Endgegner Autonomiephase

Es gibt da ja diesen Spruch: „Kleine Kinder – kleine Probleme, große Kinder – große Probleme“. Wenn an diesem Spruch auch nur ein Filzelchen Wahrheit dran ist, dann überlebe ich Hübis viertes Lebensjahr nicht. Im Moment sind wir nämlich mitten in seinem dritten. Und wenn es danach noch anstrengender wird, reiche ich irgendwann unbezahlten Urlaub ein. Adieu, Mutterschaft. Möge sich irgendein durchreisender Schlawiner um dich Wahnsinnskind kümmern. Denn eins ist klar: Die Autonomiephase ist mein persönlicher Endgegner. Für noch schlimmeres stehe ich danach nicht mehr zu Verfügung.

Klar, ich hatte geahnt, dass es nicht ganz leicht wird. Auch als Nicht-Mutter weiß man ja, wie Kleinkinder so sind. Und ehrlich gesagt: Als Nicht-Mutter hatte ich lieber Kinder in anderen Altersklassen um mich. Lustige Sechsjährige, die einem gewitzte Streiche spielen. Eloquente Zehnjährige, die schon richtig gut erzählen können. Oder von mir aus auch putzige Einjährige, die gerade ein, zwei Wörter lallen. Mit vor Wut um sich schlagenden Zweijährigen wollte ich lieber nicht so viel zu tun haben.

Und heute weiß ich umso besser, warum. Mein Sohn ist wirklich oft ganz fantastisch und hier könnt ihr auch nachlesen, wie wunderbar es sein kann, ein zweijähriges Kind zu haben. Allerdings verschwimmt dieses Gefühl momentan mehrmals am Tag (und damit meine ich >2), weil ich mich gegenüber den Wutausbrüchen meines Kindes so dermaßen machtlos fühle. Abends lecke ich dann meine Wunden, denn es kann auch physisch sehr schmerzhaft sein, ein zweijähriges Kind zu haben. Empathie? Fehlanzeige! Mütterkörper haben keine Schmerzen zu empfinden! Sie sind Objekte des Abreagierens, Hüpfburg und Riesenrutsche in einem!

Immer tut irgendwas weh

Ich hatte keine Ahnung, wie schmerzhaft es ist, Kinder zu haben. Ich habe immer Schmerzen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als endlich mal wieder einen Tag zu erleben, an dem ich keine Schläge und Tritte abbekomme (auch keine versehentlichen) oder an dem mein Körper ausnahmsweise mal nicht als Hüpfkissen missbraucht wird. Ich wünsche mir ein kleines bisschen Ruhe. Ich wünsche mir, das Haus mal wieder pünktlich verlassen zu können, ohne Diskussionen ums Schuhe anziehen oder überhaupt mal losgehen. Und das in einem Alter, in dem das Kind noch nicht mal angefangen hat „Warum“ zu fragen.

Ich möchte ein Kind, das ein kleines bisschen Vernunft besitzt und einfach mal aufhört, unkontrolliert auszurasten. Zur Not möchte ich auch einfach nur ein Kind, das alt genug ist, damit ich es mal in sein Zimmer schicken kann. Tür zu. Fünf Minuten Ruhe.

All diese Attachment Parenting Blogs und Kinder-verstehen-Artikel, die ich sonst immer so gerne gelesen habe, machen mich zur Zeit einfach wahnsinnig. Weil sie mir Dinge sagen, die ich alle weiß, die aber gerade trotzdem nicht bis in mein Hirn vordringen. Da wäre zum Beispiel der Fakt, dass mein zweijähriger Sohn eben noch nicht genug Verstand (oder wie man solche Gefühls-Regulatoren auch immer nennen will) besitzt, um sich anders zu verhalten, als er es eben derzeit tut. Er kann gerade nicht anders. Weil er eben noch zu klein ist.

Das widersprüchliche Kind

Aber allein das ist eine Sache, die mir gerade so ganz und gar nicht in den Kopf will. Ich verstehe das einfach nicht. Er ist doch schon so wahnsinnig klug. Spricht (in den Augen seiner Mutter) für einen Zweieinhalbjährigen absurd eloquent daher. Benutzt Vokabeln, von denen ich sicher bin, sie erst auf dem Gymnasium gelernt zu haben. Benennt alle Farben fehlerfrei. Zählt bis 10. Benutzt Pronomen – und zwar die richtigen. Muttis ganzer Stolz.

Warum zur Hölle kann dieses also durchaus gewitzte Kind sich dann nicht ein einziges Mal zusammenreißen, wenn es sich die Jacke anziehen soll? Nicht mal dann, wenn ich ihm genau erkläre, warum er das tun soll (Draußen kalt, Weg zu weit, Spielplatz schön, andere Kinder nett, Fahrtwind zugig usw. usf.).

Ja, ja, ist schon klar: Ich verlange da viel zu viel von meinem Kind. Aber es ist doch einfach ein riesiger Widerspruch, wie viel dieser Junge auf der einen Seite schon kann, weiß und versteht. Und wie wenig er dieses Wissen nutzt, um verschiedenste Situationen einfach mal etwas entspannter zu meistern als wild um sich schlagend und sich auf dem Boden wälzend.

Irgendwie lernt das Kind mir nicht stringent genug. Oder es lernt die weniger wichtigen vor den wichtigeren Dingen. An Punkt 1 müsste meiner Meinung nach stehen: Empathie! Sofortiges Einstellen jeglicher Gewaltanwendung – insbesondere der Gewalt gegen die eigene Mutter! Stattdessen kann der Sohn zehn verschiedene Affenarten auseinanderhalten und weiß, welche Farben ein Clownfisch hat.

Vielleicht besorge ich mir demnächst ein Gorilla-Kostüm. Das viele Kunstfell wird die Tritte und Schläge meines wütenden Kindes abschwächen. Und irgendwann werden die Wutanfälle aufhören. Zumindest sagen das immer alle. Und zur Pubertät kommt das Kind dann ins Internat.

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

5 Kommentare zu „Endgegner Autonomiephase

  1. Die Tochter ist mit fast 6 Jahren zu alt und der Sohn (1 1/2) noch zu jung, um wirklich nachfühlen zu können, wie es Dir aktuell geht. Dennoch fühle ich mich durch Deinem Text gut informiert und sensibilisiert. Irgendwie auch gut, dass die Erinnerungen an diese Ohnmacht in dieser Phase irgendwann verblassen. Ich wünsche Euch alles Gute und Dir viel Kraft für die nächste Zeit.

  2. Andi M

    Ich wage es mal, ehrlich zu sein: Lass das diskutieren weg. „Das ist nun so“, und Punkt. Wenn wir hier an den Punkt kamen, wo keine Argumente mehr galten, hab ich eben nicht mehr argumentiert. Klar erklärt man das alles. Aber egal, ob sie nun die Zusammenhänge verstehen oder nicht, es ist notwendig. Das gilt fürs Zähneputzen wie fürs Schuhe anziehen oder .. oder…
    Hast du denn schon mal ausprobiert, zB beim Weggehen wollen deine Schuhe anzuziehen und dann einfach loszugehen? Irgendwie ging das dann doch plötzlich mit dem Schuhe/Jacke/etc. anziehen. Kinder wollen in dem Alter nämlich noch nicht allein gelassen werden.

    Aber ich kann dich verstehen! Das ist super anstrengend in dem Alter. Meine Kleine ist fast 4 und gerade extrem dabei zu versuchen, ihren Willen durchzukriegen gepaart mit einem unheimlichen Verlangen nach körperlicher Nähe. Du schaffst das!

    • Klar, alles schon probiert. Das Hübchen ist sehr autonom und würde gerne allein Zuhause bleiben, wenn man ihn ließe.
      Und ich diskutiere natürlich nicht immer, gerade unter Zeitdruck muss es eben einfach mal alles schnell passieren. Das gibt dann Anziehen, Zähne putzen und Schuhe anziehen unter Geschrei und Geheul. Und das zerrt an den Kräften. Oft versuche ich es daher erstmal mit Überzeugung. Weil „einfach machen“ ist meistens noch viel, viel schlimmer.
      Danke für die Durchhalteparole – die kann ich wirklich gebrauchen! 🙂 Es wird sicher bald wieder einfacher.

  3. Özlem

    Ab und zu versuche ich es auch noch mit erklären und ruhig sprechen und trösten und keine Ahnung was. Verständnis ohne Ende, so viel das Kind braucht.
    Aber wenn die Situation es nicht erlaubt, dann setze ich mich schlicht einfach durch. Ich habe keine große Lust, z.B. im Regen am Auto stehend dem Kind zu erklären, dass es nunmal gerade in den Kindersitz sitzen und angeschnallt werden muss und er sich mit Händen und Füßen und brüllend dagegen wehrt, so dass Umstehende glauben könnten, ich entführe gerade ein Kind. Da setze ich mich dann schon mal durch, das Kind wird festgehalten und gegen seinen Willen angeschnallt. Keine zwei Minuten später, wenn ich nass und triefend auf dem Fahrersitz sitze, brabbelt und sabbelt es fröhlich von der Rückbank und grinst und erzählt irgendwelche Geschichten, so dass ich mir denke „Du kleines ********* !“ 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.