Die ewige Trödelei

Mist, in meiner Aufzählung über die Fakten zum Leben mit einem Vierjährigen habe ich ja das allerwichtigste vergessen: Die ewige Trödelei! Denn mal ehrlich: Das Hübchen ist der König der Prokrastination. Das Aufschieben von so wichtigen Dingen wie Anziehen, Frühstücken, Rucksack packen oder Hände waschen ist seine stärkste Disziplin. Und, naja, ihr ahnt es bereits: Damit wird das Leben für mich als Mutter nicht gerade leichter…

Aber – und das ist ein ganz, ganz großes „Aber“: Ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage, dass ich mittlerweile ganz gut gelernt habe, damit umzugehen. Besonders bewusst wurde mir das gestern, als ich in der Kita folgendes Schauspiel beobachtete:

Kurz nach 14 Uhr – die meisten Kita-Kinder sind bereits abgeholt. Nur das Hübchen trödelt wie gewohnt an der Garderobe herum. Noch mal Pipi machen, Schuhe anziehen, die Jacke finden, den Schal um den Hals herumwuseln – ich habe mich daran gewöhnt, dass das schon mal eine viertel Stunde extra kosten kann. Daher sitze ich recht entspannt auf dem Boden, als ich beobachte, wie die Mutter eines der neu eingewöhnten Kinder einen hochroten Wutkopf kriegt.

Ihr Sohn will sich nämlich ebenfalls einfach nicht anziehen, guckt Löcher in die Luft und versucht sein bestes, um meinem Hübchen den Titel des Trödel-Königs abspenstig zu machen. Seine Mutter wird indes grob, zerrt ihren Sohn am Arm, schimpft auf ihn ein und ist allen Anscheins nach kurz vorm Explodieren.

Been there, done that

Und auch wenn ich heute ruhig auf dem Boden sitze und dem Hübchen gelassen bei seiner tägliche Trödel-Routine zugucke – ich kenne diese Situation. Vor einem Jahr war ich an genau derselben Stelle. Auch ich bin halb wahnsinnig geworden, weil ich immer um 14 Uhr dachte: Es kann doch nicht sein, dass mein Sohn der einzige ist, der hier täglich als letzter rausgeht?! Ich bildete mir ein, dass die Erzieherinnen schon komisch guckten. Dass die anderen Eltern dachten, ich hätte mein Kind wohl überhaupt nicht im Griff.

Dann kam meine Schwangerschaft und diese wahnsinnige Erschöpfung. Vielleicht hat uns das gerettet. Denn ich entschied einfach, keine Kämpfe mehr ums Anziehen und Die-Kita-Verlassen zu führen. Warum auch? Meistens haben wir am Nachmittag ohnehin nichts Besonderes vor. Und Verabredungen mit Freunden lassen sich auch so legen, dass genügend Puffer zwischen Kita-Ende und dem Treffen liegt.

Welches Bedürfnis wiegt schwerer?

Ich habe mir also die berühmte Frage gestellt: Mutter, ist es wirklich so wichtig? Oder kannst du an dieser Stelle nicht dem Bedürfnis des Kindes nachgeben? Und die ehrliche Antwort war: Schnell raus aus der Kita zu kommen, ist überhaupt nicht wichtig! Mittlerweile finde ich es sogar ganz schön, dem ganzen Trubel zu entgehen und dem Hübchen Raum und Zeit zu geben, sich in Ruhe dann anzuziehen, wenn die anderen Kinder schon weg sind.

Den Erzieherinnen ist es zudem total egal, solange wir nicht im Weg rumstehen, wenn sie schon dabei sind, den Flur zu fegen. Sie amüsieren sich eher über uns und ich glaube, sie erkennen auch meine Ruhe und Geduld an, die ich mittlerweile in der Abholsituation ausstrahle. Gerne versichern sie mir augenzwinkernd, dass mein Sohn sich vormittags auch richtig schnell anziehen kann – dann nämlich, wenn es mit der ganzen Gruppe nach draußen geht. Das Kind kann es also, kein Grund zur mütterliche Sorge!

Kooperation auf beiden Seiten

Seit ich dem Hübchen seine nachmittägliche Trödelei gönne, bemerke ich außerdem einen angenehmen Nebeneffekt: Wenn ich es mal wirklich eilig habe, lässt das Hübchen sich fast immer bereitwillig zur Eile überreden. Ich erkläre ihm, warum wir uns heute ausnahmsweise wirklich beeilen müssen und schwuppdiwupp ist das Kind angezogen (oder lässt sich von mir ohne Widerworte anziehen).

Das ist dann vermutlich bindungsorientierte Erziehen in Bestform: Mal kooperiere ich, mal kooperiert das Kind – so achten wir beide auf unsere Bedürfnisse und geben denen nach, die in der jeweiligen Situation schwerer wiegen. Ich bin ja ein bisschen stolz auf mich, dass ich das mittlerweile begriffen habe und zumindest einmal am Tag anwenden kann.

Den Druck rausnehmen

Jetzt ärgere ich mich ein bisschen, dass ich die Mutter des neuen Kindes nicht angesprochen habe. Vielleicht hätte ich ihr erzählen können, dass ich sie sehr gut verstehe, dass es mir früher genauso ging und dass ich mein Trödel-Kind mittlerweile akzeptiert habe. Vielleicht hätte ihr das Mut gemacht.

Die Trödelei des Hübchens macht mir als grundsätzlich ungeduldigem Menschen zwar nach wie vor das Leben schwer. Aber ich versuche, immerhin zu sehen, wann mein Sohn sich zumindest bemüht, auch mir etwas entgegenzukommen. Und nehme den Druck raus, indem ich ihn trödeln lasse, wann immer es passt. Das Leben beschleunigt schließlich noch schnell genug. Sollen die Kinder es besser entschleunigen, solange sie noch können. Trödeln war gestern – ich nenne es Entschleunigung!

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2 Kommentare zu „Die ewige Trödelei

  1. Susi

    Ja wer kennt es nicht, aber ich war damals auch nicht anders ;D Wie du schon geschrieben hast, es gibt immer zwei Seiten 😉

    lg
    Susi

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