Der ganz normale Wahnsinn

Dienstag Mittag, 14 Uhr, das fiebernde Räupchen ist gerade auf meinem Bauch eingeschlafen, da klingelt es an der Tür. Ich verfluche diesen Aushilfspostboten, der immer, wirklich immer, mehrmals bei uns klingelt. Immer nur bei uns! Aber dann klingelt es ein drittes Mal. Und als ich, mit einem wieder aufwachenden Baby auf dem Arm, zur Tür gehe, klingelt es ein viertes Mal.

Vor der Tür steht mein Papa, was Hübchens Opa ist, ein schlafendes Hübchen auf dem Arm. Eigentlich hätte der Sohn den Nachmittag heute beim Opa verbringen sollen. Hier stimmt also was nicht. Mein Papa und ich tauschen Kinder und ich merke gleich: Das Hübchen ist nicht in Form. Die Erzieherinnen hätten gesagt, in der Kita sei er noch ganz normal gewesen, erzählt mein Papa. Aber als er ihn abholte, habe er nicht sprechen wollen, sei fast umgefallen vor Erschöpfung und im Auto sofort eingeschlafen.

Das Hübchen kommt aufs Sofa, mit seiner kuscheligen Bettdecke und ich kann dabei zusehen wie das Fieber steigt. Toll, jetzt also zwei kranke Kinder! Ist ja nicht so, als sei das Räupchen nicht schon seit fünf Tagen krank. Es ist Mitte März, draußen liegt Schnee. Ich verfluche mein Leben in diesen Breitengraden.

Dienstag, 15 Uhr, das Hübchen schläft.

Das Hübchen ist kaum ansprechbar. Still erträgt er sein schlimmes Los, lässt sich bereitwillig aufs Sofa legen und schläft dort schnell wieder ein. Wenn er zwischendurch aufwacht, will er nicht essen, nicht trinken, nicht mal fernsehen. Oh, oh, da scheint jemand richtig krank zu sein!

Dienstag, 19 Uhr, das Hübchen leidet

Selbst als der Papa nach Hause kommt, ist das Hübchen noch kaum ansprechbar. Wir bringen ihn früh ins Bett und denken nach ein paar Minuten kuscheln schon, dass das Kind schon schläft. Stimmt aber nicht! Das Hübchen starrt mit leeren Augen die Wand an, bewegt sich dabei aber kein Stück. So kenne ich mein Kind wirklich nicht! Das Fieber steigt auf über 40°C und wir hoffen, dass das Hübchen sich gesund schläft.

Mittwochnacht, 2 Uhr, das fiebernde Räupchen brüllt

Das Hübchen schläft fiebernd, aber ruhig. Dafür schreit das Räupchen sich in Rage. In der Nacht geht ihr Fieber wieder hoch und es ist, wie ich befürchtet hatte: Die Bronchitis kehrt zurück. Das Baby hustet und brüllt, hustet und brüllt. Es ist zermürbend. Der Mann und ich wechseln uns ab und irgendwann schläft das Räupchen auf meinem Bauch ein. Das ist eh gut, weil ihr Oberkörper so etwas höher gelagert ist und das den Hustenreiz mindert und den Schleim ablaufen lässt, sagt zumindest die Kinderärztin. Besonders tief schlafen kann ich so, eher schlecht als recht an ein großes Kissen angelehnt, aber kaum.

Mittwochmorgen, 6 Uhr, das Hübchen hat schlechte Laune

Das Hübchen wacht früh auf, vermutlich weil er gestern so früh im Bett war. Warm ist er immer noch, vor allem aber schlecht gelaunt. Schlafen will er nicht mehr, aufstehen aber auch nicht, in seinem Bett ist ihm langweilig, in unseres will er aber auch nicht kommen, dann liege ich im Weg, blöd bin ich sowieso und am Ende bin ich fast so sauer, dass ich vergesse, dass der Sohn eben krank ist. Als ich mich daran erinnere, geht es wieder und schlussendlich überzeuge ich das Hübchen davon, zu uns ins Bett zu krabbeln.

Mittwochmorgen, 7 Uhr, das Räupchen brüllt

Kaum ist das Hübchen beruhigt, wacht das Räupchen auf. Von einem Hustenanfall Deluxe. Der verursacht, dass sie brüllt. Und brüllt. Und brüllt. Zwei leere Brüste später geht es wieder halbwegs. Und irgendwie, ich weiß auch nicht wie, schlafen wir alle vier wieder ein.

Mittwochmorgen, 9 Uhr: Aufgewacht!

Es lebe das Home Office! Wenig erholt, aber wenigstens mit einer weiteren Mütze voll Schlaf wachen wir gegen 9 Uhr wieder auf. Beide Kinder scheinen nun zumindest halbwegs gut drauf, was bedeutet: Zumindest für die nächste halbe Stunde brüllt niemand. Nach einem schnellen Frühstück muss der Mann an den Schreibtisch und ich setze das Hübchen wieder in unser Bett, wo er Netflix gucken darf, so viel er will. Irgendwie muss Kranksein sich für ihn ja lohnen.

Mittwoch, 11 Uhr, das Hübchen kotzt ins Bett

Das Hübchen ist also gerade gepflegt am Glotzen, als er plötzlich merkwürdig würgt. Kurz denke ich, dass er nur husten muss, und als ich merke, wie ernst die Lage wirklich ist, ist es schon zu spät. Das arme Kind würgt und kotzt, schön mitten auf die Matratze. Ich kann nur noch das Räupchen in Sicherheit bringen (wenn sie krank sind, soll man Babys schließlich nicht baden) und den Mann rufen. Denn von Kotzgeruch muss ich leider ebenfalls kotzen. Schon leicht würgend, hechte ich aus dem Zimmer und platziere mich vor dem offenen Küchenfenster, zumindest so lange, bis das Schlimmste vorüber ist. Anschließend halte ich die Luft an, gehe zurück ins Schlafzimmer, reiße dort das Fenster weit auf und ziehe das Bett ab, danach noch den Matratzenschoner und verfrachte alles in die Wäsche. Niemals war ich so froh wie jetzt, dass wir uns vor kurzem einen Trockner zugelegt haben.

Mittwoch, 14 Uhr, die Lebensgeister kehren zurück

Nachdem das Hübchen den Vormittag über sehr leidend war, geht es gegen Mittag plötzlich steil bergauf. Fernsehen ist jetzt langweilig, das Kind will beschäftigt werden – und zwar sofort! Ich übernehme die erste Schicht, spiele gefühlte tausend Partien Obstgarten, akustisch immer untermalt von einem quengelnden Räupchen – die ist schließlich auch immer noch krank und würde ganz allgemein gerne schon so viel mehr können, als sie aktuell kann.

Mittwoch, 16 Uhr, das Hübchen tobt fröhlich durch die Wohnung

Am Nachmittag tauschen der Mann und ich die Rollen: Jetzt darf ich arbeiten und er verbringt seinen dank Elternteilzeit freien Nachmittag mit den Kindern. Rausgehen ist nicht, die Kinder sind schließlich beide krank. Drinnen bleiben wird zur Katastrophe, denn das am Vormittag noch kotzende und leidende Kind scheint wie von Wunderhand kuriert! Jedenfalls tobt das Hübchen fröhlich durch die Wohnung, hat plötzlich allerhand überschüssige Energie loszuwerden. Sicherheitshalber messen wir Fieber: 38,8°C. Ähm, könnte gegebenenfalls jemand diesem Kind erneut erklären, dass es krank ist?!

Mittwoch, 19 Uhr, Endlich Zeit fürs Bett!

Wir atmen erleichtert auf, als das Fieber am Abend wieder ansteigt. 39,8°C, da kapituliert sogar das Hübchen. Geschafft verschwindet er im Bett und schläft unter leicht wirrem Reden auch recht schnell ein. Das Räupchen mit immerhin nur noch 38,5°C auch – um zwei Stunden später unter Gebrüll zu erwachen. Wir reichen das Baby erneut die halbe Nacht hin und her. Am Ende schläft sie den Großteil der Restnacht wieder auf meinem Bauch und schwitzt mein komplettes Schlaf-Shirt voll. Der Mann ist nämlich zwischenzeitlich zum wirr fiebernden Hübchen umgezogen, der akute Betreuung brauchte.

Donnerstagmorgen, 6.30 Uhr, das Hübchen erwacht

Kurz nachdem der Mann wieder den Weg in unser Bett fand, wird natürlich das Hübchen wach, ruft aber diesmal sowieso nach Mama. Ein Glück, dass ich gerade das Räupchen gestillt habe. Ziemlich dankbar für diese Möglichkeit, übergebe ich das Baby dem Mann und kuschel mich zum Hübchen. Nur fünf Minuten, Mutti! Tatsächlich nickern wir noch eine Runde, während der Papa und das Räupchen wach werden und schon mal schäkern.

Donnerstag, 10 Uhr, das Hübchen wäscht das Fieber ab

„Ich bin jetzt gesund“, verkündet das Hübchen nach dem Frühstück. In die Badewanne will er, das Fieber abwaschen und danach gesund sein. Baden darf er, nur das mit dem gesund sein besprechen wir noch mal. Das Fieberthermometer zeigt nämlich immer noch 38,6°C. Zuvor hatte ich kurz überlegt, mit den Kindern in eine Mitmachausstellung zu fahren, für die wir eine Jahreskarte haben. Bei so hohem Fieber kommt mir das aber falsch vor. Also wieder Netflix.

Donnerstag, 14 Uhr, das Hübchen wütet

Kurz darauf verfluche ich meine Entscheidung. Das Hübchen ist top fit und stellt uns die Bude auf den Kopf. Wie unzufrieden und gelangweilt er ist, teilt er uns auf seine Art mit: Durch wiederkehrende Wutanfälle und eine Frustrationstoleranz, die mit „gering“ gar nicht mehr beschrieben werden könnte. Kurz: Es ist die Hölle. Da hilft auch nicht, dass immerhin das Räupchen heute schon etwas besser in Form ist, kein Fieber mehr hat und uns sogar gelegentlich anlacht.

Donnerstag, 19 Uhr, es gibt Pommes

Das einzige, was nach einem Tag wie heute noch geht, sind Pommes aus dem Backofen. Die gesamte Dauer von 30 Minuten Backzeit brüllt das Hübchen sich besinnungslos, weil er kann doch jetzt wirklich nicht noch länger auf seine Pommes warten. Ich schließe mich zwischenzeitlich im Wohnzimmer ein. Soll der Mann doch sehen, wie er klar kommt. Das muss er jetzt eh üben, weil wenn dieser Zustand noch einige Tage anhält, ziehe ich eh aus und schließe mich irgendeinem Fahrenden Volk an. Hauptsache weit weg.

Donnerstag, 20 Uhr, endlich Ruhe!

Puh, das ging jetzt zum Glück doch schneller als gedacht. Beide Kinder schlafen – fieberfrei! Geht das Hübchen morgen schon wieder in die Kita?, frage ich den Mann. Nein, sagen wir beide gleichzeitig kopfschüttelnd. Und verfluchen uns wohl beide für unser Gewissen, das uns daran hindert, ein per Spontanheilung gerade so eben genesenes Kind morgen wieder in die Betreuung zu lassen. Das macht man schließlich nicht. Immerhin, morgen ist Großelternfreitag. Bleibt uns also ein Nachmittag, um uns von dieser Woche zu erholen. Und dann mal schauen, was das Wochenende bringt…

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2 Kommentare zu „Der ganz normale Wahnsinn

  1. Lena

    Liebe Sophie, ich leide bei deinem Bericht mit. So ähnlich, in etwas abgeschwächter Form, waren bei uns die letzten zwei Wochen auch (und Dauerhusten seit Weihnachten). Ich hoffe sehr auf den Frühling, der bisher ja noch nicht kommen mochte. Jedenfalls danke, dass du mich mit deinen Berichten durch die zweite Elternzeit trägst. Und super, dass ihr dem Hübchen noch etwas KiGafrei gönnt. Was bei uns kranke Kinder in den Kindergarten gebracht werden… . Macht die Krankheitsmisere auch für alle anderen nicht besser. Liebe Grüße.

    • Wem sagst du das, ich denke mittlerweile übers Auswandern nach. Diese Kälte, ich halte sie einfach nicht mehr aus!! Letztes Jahr war es auch so, dass das Hübchen sofort gesund war, als der Sommer kam und bis in den späten Herbst hinein gesund blieb. Dieser Winter bringt uns alle irgendwann noch um…
      Gute Besserung euch allen und ich hoffe, wir schaffen es jetzt alle zusammen bis in den Frühling (irgendwann MUSS er ja kommen!)!

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