Die Geburt: Mit und #OhneHebamme

Bloggerin Perlenmama ruft dazu auf, mal ein bisschen herumzuspinnen: Wie hätten unsere Schwangerschaften und Geburten ohne Hebamme ausgesehen? In Teil 1 habe ich bereits beschrieben, wie unterschiedlich meine erste Schwangerschaft mit und ohne Hebamme verlaufen wäre. In meinem zweiten Teil geht es nun zur Sache: Das Hübchen soll geboren werden! Aber wie wäre seine Geburt ohne Hebammenbegleitung verlaufen?

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Nach den ganzen Sorgen mit verkürztem Zervix und vorzeitigen Wehen nimmt alles ein gutes Ende: Mein Muttermund öffnet sich zwar schon gute drei Wochen vor errechnetem Geburtstermin, das Baby bleibt aber trotzdem bis in die 41. Woche drin. Meine Hebammen freuen sich mit mir und sind immer für mich da, wenn ich denke „Jetzt geht es aber wirklich los!“. Etliche Male rufe ich die Bereitschaftshebamme an, um im Gespräch festzustellen: Nee, das sind wohl doch wieder nur starke Übungswehen. Ich entspanne mich also jedes Mal wieder und freue mich auf den Tag, an dem es wirklich los geht. Denn da mein Körper es bis hierhin so super geschafft hat, wird er doch auch die Geburt mit links stemmen, oder?

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Während der letzten zwei Wochen der Schwangerschaft fühle ich mich wie ein Dauergast in der Klinik. Ich habe Angst, ohne kompetente Hilfe zu sein, wenn es los geht und fahre deswegen mehrmals in den Kreißsaal – nur, um jedes Mal zu hören: Das sind nur Übungswehen, gehen Sie wieder nach Hause! Dieses Hin und Her zermürbt mich ziemlich.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Mein Bauch ist mittlerweile riesig. Ich weiß, das große und schwere Kinder bei mir in der Familie liegen und manchmal kommt doch wieder die Sorge hoch: Was, wenn das Baby nicht raus passt? Sollte es jetzt nicht langsam mal losgehen? Ich werde ungeduldig und habe keine Lust mehr, schwanger zu sein. Meine Hebammen empfehlen uns, noch mal ins Kino zu gehen, was Leckeres essen zu gehen, viel zu schlafen. Das Baby kommt eben erst dann wenn es fertig ist! Und sie sagen mir ein ums andere Mal: Solange es keine total ungünstigen Konstellationen gibt (Mutter 1,50m klein, Vater Dirk Nowitzki), passt die Größe des Babys zum Körper der Frau – das Becken weitet sich unter der Geburt! Der Mann und ich gehen wirklich noch mal ins Kino und versuchen unsere gespannte Vorfreude positiv zu sehen.

Wie es #OhneHebamme hätte sein können:

Ich bin mittlerweile einige Tage über Termin und jedes Mal, wenn ich mit Übungswehen im Kreißsaal aufschlage, wird mir ein Kaiserschnitt nahegelegt. Das Baby sehe im Ultraschall wirklich sehr groß aus, das könne gehörig schief gehen! Ich bin so blöd und erzähle auch noch, dass meine Mutter auch zwei Kaiserschnitte hatte: Ich war ein 4,5kg-Baby, mein Bruder wog sogar über 5 kg bei Geburt. „Sehen Sie!“, sagt die Ärztin. Und ich bin hin und her gerissen. Ich will mich und mein Baby nicht in Gefahr bringen. Andererseits will ich auch keine große Bauchoperation und sehne mich nach einem natürlichen Geburtserlebnis. Alternativ bietet mir die Ärztin eine Einleitung an. Das will ich aber auf keinen Fall! Eingeleitete Wehen sollen ja viel schmerzhafter sein als die echten! Ich spüre die tickende Uhr im Nacken und bin voller Sorge, was nun die richtige Entscheidung ist.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

In der 5. Nacht nach errechnetem Termin geht es endlich los – und als es soweit ist, spüre ich es sofort. Die Wehen gehen von 0 auf 100 – so ganz anders, als man es Erstgebärenden im Geburtsvorbereitungskurs erzählt! Der Mann ruft die Bereitschaftshebamme an, die wie es der Zufall will auch meine Wochenbetthebamme ist. Ich freue mich darüber und bin sofort ruhiger, als ich weiß, dass sie bald da sein wird. Getrieben von den wahnsinnig starken Wehen laufe ich durch die Wohnung und klammere mich an den einen Gedanken: Gleich ist die Expertin da! Sie wird mir sagen, was ich zu tun habe!

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Bei Erstgebärenden gehen die Geburten langsam los, sagt man ja. Warum ist das hier also so heftig? Ich wache um 1 Uhr nachts auf und bin sofort panisch. Das hier ist verdammt schmerzhaft! Ich habe Angst, will sofort ins Krankenhaus. Hektisch packt der Mann alles zusammen und wir fahren los. Die Autofahrt unter starken Wehen gehört zu den schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Ich muss mich eigentlich bewegen, laufen, atmen. Stattdessen sitze ich hier eingequetscht und habe Panik, mein Baby hier in diesem Moment auf dem Beifahrersitz bekommen zu müssen. Denn die Wehen kommen ohne Pause und ich spüre schon einen leichten Drang, mitzuschieben.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Damit meine Hebamme mich untersuchen kann, muss ich mich kurz hinlegen. Ganz schön quälend, so fast ohne Wehenpause! Der Muttermund ist fast vollständig geöffnet, nach nur einer Stunde Geburtswehen! Ich halte die Wehen kaum mehr aus, jammere rum „Ich schaff das nicht! Ich kann das nicht mehr!“. Meine Hebamme weiß, dass ich mich schon mitten in der Übergangsphase befinde und es gleich leichter werden wird. Ich weiß das nicht und werde richtig panisch. Ich will ins Krankenhaus, jetzt, sofort! Meine Hebamme bleibt ruhig und bietet mir angesichts der weit fortgeschrittenen Geburt an, auch einfach Zuhause zu bleiben. Sie rufe dann eine Kollegin an und zu zweit würden sie meine Geburt in aller Ruhe begleiten. Sie haben alles dabei, ich solle mir keine Sorgen machen. Als die Fruchtblase platzt und die Presswehen einsetzen, ist klar: Jetzt ist mir alles egal – ich fahre nirgendwo mehr hin!

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Völlig aufgelöst komme ich im Kreißsaal an. Die Schmerzen sind geradezu unerträglich, denn die Wehen kommen praktisch ohne Pause. Trotzdem soll ich erst mal ans CTG angeschlossen werden und zur Untersuchung des Muttermunds still liegen. Mich hinzulegen schaffe ich kaum, das CTG verweigere ich. Damit mache mich nicht gerade beliebt bei der diensthabenden Hebamme, die ich nicht kenne und die mir leider auch nicht sonderlich sympathisch ist. So schnell würde das bei einer Erstgebärenden schon nicht gehen, erklärt sie mir. Und ist dann überrascht, als ihr mein Fruchtwasser über die Füße läuft und ich ganz offensichtlich Pressdrang verspüre.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Bis hierhin ging alles so schnell, und was passiert jetzt? Eine Geburt im Schneckentempo! Ich knie vor dem heimischen Sofa und schiebe bei jeder Wehe intuitiv mit. Das tut mir gut und fühlt sich kaum mehr schmerzhaft an. Stattdessen spüre ich die Kräfte meines Körpers, die einfach tun, was getan werden muss. Leider rutscht das Baby nach jeder Wehe auch wieder ein bisschen zurück – die reinste Sisyphusarbeit! Meine Hebammen geben mir jedoch zu keiner Zeit das Gefühl, dass hier irgendwas nicht „normal“ sein könnte. Mit dem Dopton hören sie regelmäßig die Herztöne des Babys ab und dieses Baby scheint das coolste Kind der ganzen Welt zu sein: Es lässt sich nicht aus der Ruhe bringen! Mein Körper und ich machen also einfach weiter unsere Arbeit – volle drei Stunden lang!

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Nach diesem Blitzstart glauben jetzt alle, dass es sicher zügig weitergeht. Die allgemeine Lehrmeinung in deutschen Krankenhäusern lautet schließlich auch: Etwa 30 Minuten „Austreibungsphase“ sind normal. Diese Presswehen dauern nun jedoch schon über eine Stunde an und das Baby ist immer noch nicht draußen. Im Kreißsaal ist heute Nacht viel los, die mich betreuende Klinikhebamme muss zwischendurch immer mal wieder raus, um sich um andere gebärende Frauen zu kümmern. Wenn sie wieder zu mir kommt, wirkt sie unruhig und ihre Unruhe überträgt sich auf mich. Müsste das Baby nicht langsam mal geboren werden? Alles um mich rum gibt mir das Gefühl, dass das hier gerade einfach alles viel zu lange dauert. Die Hebamme holt die Ärztin dazu und ich höre irgendwas von „Wehenschwäche“ und „Dammschnitt“. Oh Gott! Bitte nicht schneiden! Bloß nicht!

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Nach drei Stunden Presswehen ist es endlich so weit: Man kann den Kopf des Baby sehen! Meine Hebammen fragen, ob ich mal fühlen will, aber das will ich lieber nicht. Ich bringe das hier lieber mit einer gewissen Distanz über die Bühne, irgendwie ist so eine Geburt mir dann doch nicht ganz geheuer. Nachdem meine Hebammen mich die ganze Zeit fast komplett in Ruhe gelassen haben, soll ich jetzt aufstehen und ich denke: Am besten tue ich jetzt einfach alles, was sie mir sagen. Ich gebäre mein erstes Baby also im Stehen, es brennt und drückt, aber dann ist es vorbei und der Schmerz ist weg. Wow, das war ja einfach!, ist das erste, was ich denken kann. Obwohl das eigentlich nicht so richtig stimmen kann… 😉

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Nach über einer Stunde Presswehen entscheiden Ärztin und Hebamme, dass diese Geburt hier mal beschleunigt gehört. Ich bekomme einen Wehentropf, obwohl ich versichere, dass ich wirklich ordentliche Presswehen verspüre und auch mein Bestes tue, um mitzuschieben. Die Ärztin holt außerdem die Saugglocke und nachdem das Baby auch mit Wehentropf nicht sofort raus will, wird es mit Dammschnitt an der Glocke aus mir herausgezogen. Ich spüre nicht nur den körperlichen Schmerz, untenrum aufgeschnitten worden zu sein, sondern auch die Erniedrigung, mein Baby nicht selbst geboren zu haben. Jemand anderes hat es aus meinem Körper gezogen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Da ist es also, mein Baby! Es ist riesengroß und schreit und schreit. Ich sitze vor dem Sofa und halte es einfach nur fest. Die Nabelschnur bleibt dran und kann in aller Ruhe auspulsieren. Meine Hebammen meinen, dass dann auch die Plazenta besser geboren wird. Wir warten gute 45 Minuten, bis die Nachgeburt sich endlich auf den Weg macht. 45 Minuten, die mir wie 45 Sekunden vorkommen, so sehr stehe ich unter dem Einfluss all dieser herrlichen Endorphine.

Wie es #OhneHebamme hätte laufen können:

Das Baby ist endlich da und die Nachgeburt soll jetzt auch zügig kommen, damit meine Verletzung genäht werden kann. Der Mann bittet darum, das Baby bitte nicht zu früh abzunabeln. Klassischerweise wird in Kliniken ca. 30 Minuten auf die Plazenta gewartet, dann wird meist eingegriffen. Ich bekomme also 30 Minuten nach der Geburt noch mal einen Wehentropf. Ärgerlich, jetzt wieder diese Schmerzen zu haben. Die Plazenta wird endlich geboren und ich danach genäht.

Wie ich es 2013 erlebt habe:

Nachdem die Plazenta geboren ist, begleitet mich eine der beiden Hebammen in die Dusche. Obwohl ich mich superstark fühle, bin ich extrem wacklig auf den Beinen und froh um die Hilfe. Ich wasche mich mit lauwarmem Wasser und ziehe danach was Frisches an. Dann gehen der Mann und ich direkt ins eigene Bett – kuscheln mit dem neuen Baby! Nachdem sie sich vergewissert haben, dass alles gut ist und nach vielen erstaunten Augen angesichts von 4700 Gramm hypervitalem Baby und einer Mutter ohne gravierende Geburtsverletzungen (die paar Schwellungen zählen nicht), lassen meine Hebammen uns für heute allein. Schon am nächsten Tag beginnt die Wochenbettbetreuung!

Wie es #OhneHebamme hätte sein können:

Mein Baby wird gewogen und angezogen, während ich genäht werde. Eigentlich wollte ich eine ambulante Geburt, aber mit dieser großen Verletzung im Intimbereich fühle ich mich nicht imstande, jetzt sofort nach Hause zu fahren. Ich bekomme also ein Bett auf der Wöchnerinnenstation. Leider ist kein Familienzimmer frei und der Mann schläft fast auf einem Stuhl ein, ehe er mich und das Baby alleine lässt und zum Schlafen nach Hause fährt.

Warum Beleg- und Hausgeburtshebammen so wichtig sind? Darum!

Was für ein wahnsinniges Gedankenspiel, oder? Damals, kurz nach Hübchens Geburt, war mir überhaupt nicht klar, wie viel Glück ich mit dieser optimal betreuten und völlig interventionslosen Geburt gehabt habe. Erst im Nachhinein, bei Gesprächen mit meiner Hebamme und mit vielen anderen Frauen, wurde mir bewusst: Das hier hätte auch ordentlich schief laufen können!

Dieses Gedankenexperiment zeigt deutlich, warum: 1:1-Betreuung rund um die Geburt ist so wahnsinnig wichtig, dass es eine Absurdität ist, in welche Richtung die Politik das Ganze steuern will: Weniger Kreißsäle, weniger Hebammen und den Beleghebammen soll das Leben jetzt besonders schwer gemacht werden. Wer sich für den Erhalt einer sinnvollen Geburtshilfe stark machen will, kann sich bei Vereinen wie Mother Hood engagieren. Gerade im Wahljahr ist es so wichtig, dass Eltern sich immer wieder Gehör verschaffen und für die eigenen Rechte und Belange eintreten!

Abschließend möchte ich noch dringend betonen, dass das hier natürlich nicht mehr ist als ein Gedankenspiel. Ich habe mir lediglich ausgemalt, wie Hübchens Geburt ohne 1:1-Hebammenbegleitung hätte aussehen können – und natürlich weiß ich nicht, ob ich es „in echt“ tatsächlich so negativ empfunden hätte, wie ich es hier teils darstelle.

Meine Vorstellungen von einer „guten“ Geburt sind mittlerweile einfach sehr klar: Möglichst interventionslos, mit Mitspracherecht und mit persönlicher, lückenloser Begleitung durch Hebammen. Das soll aber natürlich nicht heißen, dass in bestimmten Fällen Interventionen sehr sinnvoll oder absolut nötig sind und vielen anderen Frauen die Geburt erleichtert oder überhaupt erst möglich gemacht haben.

In meinem konkreten Fall hat sich jedoch gezeigt: Zeit, Geduld und wachsame Augen haben gereicht, um ein 4,7-Kilo-Baby interventionslos zu gebären. Und ich wünschte mir, auch anderen Frauen würde diese Möglichkeit häufiger gegeben – egal ob Zuhause, in der Klinik oder im Geburtshaus!

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2 Kommentare zu „Die Geburt: Mit und #OhneHebamme

  1. Sarah

    Sehr nah an der Wirklichkeit. Meine 2 Geburten sind wie die beiden, die du dort beschrieben hast (Ausnahme: keine hausgeburt, dafür ambulant mit beleghebamme). Erschreckend, dass eine schlimme Fiktion der Realität entspricht 😔

  2. Wow sehr schöner und inspirierender Artikel. ich habe großen Respekt davor ein Kind ohne Hebamme zur Welt zu bringen. Denn sie unterstützt einen ja auch und kommt auch nach der Geburt noch regelmäßig zu einem nach Hause. Ich war vollkommen zufrieden mit meiner Hebamme und war froh sie an meiner Seite gehabt zu haben.

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