Die Erste ihrer Art

Nein, es ist nicht immer leicht, die Erste zu sein. Als fast einzige Mutter in einem weitgehend kinderlosen Freundeskreis fühle ich mich manchmal noch sehr allein. Gleichzeitig wird es aber vor allem dann richtig schwierig, wenn doch endlich Freunde (bzw. deren Frauen) anfangen, schwanger zu werden. Denn dann möchte ich Ratschläge geben, weil mir das Wohl meiner Freundinnen und Freunde wirklich sehr am Herzen liegt. Aber wie tue ich das, ohne besserwisserisch und missionierend zu wirken, gerade wenn es um so ein sensibles Thema wie die Wahl des Geburtsortes geht? Verzwickt!

Zwei Freunde von mir sind schwanger. Also sie. Wobei, wenn man ihn kennt, darf man das ruhig sagen, denn Freund J. ist einer der kinderverrücktesten Menschen, die ich kenne. Und in den meisten Fällen beruht das wohl auf Gegenseitigkeit. Das Hübchen jedenfalls mag ihn immer sehr, und das sogar obwohl mein Sohn im Moment tatsächlich eine Phase hat, in der er fremde Personen (also in der Kleinkind-Logik solche, die er seltener als mindestens ein Mal wöchentlich sieht) zunächst mal lieber skeptisch aus der Entfernung beäugt. Kleine Kinder haben dafür ja unwahrscheinliche Antennen und erkennen sofort, welche Menschen Lust haben, sich mit ihnen zu beschäftigen und die „Gutschi-Gutschi, wie geht es dir denn du kleines Baby?“-Aufmerksamkeiten auch ernst meinen.

Das habe ich selbst eindrucksvoll erfahren, denn bevor ich mein Hübchen hatte, war ich tatsächlich eine von diesen unehrlichen Personen, die zwar den gesellschaftlichen Erwartungen zumindest halbwegs entsprechen wollte und daher oberflächlich „nett“ zu Kindern aller Art war, dies aber niemals aufrichtig meinte. Fremde Kinder sind einfach nicht mein Ding. Wenigstens ein bisschen änderte sich das mit der Existenz meines eigenen Kindes, weil ich nun zumindest eine selbstverständlichere Art entwickelte, mit anderen Kinder umzugehen. Ich merke nun selbst, wie viel positiver andere Kinder auf mich reagieren. Das Gegenteil war früher der Fall.

Freund J. jedenfalls unterscheidet sich da grundlegend von mir. Kinder findet er einfach super und deswegen hat er auch immer sofort alle Kinder auf seiner Seite, sogar in Situationen, in denen ich erst mal eine gemischte Tüte ohne Lakritz verteilen müsste, damit sich die fremden Kinder überhaupt trauen würden, sich mir mal auf 10 Meter nähern. Daher mache ich mir überhaupt keine Sorgen, dass er und seine Frau das mit dem Baby super hinkriegen werden.

Mein Freundeskreis: Lauter Nicht-Eltern

Als ich von der frohen Botschaft erfuhr, habe ich mich sehr gefreut. Ich gebe zu, nicht nur für die beiden, sondern ein bisschen auch für mich. Denn wenn ich mich so umschaue, bin ich nach wie vor sehr allein auf weiter Flur. Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich einfach fast keine Freunde, die auch schon Kinder hätten. Mein Freundeskreis besteht aus lauter vernünftigen Menschen, die ihren Schwerpunkt zunächst auf das berufliche Fortkommen legen. Oder aus solchen, die leider noch nicht den passenden Partner für ein Kind gefunden haben. Oder auch aus solchen, die sich ein Kind einfach erst in ein paar Jahren vorstellen können.

Das sind alles gute Gründe und ich kann jeden einzelnen nachvollziehen. Hätte ich z.B. den Mann nicht gefunden, ich hätte im Leben nicht jetzt schon über ein Kind nachgedacht! Für mich ist es trotzdem oft einfach schade. Die meisten Freundschaften bestehen zum Glück zwar weiter und ich bekomme von vielen Freundinnen auch tatsächlich schon mal zu hören, dass sie es sogar bewundernswert finden, wie ich Kind und Karriere gleichermaßen in Angriff nehme. Manche Freundschaften sind jedoch auch kaputt gegangen, weil Freundinnen meine Entscheidung für Kind und Ehemann anscheinend nicht nachvollziehen konnten.

Fakt ist, dass ich mich über jeden Freund und jede Freundin freue, der/die demnächst entscheidet, auch ein Kind zu bekommen. Ich freue mich auf Spielkameraden für mein Kind, auf gemeinsame Silvesterfeiern, die man mit Kindern zuhause verbringt, auf Abendessen in großer Runde, bei denen es nicht schlimm ist, wenn am Tisch fies gematscht wird, auf gemeinsame Bauernhofurlaube mit einem Haufen Kinder, die andauernd Ponyreiten und Lämmchen streicheln wollen und auch auf Verständnis, z.B. wenn ich am Wochenende nicht ausgehen, sondern lieber 24h mit meinem Kind verbringen will, weil ich es unter der Woche einfach zu wenig sehen kann. Freund J. macht jetzt den Anfang und das ist super!

Darf ich Ratschläge zum Geburtsort geben?

Ich habe mich also erst mal ordentlich gefreut, direkt unser Tragetuch versprochen, mein „Hypnobirthing“-Buch aus dem Regal geholt und dann gefragt, ob ich meine Hebamme empfehlen soll. Da war das Thema also auf dem Tisch: Wo sollte das Baby meiner Freunde geboren werden und mit wessen Hilfe? Wie zu erwarten, denn meine Freunde kriegen nun mal ihr erstes Kind, wollen beide in ein Krankenhaus gehen.

Ich kann das total verstehen, denn das wollte ich ja eigentlich auch. Die nett gemeinten Versuche meiner Hebammen, bei den Vorsorgeterminen eine Hausgeburt anzusprechen, habe ich damals immer schnell abgewiegelt. Es war ja mein erstes Kind, ich wusste nicht, was auf mich zukommt und ich hatte nun mal den Gedanken, den die meisten Menschen in unserem Land teilen: Im Krankenhaus ist es am sichersten, nur dort kann mir und dem Kind schnell geholfen werden, falls etwas schief geht. Und außerdem ist das eben einfach der „normalste“ Ort um ein Baby zu bekommen. Kurz: Was alle machen, kann ja so falsch nicht sein. Wenn ich meinen schwangeren Freunden gegenüber nun missionierend auftreten würde, wäre das also reichlich verlogen. Ich selbst hätte mich mit Sicherheit sehr aufgeregt, hätte mich damals jemand unbedingt von einer Hausgeburt überzeugen wollen.

Natürlich möchte ich aber trotzdem meine positiven Erfahrungen teilen und Ratschläge geben, wie meine Freunde am ehesten eine schöne Geburt erleben können. Wie aber mache ich das, ohne besserwisserisch und missionierend zu wirken? Als „Erste meiner Art“ habe ich ganz klar einen Erfahrungsvorsprung, ich will diesen aber auf keinen Fall unangenehm ausspielen. Und trotzdem ist es mir wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Situationen in Geburtskliniken lange nicht so gut sind, wie werdenden Müttern bei diesen Besichtigungsterminen im Kreißsaal glaubhaft gemacht werden soll. Und dass eine Hausgeburt in den allermeisten Fällen eher zu einer schönen Geburtserfahrung führt und auch bei Erstgebärenden möglich und risikoarm ist, erst recht wenn man, wie meine Freunde, direkt neben einem Krankenhaus wohnt.

Eine Klinikgeburt läuft oft nicht optimal

Vor der Geburt meines Sohnes hatte ich den klaren Vorsatz, selbstbestimmt in die Geburt zu gehen, mir keine Angst machen zu lassen und jederzeit selbst die Kontrolle über die Situation zu bewahren. Trotzdem kann ich mir heute vorstellen, dass auch ich in die „Interventionskaskade“ hätte rutschen können, die die Hebammenwissenschaftlerin Nicola Bauer in einem Süddeutsche-Artikel über die Vor- und Nachteile einer Hausgeburt, beschreibt: In Krankenhäusern wird sehr schnell eingegriffen, wenn die dortigen Geburtshelfer der Meinung sind, irgendetwas weiche vom „idealen“ Weg ab. Wehentropf und Dauer-CTG, Dammschnitte, Saugglockengeburten und nicht zuletzt Kaiserschnitte werden in Kliniken gehäuft vorgenommen. Grund dafür sind zumeist Zeitdruck und die Angst vor Komplikationen.

Hinzu kommt, dass in fast allen Kliniken Personalmangel herrscht. Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme ist in der Regel nur dann möglich, wenn man sich selbst eine Beleghebamme mitbringt. Diese gibt es aber aufgrund der Versicherungsproblematik mittlerweile kaum noch – es lohnt sich für die frei arbeitenden Hebammen aus finanzieller Sicht schlicht nicht mehr, ihren Beruf auszuüben. In der Klinik muss die werdende Mutter sich dann die nach Dienstplan anwesenden Hebammen mit all den anderen werdenden Müttern teilen. Da kann man Glück haben und das Kind kommt Dienstag Vormittag, wenn der Kreißsaal gut besetzt ist. Oder Pech und es ist Sonntag Nacht und der Feiertags-Personalschlüssel greift.

1:1-Betreuung gibt es fast nur bei einer Hausgeburt

Während einer Hausgeburt hat die werdende Mutter dagegen lückenlose Eins-zu-eins-Betreuung durch mindestens eine Hebamme. Eine Hausgeburt lässt der Natur zudem viel eher ihren natürlichen Lauf. Ein „Geburtsstillstand“ beispielsweise wird hier nicht unbedingt sofort als Grund für einen Eingriff (Wehentropf etc.) gesehen, sondern Mutter und Kind wird hier die Zeit gegeben, die beide brauchen. Gleichzeitig beobachten die in der Regel sehr gut ausgebildeten Hausgeburtshebammen den Geburtsverlauf ganz genau und sorgen für eine Verlegung ins Krankenhaus, sollte ihnen doch etwas zu risikoreich erscheinen.

Nun kann natürlich eingewendet werden, dass ich selbst ja gar keine Klinikgeburt erlebt habe und somit gegen etwas spreche, wovon ich eigentlich keine Ahnung habe. „Fair enough“, möchte ich sagen, der Einwand ist berechtigt. Ich habe jedoch mittlerweile derart viele Geschichten von Frauen gehört, bei denen bis zu dem Moment, als sie ins Krankenhaus gingen, alles gut lief und dann alles bergab ging, dass ich nicht mehr an Zufall glaube.

Und ehrlich gesagt bin ich auch froh drum, nicht mitsprechen zu können. Denn dann würde ich vermutlich über einen Kaiserschnitt erzählen, der mir aufgedrängt wurde, weil mein Baby knappe 5kg wog. Oder von der Saugglockengeburt inklusive Dammschnitt, weil das Kind nach 30 Minuten Presswehen immer noch nicht draußen war (Hübis Hausgeburt dauerte 4 Stunden, drei davon waren Presswehen). Oder von den schmerzhaften Wehen nach eigentlich erfolgreicher Geburt des Kindes, die der Wehentropf mir verursacht hätte, weil die Placenta nach den im Krankenhaus üblicherweise abgewarteten 30 Minuten nach Geburt des Kindes noch nicht geboren war (während meiner Hausgeburt kam sie dann nach etwas mehr als 45 Minuten von allein).

Ich will nicht, dass meine Freundinnen schlechte Erfahrungen machen

Als Erste meiner Art möchte ich nicht mit meinem Erfahrungsschatz prahlen oder anderen werdenden Eltern erzählen, wie alles optimalerweise zu laufen hat. Viele Wege führen nach Rom, das wussten schon Fettes Brot, und ich würde mich niemals erdreisten, von mir auf andere zu schließen. Hier geht es mir aber um etwas ganz anderes: Ich möchte einfach nicht, dass eine meiner Freundinnen, inklusive der sie womöglich begleitenden Männer, eine schlimme Geburtserfahrung machen muss.

Ich möchte nicht, dass meine Freundinnen enttäuscht werden, da sie sich eine selbstbestimmte und natürliche Geburt wünschen, die ihnen in einem Krankenhaus mit schlechtem Personalschlüssel mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ermöglicht werden kann. Ich möchte bitte nie mehr den Satz hören „Hauptsache das Kind ist gesund“ und das auch noch aus dem Mund einer meiner Freundinnen, die mich, ob der für sie traumatischen Geburtserfahrung, im gleichen Moment da sie diesen Satz spricht, sehr unglücklich anschauen würde. Und weil mir das wichtig ist, schreibe ich diesen Text, obwohl ich Angst habe, deswegen besserwisserisch und missionierend rüberzukommen.

Eine Beleggeburt wäre gut – aber die gibt es nicht mehr

Würde es noch genügend Beleghebammen geben, die die werdenden Mütter zunächst Zuhause betreuen und dann ins Krankenhaus begleiten könnten, ich würde meinen schwangeren Freundinnen sicher diese Option empfehlen. So startete schließlich auch die Geburt meines Sohnes und es ergab sich ganz ohne vorherige große Entscheidungen eine zwar ungeplante aber dennoch wunderbare Hausgeburt. Da es aber in vielen Städten gar keine Beleghebammen mehr gibt, sehe ich gar keine andere Möglichkeit, als auch meinen erstgebärenden Freundinnen eine Hausgeburt nahezulegen.

Ich weiß, wie abwegig das für die meisten Frauen klingt, es ist schließlich eine ERSTGEBURT! Und die Statistik scheint ihnen recht zu geben: Angeblich wird etwa jede achte Hausgeburt abgebrochen und in einer Klinik fortgeführt – und bei Erstgebärenden ist der Schnitt besonders hoch. In der Regel verlaufen diese Verlegungen in ein Krankenhaus jedoch völlig undramatisch und die Geburt wird dort einfach unter ärztlicher Beobachtung fortgeführt, weil die Hausgeburtshebamme aus den unterschiedlichsten Gründen das Risiko nicht mehr allein tragen will – was im Übrigen dafür spricht, dass die Hebammen jederzeit gut abwägen und die Gesundheit von Mutter und Kind immer höchste Priorität hat.

Mut zum „Unnormalen“!

Ich denke daher: Der Weg ins Krankenhaus steht einem auch mit geplanter Hausgeburt jederzeit offen. Warum sollen meine Freundinnen es nicht wagen und erst mal Zuhause planen? Wenn alles gut geht, und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, haben sie ein tolles, selbstbestimmtes und erfüllendes erstes Geburtserlebnis. Wenn etwas „schief“ geht, muss der Mann halt doch den Koffer packen und die ganze Truppe zieht in die Klinik um. Entscheidungen sind manchmal auch dafür da um revidiert zu werden. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen und die Entscheidung zu einer Hausgeburt bedeutet schließlich nicht, dass man diese auf Teufel komm raus auch durchziehen muss.

Als Erste meiner Art sage ich daher: Mut zum „Unnormalen“! Liebe Freundinnen, das Krankenhaus steht euch immer noch offen, wenn ihr es wirklich benötigt. Vermutlich benötigt ihr es aber gar nicht, weil ihr das mit der Unterstützung einer guten und erfahrenen Hebamme auch ganz allein könnt! Und das sage ich nicht um euch zu belehren, sondern weil ich mir Sorgen mache, dass ihr als meine Freundinnen eine schlimme Erfahrung machen müsst, die hätte verhindert werden können. Und deswegen riskiere ich es, euch diese Ratschläge zu geben, die ihr keinesfalls annehmen müsst. Viele Wege führen nach Rom.

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusmailFacebooktwittergoogle_plusmail
Passend dazu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.