Eine kleine Freudenträne

Auch wenn ich damals häufiger gefragt wurde: „War das geplant?“ – das Hübchen war ein Wunschkind. Wir hatten kurz darüber nachgedacht, waren dann fest entschlossen und schon war das Baby unterwegs. Kein monatelanges Warten, kein Hoffen, kein Bangen. Einfach so war das Baby im Bauch. Jetzt habe ich ein zweites Baby verloren. Und zwar, ohne es geplant zu haben. Ich wusste nämlich gar nicht, dass es da war. Bis es dann weg war. Eine komische Situation. Muss ich jetzt traurig sein? Was muss ich fühlen? Und muss ich das überhaupt?

Ich habe kurz überlegt, ob ich diesen Text überhaupt schreiben soll. Denn erstens ist das Thema sehr privat. Und zweitens muss ich auch keinen Schock verarbeiten, was ja schon mal ein Grund sein kann, das Ganze aufzuschreiben und sich mit anderen darüber auszutauschen. Während ich dann aber solche Stichworte wie „Fehlgeburt 5. SSW“ googelte, wurde mir klar, dass es in den Weiten des Internets sehr wenige Texte gibt, die eher sachlich mit dem Thema umgehen und dachte mir, dass ich vielleicht genau so einen schreiben könnte.

Dass es wenig sachliche Texte von betroffenen Frauen gibt, ist völlig verständlich. Fehlgeburten sind nicht schön. Und viele Frauen trauern ganz zu Recht sehr um ihre ungeborenen Babys, vor allem, wenn sie sie zu einem Zeitpunkt verlieren, an dem sie sich schon sehr darauf gefreut haben (egal, ob das in der 5. oder 12 Schwangerschaftswoche ist). Bei meiner Recherche erstaunte mich jedoch trotzdem, welche Menge an sehr traurigen Artikeln und Foreneinträgen zu extrem frühen Fehlgeburten es gibt. 

Muss ich jetzt auch trauern?

Und sofort fühlte ich mich ganz komisch und irgendwie schlecht. Müsste ich nun nicht auch trauern? Warum kam da so wenig Gefühl? Nicht mal ein Tränchen, ein klitzekleines? Aber das ging gar nicht, denn bis zu dem Moment, als ich begriff, dass sich da ein Baby verabschiedet, hatte ich gar nicht mit einem Baby gerechnet. Zwischen Umzug und viel Arbeit war das nicht geplant. Es gab keinen positiven Schwangerschaftstest, keine Freude und auch keine glückliche Überraschung.

Nur ein böse Überraschung, die mich gleichermaßen faszinierte. Krämpfe am Abend, für die ich meinen nervösen Verdauungstrakt verantwortlich machte. Krämpfe am Morgen, die mir dann zeigten, was da eigentlich gerade passierte. Ich habe gesehen, was noch keine drei Wochen in mir entstanden war und habe fasziniert beobachtet. Es war nicht schwer, es gehen zu lassen.

Mein schönes, trauriges Geheimnis

Kurz danach habe ich das Hübchen geweckt und mit dem Fahrrad zur Tagesmutter gebracht. Im Fahrtwind habe ich gelächelt. Ich hatte ein Geheimnis. Nur ich wusste, dass ich während der letzten zwei Wochen schwanger gewesen war. Ich war nicht traurig, sondern freute mich einfach über diese Tatsache. Und darüber, dass mein Körper so gut funktionierte. Irgendwas wird mit dem Baby wohl nicht gestimmt haben.

Im Vertrauen auf meinen Körper habe ich keinen Arzttermin gemacht. Mir geht es gut. Das verlorene Baby war nur etwa zwei Wochen alt und ich hatte nicht mal von ihm gewusst. Die Natur hat ihre Pläne, die in den allermeisten Fällen gut ausgehen. Ich bin glücklich mit meiner ungeplanten Fehlgeburt. Und noch glücklicher mit meiner ungeplanten Schwangerschaft, die einfach so wieder zu ende ging. Alles, was ich weine, sind Freudentränen. Jetzt eben doch. Ein paar klitzekleine nur.

Wofür schreiben nicht immer gut sein kann.

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2 Kommentare zu „Eine kleine Freudenträne

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