Die Liebe für das große Kind

Es gibt da in meinem Leben so ein Phänomen, das mir selbst komisch vorkommt und für das ich mich manchmal sogar schäme. Und das ist: Seit das Hübchen größer und älter ist, fällt es mir immer schwerer, mich für längere Zeit von ihm zu trennen. Das klingt jetzt erst mal völlig OK. Aber jetzt betrachtet mal die Kehrseite der Medaille: Als mein Sohn noch kleiner war, ein Baby sogar, fiel es mir im Vergleich zu heute wahnsinnig leicht, ihn abzugeben, ohne ihn zu sein, mich für viele Stunden oder sogar einige Tage von ihm zu trennen. Kleines Kind – kleiner Trennungsschmerz, großes Kind – großer Trennungsschmerz: Das ist die Gleichung, die sich bei mir ergibt. Was ist das bloß und woher kommt das nur?

Vor des Hübchens Geburt habe ich mir ja so einiges nicht vorstellen können. In meiner Vorstellung wäre ich natürlich die coolste und entspannteste Mutter unter der Sonne geworden. In Wahrheit werde ich heute panisch, wenn das Kind sich nur an einer Tomate verschluckt. Ich muss beruhigend auf mich selbst einreden und mich zwingen, nicht gleich aufzuspringen, wenn der Sohn zwei Meter hohe Klettergerüste erklimmt. Und vor allem kann ich mir im Moment gar nicht vorstellen, ohne mein Kind zu sein. Zumindest nicht viel länger als eine Nacht.

Und gerade der letzte Punkt ist wirklich überraschend. Denn noch vor einem Jahr fiel mir eine Trennung von meinem Baby deutlich leichter. Kleine Geschäftsreise? Kein Problem! Junggesellinnenabschied? Ein willkommener Spaß! Kurzurlaub mit Freunden? Ein Traum! Das Baby blieb beim Papa, ich kriegte regelmäßige Videobotschaften aufs Handy und freute mich auf ein paar Nächte unterbrechungsfreien Schlafes.

Das Hübchen war, was soziale Kontakte angeht, schon immer ein „einfaches“ Kind. Übernachtungen bei den Großeltern, Nachmittage mit Freunden oder eben auch einfach ein paar Tage mit nur einem Elternteil waren nie ein Problem. Auch die Tagesmutter-Eingewöhnung (von der wir ja leider schon ein paar hatten) lief immer schnell und komplikationslos. Und natürlich hat sich daran bis heute gar nichts geändert. Ich kann meinen Sohn also nach wie vor einfach mal ein paar Tage bei anderen Bezugspersonen lassen ohne mir Sorgen machen zu müssen. Aber ich will nicht.

Die Liebe ist ein zartes Pflänzchen

Je älter das Hübchen wird, desto schlimmer sind Trennungen für mich. Es ist absurd und kitschig, aber es ist tatsächlich so, wie ich es häufig zum Mann sage: Ich habe mein Hübchen jeden Tag noch ein bisschen mehr lieb. Wenn andere Mütter dann von der bedingungslosen Liebe sprechen, die sie seit dem Tag empfinden, an dem ihnen das schleimig-rote Etwas zum ersten Mal auf den Bauch gelegt wurde, dann fühle ich mich immer etwas schlecht.

Klar, die Liebe für mein Kind war auch bei mir von Anfang an da. Aber irgendwie war sie anders, noch jung und zerbrechlich. Und Achtung, jetzt kommt ein bisschen Hausfrauen-Metaphorik: Die Liebe zu meinem Kind kam mir tatsächlich vor, wie ein zartes Pflänzchen, das erst mal wachsen musste. Und spätestens seit das Hübchen sprechen und Witze machen kann, Geschichten erzählt und mich täglich zum Lachen bringt, sind da offenbar ganz schön kräftige Wurzeln entstanden, die mich ganz fest an meinem Kind halten – selbst dann, wenn ich doch eigentlich mal eine schöne kinderfreie Wochenendreise verbringen könnte.

Das Baby Hübner mit seinen Baby-Wurzeln hat mich einfach noch nicht so stark gefangen. Meine Mutterrolle damals war mehr eine versorgende, beschützende, ernährende. Aber seit mein Sohn ein richtig großer Junge ist, hat sich unsere Beziehung wahnsinnig entwickelt. Seine ihm ganz eigene Persönlichkeit schien natürlich auch schon durch, als er ein Baby war. Aber jetzt kotzt er sie mir geradezu vor die Füße! Und ich liebe das!

Die Liebe wächst und wächst und wächst

Dieser freche, selbstbewusste, kreative und natürlich wahnsinnig clevere kleine Junge (also das, was alle Mütter denken 😉 ) hat so sehr seinen eigenen Kopf, dass ich weder mich noch den Mann besonders in ihm wiederfinde. Der Sohn hat eine ganz eigene starke Persönlichkeit entwickelt und entwickelt sie täglich weiter. Und vermutlich ist das auch der Grund, warum sich auch meine Liebe für ihn täglich weiterentwickelt.

Babys sind süß, aber eben auch ein bisschen langweilig. Die versorgende Mutterrolle liegt mir einfach nicht so. Aber wenn das Kind dann irgendwann „Nein“ sagen kann, dann bin ich genau in meinem Mutter-Element. Wehmütige Momente, in denen ich an die Babyjahre zurückdenke? Kenne ich auch, aber die Zeit zurückdrehen möchte ich trotzdem nicht. Das große Kind liegt mir eben mehr als das Babykind. Und das mit der Liebe ab dem ersten Moment, das habe ich noch nie so richtig geglaubt!

Nachdem ich diesen Artikel geschrieben hatte, habe ich festgestellt, dass er ganz wunderbar zur Blogparade „Baby? Nein Danke!“ vom Blog Elternhandbuch passt. Dort erzählen andere Bloggerinnen ebenfalls davon, warum sie mit älteren Kinder einfach oft besser können.

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5 Kommentare zu „Die Liebe für das große Kind

  1. Liebe Sophie,

    vielen Dank für diesen schönen Beitrag zu unserer Blogparade. Gut zu wissen, dass ich nicht allein bin mit meiner (Vor-)Liebe für große Kinder 🙂

    Lieben Gruß

    Nicole

  2. Das geht mir ganz genauso! Früher war ich immer froh, wenn mein Großer mal zu Spielverabredungen etc. eingeladen war, mittlerweile denke ich, och nö, er könnte doch auch zuhause bleiben ;-). Natürlich darf er trotzdem gehen, aber diese Gefühle sind so seltsam. Allerdings war er ein extremes Klammerkind, der einem kaum Luft zum Atmen gelassen hat, von daher war der Wunsch nach Pause von ihm nur verständlich.
    Schreibe auch gerade an meinem Text für die Blogparade 😉
    Viele Grüße!

    • Oh ja, mit dem sich verabreden geht es bei uns bestimmt auch bald los, im August kommt das Hübchen in eine richtige Kita. Für mich wird das dann aber eine Erleichterung, weil ich dann nachmittags noch was arbeiten kann, wenn der Sohn mal bei Freunden ist (haben nur einen Betreuungsplatz bis 14 Uhr gekriegt).

      Freue mich auf deinen Beitrag!

  3. Pingback: Blogparade – Die Babyfrage – Der Rückblick

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