlich super und da werde ich ihm jetzt sicher nicht erzählen, wie oft ich während der Wehen doch Zweifel hatte, ob ich das alles gut schaffe und durchhalte. Meine Hebammen haben mir zum Glück zu jedem Zeitpunkt Sicherheit und Zuversicht vermittelt und auch deswegen konnte mein Mann, genau wie ich, die Geburt als derart vollkommenes Erlebnis wahrnehmen.

Eine selbstbestimmte, natürliche Geburt ist für alle Anwesenden, für Beteiligte genauso wie für Beobachtende, einfach ein schönes Erlebnis – und keins, das man sich und anderen erst hinterher schön reden müsste!

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