Ein Leben ohne Kinder ist möglich, aber sinnlos?

So, jetzt mal Butter bei die Fische: Wer von euch da draußen könnte sich eigentlich genauso gut ein Leben ohne Kinder vorstellen? Wer würde vielleicht manchmal gerne tauschen? Und wer (das darf man nach der gemeinen Debatte um Regretting Motherhood ja eigentlich gar nicht mehr fragen) würde die Entscheidung fürs Kind vielleicht sogar manchmal gerne rückgängig machen? Ich frage, weil ich gestern viel darüber nachgedacht habe, wie ich das eigentlich sehe. Auslöser war eine nette Begegnung an der Aldi-Kasse:

Ich stehe gestern vormittag also an der Aldi-Kasse und hinter mir schäkert eine nette Omi mit meinem Räupchen. Sie erzählt mir, wie sehr sie sich nach zwei Jungs über ihre Tochter gefreut hat und auch ich gebe zu, dass ich nach meinem Sohn glücklich über die Tochter bin, es aber vor allem schön finde, zwei Kinder zu haben. Sie stimmt mir zu, hat ja selbst drei Kinder und mittlerweile acht Enkel! Kurz bevor ich an der Kasse dran komme, meint sie noch:

„Komisch, dass manche gar keine Kinder wollen, oder? So ganz ohne Kinder, nein, das könnten Sie sich doch sicher auch nicht vorstellen, oder?“

Und ich, plötzlich völlig überzeugt, antworte: „Doch, das könnte ich mir eigentlich sogar sehr gut vorstellen!“.

Aber stimmt das echt?

Im Laufe des Tages habe ich gestern immer mal wieder darüber nachgedacht. Klar ist es leicht, sich etwas vorzustellen, was man nicht hat und auch nie wieder haben kann (denn Kinder lösen sich ja in den seltensten Fällen irgendwann einfach wieder in Luft auf). Aber vom Gefühl her glaube ich tatsächlich, dass ich auch ganz gut für ein Leben ohne Kinder geeignet gewesen wäre. Mir fallen zum Beispiel schon bei einmal kurz nachdenken so viele Dinge ein, die leichter für mich zu erreichen wären, hätte ich keine Kinder – und die ich auch gerne machen würde.

Und ja, manchmal bin ich neidisch auf meine kinderlosen Freund*innen, die ihre Berufe ausüben, ohne dass alle Nase lang ein Kind krank wird. Die ihr Geld für schöne Urlaube ausgeben und nicht für das dritte paar Barfußsandalen, weil diese verfluchten Kinderfüße immer nur im Sommer wachsen. Und die abends spontan ins Kino gehen, oder essen oder tanzen. Tanzen! Wie lange war ich schon nicht mehr tanzen!

Ich folge Bekannten auf Instagram, die tolle Jobs haben, die sie immer wieder in andere Städte und andere Länder führen. Die nach ihrer Rückkehr ein paar Wochen bei Freunden auf dem Sofa schlafen, weil sie in der Großstadt nicht sofort eine Wohnung finden. Aber was soll’s? Wer nur für sich allein verantwortlich ist, macht sich nicht verrückt. Diese Freiheit, die vermisse ich wirklich.

Ich kann jede Frau mit einer starken beruflichen Leidenschaft verstehen, die das Risiko Kind einfach nicht eingehen will, weil die Freiheit dann weg ist und die Vorurteile zuschlagen (und auch die Natur. Ich kann nur für mich sprechen, aber mich haben die Schwangerschaften echt geschlaucht. Mit um die Welt jetten wäre da in meinem Fall definitiv Schluss gewesen). Ich kann übrigens auch jeden Mann verstehen, der die Verantwortung scheut, nicht nur die finanzielle.

Einfach mal keine Verantwortung tragen

Überhaupt Verantwortung. Letztes Wochenende haben wir es zum Beispiel geschafft, uns einen Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen anzuschauen. Und davor sogar noch einen Kaffee mit Freunden zu trinken. Das ging nur, weil wir die Verantwortung mal für drei Stunden an meine Eltern abgeben konnten. Die ersten drei Stunden nach zehn Monaten mit dem zweiten Baby, übrigens. Diese drei Stunden lagen natürlich nicht so richtig günstig: Sonntags nachmittags zwischen halb zwei und halb fünf. Da blieb nur der doofe internationale Wettbewerb mit diesen künstlerisch anspruchsvollen Filmen, die kein Schwein versteht. Ich bin in der zweiten Hälfte eingeschlafen.

Aber egal, wir waren immerhin mal ohne Kinder unterwegs, ganz ohne Verantwortung. Was ja aber auch wieder nicht so richtig stimmt, weil ich selbst im dunklen Kinosaal mein Handy mit Vibrationsalarm auf „on“ auf dem Schoß liegen hatte und am liebsten den letzten Kurzfilm geschwänzt hätte, aus lauter Angst, mein Baby könnte es nicht länger ohne mich aushalten (konnte sie auch beinahe nicht, drei Stunden sind leider immer noch totales Maximum bei der kleinen Milchraupe).

Adieu, ihr Freiheiten!

Ja, ich weiß, sie werden so schnell groß und alles. Aber trotzdem! Es sind schon verdammt viele Freiheiten, die da drauf gehen. Und nicht jede davon trete ich freiwillig ab. Ohne Kinder würde ich vielleicht schon längst in einem anderen Land leben, in einem wärmeren, sonnigeren, mit einer schöneren Landessprache. Vielleicht auch nicht, ist auch egal. Mir geht es gerade ums Prinzip: Meine Kinder binden mich sehr an einen Ort. Und das ist auf der anderen Seite auch sehr schön. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, richtig anzukommen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Halt, ich möchte sogar so weit gehen, zu sagen: Ich bin glücklich

Nee, ich bereue es tatsächlich keinen Moment, meine Kinder bekommen zu haben. Und jetzt wo sie da sind, kann ich mir ein Leben ohne sie natürlich sowieso nicht mehr vorstellen. Aber so ganz grundsätzlich? Klar! Ein Leben ohne Kinder ist bestimmt einfach anders super! Im Grunde ist es wohl vor allem bedauerlich, dass wir alle nur ein Leben haben. Aber wer weiß, vielleicht werde ich ja wiedergeboren, als Regenwurm zum Beispiel. Ich glaube, die betreiben keine großartige Brutpflege. Und dann wandere ich aus und werde ein französischer Regenwurm, ganz weit unten, im Süden. Ahhh oui!

Und ihr?

Habt ihr auch manchmal Sehnsucht nach einem freieren Leben ohne die drückende Verantwortung, die kleinen siebenköpfigen Raupen bis mindestens zur Volljährigkeit zu begleiten? Oder habt ihr ganz im Gegenteil schon immer von einer mehr oder weniger großen Familie geträumt und könnt euch ein Leben ohne tatsächlich überhaupt gar nicht vorstellen? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

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10 Kommentare zu „Ein Leben ohne Kinder ist möglich, aber sinnlos?

  1. Ve

    Ich kann es mir tatsächlich nicht vorstellen. Nein, das ist falsch. Ich w i l l es mir nicht vorstellen, das Leben ohne Kinder. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich es kenne. Ich bin erst mit 32 Jahren Mutter geworden (und dann mit 33 zum zweiten Mal), also hatte ich dieses Leben. Spontan mit meinem Mann nach Budapest fliegen? Klar! Wochenende, das lohnt sich. Oder mal eben nach Florida, oder oder oder. Und es war fantastisch. Ich bin sehr froh, dass wir diese Zeit hatten, auch wenn i c h eigentlich schon mit 21 mit dem Kinder kriegen anfangen wollte. Jetzt verspüre ich keine Sehnsucht. Ausser mal allein aufs Klo zu gehen 😉

    • Ja, vielleicht fehlt mir die Erfahrung dieses „Luxus-Lebens“. 😉

      Ich hatte eine tolle Studienzeit, habe in vielen verschiedenen Städten, auch viel im Ausland studiert. Aber da hatte ich eben nie Geld. Was nicht schlimm war, viel gesehen und erlebt habe ich auch so, aber dieses Paar-Leben mit spontanen Reisen und den kleinen Luxusdingen, die man sich gönnt, das kenne ich halt gar nicht.

      Zum Glück fehlt mir das auch nicht besonders. Trotzdem ist unser Wunsch, mehr zu reisen, sobald die Kinder älter sind. Oder die Kinder auch mal ein langes Wochenende bei den Großellis zu lassen und mal alleine wegzufahren. 😄

  2. Kathi

    Also ich kann mir tatsächlich ganz ehrlich kein Leben ohne Kinder für mich vorstellen. Was nicht heißen soll dass ich finde dass jeder Kinder haben sollte, überhaupt nicht. Aber wenn ich meine kinderlosen Freundinnen sehe, die Karriere machen und in der Welt umherreisen dann freue ich mich für sie ohne einen Hauch von „hätte ich auch gerne“. Reisen und Karriere bedeuten mir einfach nichts. Ich bin auf der anderen Seite aber auch kein absolutes Muttertier. Ich vermisse öfters den Schlaf. Die Spontaneität. Den Schlaf. Die Sorglosigkeit. Und erwähnte ich schon den Schlaf?? 😉 Auch freue ich mich sehr darauf ab Oktober wieder zu arbeiten. Für mich. Nicht für Karriere oder dickes Geld. Ich bin glücklich so wie es ist und würde mit niemandem tauschen wollen

    • Ich glaube, da ticken wir beide ganz ähnlich! Denn so ein Leben immer auf dem Sprung und die Konkurrenz, die man ja oft fühlt, wenn man beruflich weit kommen will, das würde mich vermutlich auch überfordern. 😅

      Vor allem bedeuten mir Statussymbole überhaupt nichts und Luxus ist für mich, ausgeschlafen zu sein. Ohne Kinder wäre das sehr wahrscheinlich ganz genau so. Nur halt viel einfacher zu erreichen, also das mit dem Schlaf. 😂

  3. Siddi

    Ich liebe meine Kinder und würde sie um nichts auf dieser Welt tauschen. Allerdings würde ich gerne mal wieder den Kopf nur für mich haben. Wie früher ohne Kinder. Einfach so in den Tag hinein leben. Sich einfach mal keine Sorgen um die ungewaschene Lieblingshose oder die Gemüsebeilage zum Abendessen machen. Versteht ihr wie ich das meine? Meine Mädels sind 6 und 4. Sie schlafen auch manchmal bei Oma aber mein Kopf ist immer bei/mit ihnen oder bei den Sachen die ich noch erledigen möchte bevor ich sie abhole. Also wirklich entspannen kann ich mich nicht. Ich kann das einfach nicht abstellen! Und das macht.mich müde und traurig zugleich. Aber seit einem Jahr kann ich zu 80% durchschöafen. 😉 also das mit dem Schlafen klappt…aber ausgeschlafen bin ich nicht wirklich. 😂😂😂 LG aus Wien

  4. Gis

    Ich wollte immer Kinder – ich liebe die Kinder und das Leben mit den Kindern, auch wenn es mich oft an meine Grenzen und darüber hinaus bringt. Wir haben auch ziemlich direkt nach dem Studium Kinder bekommen und ja, ich vermisse es auch immer mal wieder, freier zu sein, mal nur als Paar und ohne Gedanken an die Kinder unterwegs sein zu können. Bei uns leben die Großeltern zu weit weg um als Babysitter einzuspringen und so bedürfen die kleinen freien Momente guter Organisation. Wir haben im Juli seit 2 Jahren den ersten gemeinsamen freien Abend…. Erschreckend, wenn man das so liest… Ja, wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich momentan doch etwas eingeengt vom Muttersein – vielleicht wird’s wieder besser, wenn im Herbst das Arbeitsleben wieder dazukommt, wobei ich manchmal nicht sicher bin, ob das auch nur ein Teil des Hamsterrades ist, welches das Gefühl erzeugt eingesperrt zu sein…
    Aber wenn ich jetzt gleich eine Etage höher schleiche und den 3 Zwergen die Bettdecken glatt ziehe und sie nochmal küsse bevor ich selbst schlafen gehe, dann weiß ich doch, dass es gut ist, so wie es ist. Dann ist das Herz voll und ich bin dankbar.

  5. Lena

    Auch ich liebe meine Kinder und die Intensität unseres derzeitigen Lebens ist enorm, positiv wie negativ. Aber alles hat seine Zeit und deshalb wird es bei uns vermutlich auch bei zwei Kindern bleiben (auch wenn ich mir eine dreiköpfige Kinderrasselbande immer toll vorstelle). Für überschaubare Zeit kann ich die Einschränkungen gut hinnehmen, aber ich möchte irgendwann wieder spontaner und unabhängiger entscheiden können, was ich mache. Trotzdem glaube ich, Kinder zu haben und für sie Sorge zu tragen, ist eine elementare Erfahrung. Allein schon, wie oft na sich zurücknehmen muss… und es geht auch :). Kinderlose meinen oft (ich eingeschlossen damals), sich vorstellen und mitreden zu können, wie es mit Kindern ist. Aber das kann man wirklich erst, wenn man sie wirklich hat, 7 Tage die Woche, 24 Stunden, das ganze Jahr.

    • Haha, wem sagst du das. 😂 Als kinderlose Alleskönnerin habe ich aber so was von überheblich auch die Kinder anderer Leute geguckt und sofort gewusst, was die alles in der Erziehung vergeigt haben. 😆

      Heute gucke ich manchmal aufs Hübchen und weiß, dass jede Erziehungsbemühung an ihre Grenzen stößt – den Charakter des Kindes nämlich. Die Kinder so anzunehmen, wie sie sind, ist vielleicht die größte Herausforderung eines Elternlebens, und ja, ich glaube, dass mir diese Erfahrung sehr, sehr gut tut (also auch für meine eigene Charakterbildung 😉).

  6. Sandra Wilkens

    Also momentan, quasi in den „jungen Jahren“ könnte ich mir ein Leben ohne Kinder durchaus vorstellen, auch wenn ich es nicht möchte und jeden Tag mit meinen Beiden genieße. Aber vor Allem das Reisen fehlt mir schon… Und das stundenlange Serien schauen auf der Couch Sonntag Nachmittags bei schlechtem Wetter. Und spontane Verabredungen am Abend, vor allem im Sommer….
    Aber was ich mir definitiv nicht vorstellen könnte, ist ein Leben ohne Enkelkinder! Es ist zwar nicht 100% sicher, dass man welche bekommt, aber mit 3-4 Kindern (die wir wollen), stehen die Chancen ja wohl nicht schlecht hoffe ich 🙂
    Wenn ich sehe wieviel Freude unsere Eltern mit den Kleinen haben und wie sehr ihre Freunde zum Teil alleine sind weil sie weder Kinder noch Enkelkinder (logischerweise…) haben, das könnte ich mir nur schwer vorstellen im Alter.

  7. Steffi

    Ich wollte immer Kinder und das jung, habe drei und bin sehr dankbar und glücklich, dass das so in meinem Leben gekommen ist. Was nicht heißen soll, dass sie mir nicht oft genug auf den Keks gehen und ich rummotze, aber auch das ist genau das Leben, das ich immer wollte, Gefeiert hab ich im Studium genug, Reise war nie so meins, zumindest nicht Fernreisen. Da fehlt mir nichts. Was mir oft fehlt ist meine frühere Unbedarft Zeit, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit, das hätte ich gern zurück. Ich bin ein positiver Mensch, immernoch, aber mit Kindern mache ich mir nicht nur viele Gedanken was ihnen passieren kann, sondern zum ersten Mal auch Sorgen was ist, wenn mir was passiert. Das nervt mich selbst aber ich kann es nicht abstellen….

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