Der größte Feind einer Mutter ist: eine Mutter

Muttersein – das war früher auch irgendwie einfacher. Zumindest die Erwartungshaltung war damals klar: Die Frau hatte für die Kinder, den Ehegatten und den Haushalt zu sorgen. Kochen, putzen, bügeln gehörten zu ihren täglichen Aufgaben, genauso wie die Kindererziehung. Und heute? Gibt es tausend Möglichkeiten, Mutter zu sein. Und leider auch genauso viele Meinungen darüber, welche Möglichkeit denn nun die richtige ist und wie sie sich eigentlich so zu verhalten hat, die gute Mutter. 

Kurz vor dem Jahreswechsel erzürnte eine Neu-Bloggerin die zu Familienthemen schreibende und lesende Netzgemeinde. Diese Bloggerin hatte in ihrem Blog zu einem nicht gerade zimperlichen Rundumschlag gegen „jammernde Mütter“ ausgeholt. Tagein, tagaus würden diese sich über ihre Brut beschweren und mit ihrer Unzufriedenheit bei Freundinnen geradezu hausieren gehen. Und dabei hatten sie es doch nicht anders gewollt, Himmel Herrgott noch eins! Dieser Vorwurf kam bei anderen Bloggerinnen gar nicht gut an. Und so viel sei verraten: Die Neu-Bloggerin hat ihren Blog mittlerweile wieder geschlossen.

Denn der Shitstorm war gewaltig. Hatte die Bloggerin soeben noch über andere Mütter geschimpft, drehte sich der Wind nun gegen sie – und das war mehr als ein laues Lüftchen. Und auch wenn die Empörung (wie immer in den Sozialen Medien) teils allzu herbe Formen annahm (denn nein, Beleidigungen sind nie angebracht), finde ich es irgendwie gut, dass in diesem Fall deutlich angeprangert wurde, was unter Müttern noch viel zu oft stattfindet: Diese elendige Verurteilerei und das ständige von-sich-auf-andere-Schließen.

„Warum hast du ein Kind, wenn du dich nicht drum kümmerst?“

Erst vor kurzem hatte auch ich mich wieder damit konfrontiert gesehen. Innerhalb weniger Tage hatte die Facebookseite meines Blogs etliche „Likes“ verloren. Grund dafür: Ich hatte einen Artikel geteilt, in dem sich eine Mutter über die fehlende Ganztagsbetreuung in weiterführenden Schulen ärgert. Unvermeidlich, dass die Kommentare darunter sich schnell um die Frage drehten: „Warum hat die Alte denn Kinder gekriegt, wenn sie sich nicht drum kümmern will?“. Eine Leserin fragte mich, ob ich denn meinen Sohn mal gefragt hätte, ob es ihm wohl gefiele, ganztagsbetreut zu werden. Für diese Leserin hatte ich am Ende nur noch einen Rat übrig: Meinen Blog zu entliken um sich in der Folge nicht mehr über diese ganzen grässlichen berufstätigen Mütter aufregen zu müssen.

In die andere Richtung funktioniert das Mother Bashing übrigens genauso gut. Als ich noch kein Kind hatte, fand ich es ziemlich schick, über Hausfrauen und Mütter abzulästern, die sich von ihren Männern aushalten lassen und den ganzen Tag über nur Kittelschürzen tragen. „Oh, hascht a neu Kiddelschürz?“ fragt Heinz Becker seine Frau Hilde – und mehr Anerkennung ist für eine Hausfrau auch nicht drin, dachte ich damals. Zu Recht, schließlich legt die sich den ganzen Tag auf die faule Haut, tut nichts für ihre Rente und jammert am Ende rum, wenn der Mann sie für eine Jüngere sitzen lässt.

Dabei sollten Kinder eigentlich toleranter machen!

Aber irgendwie bin ich deutlich toleranter geworden, seit ich ein Kind habe. Das liegt zum einen sicher daran, dass ich weiß, dass Kinder auch verdammt viel Arbeit machen und ich mittlerweile ziemlichen Respekt vor Frauen haben, die den ganzen langen Tag mit ihren lieben (oder weniger lieben) Kleinen verbringen. Ich bin da nämlich nicht ganz so gut drin, sondern fühle mich ohne Job bald halb leer und gänzlich unglücklich. Zum anderen lehren Kinder einen aber eine ganz wichtige Lektion: Schließe nie, nie, niemals von dir auf andere!

Kinder sind nämlich so wahnsinnig unterschiedlich, dass es völlig normal ist, dass die eine Sache, die bei dem einen Kind super funktioniert, beim anderen gar nicht klappt. Und dazu kommt: Selbst mit demselben Kind ist jeder Tag unterschiedlich und birgt tausend Herausforderungen. Jede einzelne Mutter, jede einzelne Familie muss daher ihren eigenen Weg finden und kann insofern ganz grundsätzlich auf die Urteile von anderen pfeifen.

Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden

Die eine Mutter fühlt sich mit Job und Kind überfordert? Dann bleibt sie eben daheim, sofern die Familie es sich leisten kann. Die andere liebt ihren Job? Dann arbeitet sie eben Vollzeit. Das Kind ist schüchtern und nicht reif für die Kita? Dann bleibt ein Elternteil noch Zuhause. Das Kind liebt seine Tagesmutter? Dann wird es eben ganztags betreut. Das Kind schläft nicht allein? Dann kommt es ins Familienbett. Das Kind schläft super durch? Dann schläft es eben im eigenen Zimmer.

Diese Aufzählung könnte man beliebig weiterführen, es würden sich bestimmt immer neue Gegensätze finden. Und manchmal frage ich mich, warum es immer noch so viele Mütter gibt, die nicht begriffen haben, dass diese Gegensätze ganz normal sind, dass Situationen verschieden sind und unterschiedliche Reaktionen notwendig machen. Warum hacken Frauen nach wie vor auf anderen Frauen herum, weil die irgendwas anders machen?

Wer in der weiten Social Media Welt der Familienthemen unterwegs ist, kriegt wiederholt das Gefühl, dass es immer „richtige“ und „falsche“ Mütter gibt. Das sind dann wahlweise die, die viel jammern. Oder die, die allzu perfekt sind und nie jammern. Die, die arbeiten gehen. Oder die, die nicht arbeiten gehen. Die, die ihre Kinder betreuen lassen. Oder die, die das nicht tun. Am beliebtesten und variationsreichsten ist nach wie vor dieser Vorwurf:

Warum hast du überhaupt Kinder gekriegt, wenn…

a) dir das alles zu anstrengend ist
b) du sie nie siehst, weil du immer arbeitest
c) du ihnen nichts bieten kannst, weil du nicht arbeitest
d) du kein Attachement Parenting betreibst
e) du deine Kinder mit Attachement Parenting verziehst
f) (ergänzen Sie hier beliebig)

Ich finde das anstrengend. Ich habe keine Lust, mich vor anderen Müttern rechtfertigen zu müssen, warum ich das so oder so mache. Der einzige, der mich irgendwann einmal fragen dürfte, warum ich zum Beispiel immer gearbeitet habe, wäre wohl mein Sohn. Aber erstens glaube ich nicht, dass er das jemals tun wird und zweitens fiele es mir völlig leicht, ihm darauf eine Antwort zu geben, denn die würde einfach lauten: Weil ich es wollte. Denn ich bin immer mehr als „nur Mutter“. Ich lebe so, wie es für mich und meine Familie funktioniert. Und ich verlange von niemandem, es genauso zu machen.

Etwas, das ich stattdessen verlange ist: Urteilt nicht über mich! Aber leider findet das gerade unter Müttern und erst recht in der Online-Welt noch allzu oft statt. Mütter werden da zu den größten Feinden anderer Mütter, die alles besser wissen, tadeln, rügen und verurteilen. Dabei könnte es so bereichernd sein, andere Lebensmodelle einfach mit Ruhe zu betrachten und am Ende zu sagen: OK, das ist eine Möglichkeit, aber ich mache es lieber anders. Ganz ohne Urteil. Ganz ohne Meckern. Und ohne schlechte Laune.

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Ein Kommentar zu „Der größte Feind einer Mutter ist: eine Mutter

  1. 2 Kind Mama

    Wow chapeau!!!
    Soviel Toleranz, Weitsicht und Selbstbewusstsein einfach klasse.
    Genauso sehe ich es auch.

    „… zweitens fiele es mir völlig leicht, ihm darauf eine Antwort zu geben, denn die würde einfach lauten: Weil ich es wollte. Denn ich bin immer mehr als „nur Mutter“. Ich lebe so, wie es für mich und meine Familie funktioniert. Und ich verlange von niemandem, es genauso zu machen.“

    Das trifft den Nagel auf den Kopf und sehr weise Zeilen. Danke das du mit uns solche Gedanken teilst. 🙂

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