„Es hat auch gar nicht weh getan“?!

Geburten sind für kinderlose Menschen ja ein eher schwieriges Thema. Dieser mysteriöseste aller natürlichen Vorgänge ist in der Vorstellung der meisten Kinderlosen wohl eher ein blutiges Gemetzel als eine besonders amüsante Erfahrung. Und das gilt vermutlich umso mehr für die Männer und zukünftigen Väter. Denn die haben oben drauf oft noch Angst davor, ihre Frauen hilflos leiden zu sehen. 

Trotzdem scheint das Dabeisein bei der Geburt heutzutage keine einfache Frage mehr zu sein, sondern vor allem ein Anspruch, den Frauen und restliche Gesellschaft an die armen Jungs stellen und den diese jetzt einfach zu erfüllen haben. Vor der Geburt meines Kindes war ich mir nicht sicher: Würde ich es schön finden, wenn der Mann auch zugegen wäre? Oder würde ich mir die Pointe sichern wollen und nach alleine bestrittener Geburt einfach behaupten: „Es hat auch gar nicht weh getan“?

Rückblick-Post: Juni 2013

Ein Plädoyer für das Vetorecht des Mannes. Eva hat der Schlange vertraut und den Apfel gegessen, komm endlich damit zurecht, Frau!

Zugegebenermaßen gehöre ich zu den Zeitungslesern, die, wenn es eins gibt, am liebsten zuerst mal ins Magazin gucken. Ich zwinge mich zwar meistens dazu, in der ZEIT zuerst den Politikteil zu lesen, weil der themenmäßig so schnell veraltet. Aber wenn mir zum Beispiel eine Freitagsausgabe der Süddeutschen in die Hände fällt, schlage ich als allererstes das Magazin auf. Das ist ein ähnlicher innerer Zwang wie im ärztlichen Wartezimmer immer Bunte oder Gala lesen zu müssen, bzw. nur die schönen Bilder von den schönen Menschen darin anzusehen.

Heute habe ich mal im Archiv der SZ-Magazin-Seite gestöbert und ein Interview mit der Komödiantin Ina Müller gelesen. Da scheint sie sehr sympathisch zu sein. Ob ich sie witzig finde, weiß ich nicht, dafür gucke ich zu wenig fern (eine Tatsache die unbedingt geändert werden muss sobald ich mit Kind im Arm und Lockenwicklern im Haar zu Hause rumhänge). Die anscheinend sehr sympathische Ina Müller jedenfalls trifft recht deutliche und doch amüsante Aussagen über den Akt des Kinderkriegens:

„Die Vorstellung, selber ein Kind zu kriegen, hat mir immer Angst gemacht, schon die Geburt an sich und das ganze Drumherum. Und dann wird der arme Mann auch noch in den Kreißsaal geschleppt, muss seine Frau leiden sehen, sich den verklebten Säugling auf der schwitzenden, abgekämpften Mutter ansehen und das alles toll finden. Das kann doch keiner wollen! Meine Mama hat immer gesagt: »Wenn ihr Kinder kriegt, geh ich mit in den Kreißsaal. Der Mann hat da nichts zu suchen. Wenn alles gewaschen ist, kann er reinkommen, und ihr sagt: ›Es hat auch gar nicht weh getan.‹“

Ina Müller ist laut SZ-Magazin als eine von fünf Töchtern auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufgewachsen. Es ist also nachvollziehbar, dass ihre Mutter die Ansichten einer „modernen“ Frau nicht teilt, der Mann solle gefälligst dem Geburtsakt beiwohnen. Ich höre aber schon den Aufschrei der heutigen oder zukünftigen Mütter, da Ina Müller die Ansichten ihrer Mutter ganz offensichtlich teilt. Hat der Mann nicht dabei zu sein wenn die Frau leidet, weil er es schließlich war, der ihr den Braten in die Röhre geschoben hat? Steckt eine moderne Beziehung nicht derart voller Vertrauen und gegenseitiger Aufopferung und Anteilnahme, dass ein Dabeisein des baldigen Vaters vollkommen selbstverständlich sein muss?

Macht man(n) das heute eben so?

Abgesehen davon, dass ich nie diese Meinung geteilt habe, hätten mich ansonsten die Aussagen vieler Männer kuriert, die bei der Geburt ihrer Kinder doch erstaunlich oft nur deshalb dabei waren, weil sie dachten, dass „man(n) das heute eben so macht“. Oder in anderen Worten: weil sie dachten, dass es von ihnen erwartet wird. Weil sie nicht wussten, dass sie ein Vetorecht besitzen. Weil Freundinnen, Frauen oder Familie es als vollkommen selbstverständlich voraussetzen. Da gibt es oft weder Gespräch noch Diskussion.

Es wundert insofern nicht, dass viele Männer eine Geburt nicht gerade als schönes, um nicht zu sagen als traumatisches Erlebnis in Erinnerung haben. Um diese Gefahr zu meiden, frage ich meinen Mann also lieber, ob er denn wirklich unbedingt und aus freiem Willen dabei sein will und respektiere seine jeweilige Entscheidung.

Geburten waren schon immer Frauenangelegenheit

Kann es nicht sein, dass es durchaus einen Grund hat, warum das Gebären von Kindern jahrtausendelang reine Frauenangelegenheit war? Ist es nicht so, dass die meisten Menschen im Schmerz keine Berührungen oder aufmunternden Worte ertragen können? Und kann nicht eine andere Frau am besten verstehen, was da mit einer Frau passiert, die in den Wehen liegt und ein blutiges Bündel aus sich rauspressen muss, weil rein geht es nicht mehr? Wenn wir ehrlich sind, ist Gleichberechtigung eine tolle und wichtige Sache und ich unterstütze und verteidige sie mit Zähnen und Klauen. Aber was diese Sache mit dem Kinderkriegen angeht, da sind Männer und Frauen eben nicht gleichberechtigt.

Das haben die Frauen sich nicht ausgesucht, das ist gemein, aber da müssen sie eben durch. Oder sie adoptieren ein Kind. Oder sie suchen sich eine Leihmutter. Oder sie werden eine verrückte Katzenoma. Ich finde aber nicht, dass sie aus Gründen der Wiedergutmachung das Recht hätten, ihre Männer in ein blutiges Theaterstück zu zwingen, das diese vielleicht doch lieber schwänzen würden.

Mein Mann hat mir die Füße massiert, meinen Bauch gestreichelt, mir Tee gegen die Unterleibsschmerzen gekocht und Abende bei mir Zuhause verbracht, weil ich einfach zu müde und erschöpft war um noch auszugehen. Für mich ist das Ausgleich genug, er muss nicht auch noch mit zitternden Händen eine eklige Nabelschnur durchtrennen. Vielleicht macht er es am Ende ja doch, wir wollen mal sehen, wie wir uns an besagtem Tag dann fühlen. Der Deal ist, dass ich jederzeit sagen darf: „Hau ab“ und der Mann genauso gut einfach gehen darf, wenn und wann er will. Das sollte gleichberechtigt genug sein.

Warum der Mann letztlich doch bei der Geburt dabei war und wie großartig diese Erfahrung für uns beide war, lest ihr hier.

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Ein Kommentar zu „„Es hat auch gar nicht weh getan“?!

  1. Rena

    Liebe Sophie,
    ein interessanter Text! Ich habe weder Kinder noch Partner, kann mir aber gut vorstellen, dass ich im Fall des Falles eine erfahrene Frau, die bereits geboren hat, unterstützender fände als einen Mann mit Schnappatmung oder „wohltuenden“ Ratschlägen… Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das dann auch alles noch, so wie bei euch. Sehr nett geschrieben jedenfalls!

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