Die Zeit (also davon keine)

Die Zeit ist eine Wochenzeitung, die ich äußerst gern lese. Ich finde sie gut recherchiert, meistens gut geschrieben und vor allem stehe ich total auf die völlig subjektiven und manchmal politisch nicht ganz korrekten Reportagen von Moritz von Uslar. Die Zeit ist aber vor allem eine Zeitung, für die ich niemals Zeit habe. Und damit illustriert sie ganz gut ein Problem, das die meisten Mütter und Väter kennen: Wie zum Teufel soll das alles wieder in nur 24 mickrige Stunden passen?

Dieses Wochenende ziehen wir um. Es ist überhaupt ein Wunder, dass ich ein paar Minuten finde, um diesen Artikel zu schreiben, aber ich nehme sie mir, weil das Schreiben mir gleichzeitig einfach mal einen Moment Ruhe ermöglicht. Würde ich jetzt nicht tippen, ich würde vermutlich durch das Chaos der immer noch nicht ganz fertig zusammengepackten Wohnung waten und Dinge von hier nach da räumen oder zumindest im Kopf dauergrübeln, wo in der neuen Wohnung welche Möbel hinkommen sollen.

Umziehen ist Stress, sobald man den Status der Studentin überwunden hat, die mit zwei gepackten Koffern und einem Fahrrad von möbliertem Zimmer zu möbliertem Zimmer zog (Hach, wie herrlich war mein Studentenleben!). Erst jetzt merke ich, dass acht Umzugskartons mit Büchern einfach ein paar zu viele sind. Und der Witz ist: Seit ich ein Hübi habe, lese ich doch fast gar nicht mehr!

Keine Zeit, keine Zeit

Dafür habe ich nämlich – tadaaa – schlichtweg keine Zeit mehr. Nun fände ich es verständlich, wenn die eine oder andere Leserin denken würde: Na dann such dir doch einen Teilzeitjob! Und da habe ich in der Tat auch schon dran gedacht und schließe diese Möglichkeit für später nicht aus, sollte sie sich ergeben. Jedoch ist mir völlig klar, dass auch dann die gefühlte Zeit nicht im Überfluss vorhanden sein wird. Denn die Zeit, das ist ja das vertrackte, ist vor allem ein Gefühl.

Und wenn ich nun jeden Tag, sagen wir, vier Stunden mehr Zeit hätte, die ich nicht arbeiten müsste, dann ahne ich schon, wo diese vier Stunden verschwinden würden: Zunächst mal nämlich in all diesen Dingen, die sonst dankenswerterweise die Tagesmutter für mich übernimmt. Dazu gehören Essen kochen und falls nötig auch füttern, das spielende Kind auf dem Spielplatz oder an sonstigen Plätzen an der frischen Luft beaufsichtigen, das Kind zum Mittagsschlaf bewegen, gefühlte 100 Mal am Tag die ausgezogenen Socken wieder anziehen, Jäckchen an- und wieder ausziehen, verloren gegangene Mützen suchen, Bücher vorlesen und und und…

…und glitschig flutscht sie weg

Klar mache auch ich all diese Dinge gerne und melde mich jedes Wochenende gehorsam zum Socken-Anziehdienst und bei der Mützen-Sammelbehörde. Ein Buch gelesen habe ich in dieser Zeit jedoch immer noch nicht. Auch ist die Küche immer noch unaufgeräumt, die Stube nicht gefegt, keine Pilze gesucht und auch noch kein Fisch im Eimer. Sobald ein Kind den Haushalt bewohnt, ist die Zeit einfach ein glitschiges, kleines Ding, das einem immer und immer wieder entwischen will.

Und mit einem Job, bei dem es gilt, mich zu konzentrieren und einem seine Grenzen testenden Kleinkind, das abends schon mal mit voller Energie rennt und wütet und tobt, bin ich an einem Montagabend manchmal einfach nur froh über den Sex-and-the-City-Marathon auf einem merkwürdigen rosafarbenen Spartensender, der wohl irgendwie Programm für Frauen machen will. Da liege ich also vor einem Bücherregal voller toller Romane, ein paar davon warten teilweise seit Monaten aufs Gelesen-werden, und glotze Carrie & Co. Vielleicht räume ich in der Werbepause noch die Küche auf. Vielleicht.

Die Zeit wird kommen…

Trotzdem ziehen meine Bücher an diesem Wochenende mit mir um. Und das Bücherregal soll nicht nur gut aussehen, sondern in Zukunft auch mal wieder mit neuen Büchern gefüttert werden, die ich dann aber auch getreu meiner eigentlichen Überzeugung behandeln will: Kein Buch in meinem Regal, das ich nicht auch selbst gelesen habe! (Auch wenn das zugegebenermaßen insbesondere nach dem Zusammenziehen mit einem anderen Menschen nicht immer ganz eingehalten werden kann)

Das Kind wird älter, das merke ich ja jetzt schon. Mein Hübchen braucht mittlerweile nicht mehr immer die vollste Aufmerksamkeit von Mutti und der Tag wird kommen – ich glaube fest daran – an dem ich sogar mal ein Buch lesen kann, während mein Kind mit mir in einem Raum weilt. Und vielleicht liest es dann sogar selbst ein Buch?

Mit Kind ändert sich so einiges im Leben, egal, was manche Hochglanz-Blogs und Zeitschriften-Cover mit Highlife-Promi-Eltern einem weismachen wollen. Der für mich wohl einschneidenste Punkt ist der ständige Zeitmangel. Es ist einfach immer zu viel zu tun in zu wenig Zeit. Ich habe deswegen ein sehr unspektakuläres Mittel gefunden um damit umzugehen: Einfach mal liegen lassen.

Einziger Ausweg: Einfach mal liegen lassen

Wenn es bei uns mal wieder aussieht, wie bei Hempels unterm Sofa, dann ist das eben so. Wenn ich gerade nicht zum Lesen komme, weil mir meine wenigen anderen Hobbies wichtiger sind, dann soll es eben gerade nicht sein. Für die wirklich wichtigen Dinge nehme ich mir Zeit. Alle anderen Dinge, die mir früher mal lieb waren, für die mir aber nun die Zeit fehlt, werde ich deswegen sicher nicht vergessen. Ich lese immer noch gerne gute Bücher und ich werde es wieder tun. Oh ja, ich werde es wieder tun!

Habe ich das Gefühl, mich deswegen ein kleines bisschen zu verraten? Habe ich vielleicht sogar Angst, meinem Sohn später mal vorzuwerfen: Wegen dir konnte Mutti keine Bücher mehr lesen, obwohl sie das vor deiner Geburt so gerne getan hat? Nein, glücklicherweise nicht. Ich bin ja nicht die Reinkarnation von Marcel Reich-Ranicki. Vermutlich zeigt mir meine Literatur-quasi-Abstinenz ganz gut, an welchen Punkten ich eben auch bereit bin, Abstriche zu machen. Zeit mit Hübi und mit dem Mann kommt zum Beispiel ganz am Anfang, danach kommt Zeit für Yoga, Zeit zum Reiten, Zeit zum Schlafen und irgendwo dazwischen auch noch Zeit zum Stube fegen.

Zeit fürs Hier-und-Jetzt

Meine früheren Literatur-Dozentinnen lesen jetzt mal bitte weg, aber: Bücher sind mir anscheinend zumindest im Moment nicht ganz so wichtig, wie einige andere Dinge – allen voran eben nicht mal annähernd so wichtig wie mein kleines Kind, das mir oberflächlich betrachtet meine Zeit stiehlt, das mir aber eigentlich klar macht, wie schön es ist, Zeit einfach mal im Hier und Jetzt und für die Dinge zu nutzen, auf die ich eben gerade Lust habe.

Und wenn es sich für eine bestimmte Zeit dabei ums Legotürmebauen und Sex and the City gucken handelt, anstatt endlich mit Band 3 der “Recherche” von Proust weiterzumachen, dann schäme ich mich nicht. Naja, vielleicht ein bisschen, weil ich dann doch manchmal gerne disziplinierter und weniger müde wäre als ich es in der Realität abends einfach bin. Aber was nutzt es? Es werden wieder andere Zeiten kommen und dann stelle ich einen neuen Rekord im Lesen aller sieben Bände von Prousts Meisterwerk auf. Sieben Bände? Tja ja, weil was in den ersten zweien steht, habe ich dann sicher schon wieder vergessen.

Mein Zeit-Abo, also ich meine jetzt die Wochenzeitung, habe ich nun gekündigt. Der netten Dame vom Abo-Service habe ich am Telefon gesagt, sie darf mich gerne im Jahr 2050 wieder anrufen. Als Rentnerin würde ich gerne wieder Die Zeit lesen. Bis dahin hoffe ich, dass ich mein Bücherregal um ein paar Bretter erweitern kann und habe – leider – zumeist keine Zeit für Die Zeit.

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