Der fette Grieche

In meiner Schulzeit gab es einen Jungen, den ich nicht sehr freundlich den „fetten Griechen“ nannte. Nicht dass ich ihn jemals über Aristoteles philosophieren gehört hätte, aber er war eben ein Grieche und ein bisschen übergewichtig und mit Political Corectness hatte ich es mit 15 Jahren noch nicht so.

Der fette Grieche jedenfalls hatte diesen wenig vorteilhaften Spitznamen meiner Meinung nach wirklich verdient, weil er nämlich total gemein war. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, er war nichts weiter als ein verhätscheltes Mamasöhnchen (ja, Helikoptereltern gab es auch Anfang der 2000er schon!), das die Folgen seiner eigenen Handlungen nicht einschätzen konnte, weil ihm doch sonst alles von seinen Eltern abgenommen und er für seine Missetaten niemals zur Rechenschaft gezogen wurde.

Heute habe ich also sogar ein kleines bisschen Mitleid für den armen Fettsack übrig, der schlecht in der Schule war und außer einer großen Klappe und einem pickligen Gesicht nicht so richtig viel hatte, mit dem er glänzen konnte. Bestimmt ist er heute ein echt netter Bankangestellter oder so. Ich würde es ihm (und seiner Mama) durchaus wünschen.

Um den fetten Griechen oder sein Verhalten an sich soll es aber eigentlich gar nicht gehen. Sondern vielmehr darum, wie andere mit so einem Verhalten umgehen und was das gerade für Mädchen und spätere Frauen so problematisch macht.

Der gemeine Junge

Der fette Grieche jedenfalls war einfach irgendein gemeiner Junge, wie es ihn auf deutschen Schulen zuhauf gibt. Vor allem hatte er Freude daran, Mädchen zu ärgern. Das übliche Gedöns halt: An den Zöpfen ziehen, sich über Äußerlichkeiten lustig machen, und, damals besonders beliebt: rausblitzende Stringtangas flippen. Auch wenn letzteres bei mir nie möglich war, weil ich mich bereits als Teenager ungemütlichen Modetrends versagte, war auch ich ziemlich häufig weibliche Zielscheibe des unsympathischen Fettis.

Und darauf hatte ich echt mal so überhaupt keinen Bock. Klar bemerkte ich, dass einige andere Mädchen die Hänseleien des fetten Griechen sogar zu genießen schienen: Immerhin wurden sie von einem Jungen beachtet, der auch noch ein gutes Jahr älter war als sie (er war nämlich sitzengeblieben und nicht mal freiwillig in unserer Klasse). Ich fand den fetten Griechen aber einfach wahnsinnig blöd. Und hatte dementsprechend auch nicht so viel dafür übrig, wenn er beim Schulausflug dummerweise im Bus hinter mir saß und mir permanent in den Nacken piekte oder plötzlich irgendwas ins Ohr brüllte.

Der mütterliche Rat: einfach ignorieren!

Ich erinnere mich daran, wie ich mich Zuhause bei meiner Mama darüber beklagte. Die konnte den fetten Griechen auch nicht besonders leiden, dessen Mutter dafür aber durchaus. Mütter und Hausfrauen müssen wohl zusammenhalten oder so. Jedenfalls war der gutgemeinte Rat meiner Mutter, die Nervnase doch am besten so richtig krass zu ignorieren. Denn, so ihre Theorie, dadurch würde er blitzschnell jegliches Interesse an mir verlieren.

Ich mochte das nicht so recht glauben, probierte es aber trotzdem aus. Letztlich kam ich mir leider ziemlich blöd vor, wie ich auf meinem Platz hockte und mich, mit rollenden Augen zwar, jedoch ohne erkennbaren Widerstand zu leisten, in den Nacken pieken und am Dutt zupfen ließ. Aufhören wollte der fette Grieche außerdem auch nicht, all meiner geballten Ignoranz zum Trotz. Nee, das konnte es also irgendwie nicht sein. Ich machte dann lieber weiter damit, ihn anzubrüllen, er solle mich zum Teufel noch mal endlich in Ruhe lassen. Genutzt hat das sicher auch nichts, aber immerhin fühlte ich mich besser.

Die typischen weiblichen Tugenden

Rückblickend bin ich sogar ein bisschen stolz auf meine Leistung. Meine Mama (und auch andere, zum Beispiel die Lehrer*innen) hatten mir typische weibliche Tugenden nahegelegt: Mich ducken, unsichtbar machen, uninteressant erscheinen. Ich sollte mich noch mehr zurücknehmen als ohnehin schon, damit ich nicht zur Zielscheibe eines fehlgeleiteten und gelangweilten 15-Jährigen würde. Wahnsinn, wie falsch das klingt, wenn ich es nur aufschreibe!

Auf Facebook habe ich neulich einen Artikel von Caroline Rosales geteilt, die sich darin darüber ärgert, dass Frauen häufig so missgünstig seien, sich gegenseitig nicht das Schwarze unterm Fingernagel gönnen, lästern und mobben. Eine kluge Blogleserin kommentierte meinen Facebookpost folgendermaßen:

„Auf dem Schulhof wird unter Mädchen eher fies gemobbt, weil offene Aggression Mädchen schon früh abtrainiert wird (unbewusst oder bewusst durchs Elternhaus und mehr noch durch die Geschlechterbilder, die in der Gesellschaft vorkommen und vom Kind nachgeahmt werden) und Jungs ihre Unstimmigkeiten mit den Fäusten austragen bzw. sich durch physische Aktivität abreagieren.“

Auch ich finde diesen Zusammenhang bemerkenswert! Wenn ich mich daran zurückerinnere, welche Mädchen die „Neckereien“ des fetten Griechen damals am meisten genossen, wird mir klar: Das waren gleichzeitig die hinterhältigsten Lästerweiber, die hundsgemeinsten Ekelschnittchen, solche, mit denen ich echt überhaupt nichts zu tun haben wollte. Warum werden Mädchen nur so? Ist das etwa angeboren?

Ich bin mir sicher, dass nicht. Vielleicht waren das genau die Mädchen, die empfänglicher für all die guten Ratschläge unserer Eltern, Erzieherinnen, Lehrer und Vereinstrainerinnen waren. Mach dich klein, nimm dich zurück, schrei nicht so laut, sei lieblich, sei brav, du musst doch gemocht werden!

Mädchen, du musst doch gemocht werden!

Ach, muss ich das? Und was, wenn ich gar nicht will? Als Teenager-Mädchen hatte ich eine krasse Phase, in der ich gerade nicht gemocht werden wollte. Die meisten Lehrer, insbesondere die männlichen, fand ich richtig scheiße. Vor allem, wenn sie fachlich oder (noch schlimmer!) pädagogisch inkompetent waren, und dafür hatte ich einen ziemlich guten Riecher. Ich glaube, ich habe so mancher Lehrperson das Leben ganz schön schwer gemacht und bestimmt hatten nicht alle es verdient (sorry!). Auch meine Familie hatte vermutlich nicht immer so richtig viel Spaß an ihrem wenig lieblichen Töchterlein.

Trotzdem bin ich froh, diese Phase gehabt zu haben. Angepasstheit gehört für mich auch heute wahrlich nicht zu den Tugenden. Wenn mich was stört, dann sage ich das. Und nur weil bestimmte Dinge „schon immer so waren“, sind sie nicht plötzlich gut – das kann man derzeit ja prima an all den Geschichten beobachten, die im Zuge der #metoo-Bewegung ans Tageslicht kommen.

Meine Tochter soll sich nicht anpassen müssen

Für mich steht jedenfalls fest: Meine Kinder werden nicht zu angepassten braven Persönchen erzogen, ganz unabhängig vom Geschlecht. Aber erst recht für die Erziehung des Räupchens gilt: Sie soll von uns Eltern darin bestärkt werden, für sich selbst einzustehen und immer klar und deutlich zu machen, wenn sie etwas nicht will. Und das macht man nun mal am besten dadurch, dass man sich klar ausdrückt. Sich unsichtbar machen, Ungerechtigkeiten still hinnehmen, ignorieren oder über sich ergehen lassen – genau das soll meine Tochter nicht tun!

Wenn das Räupchen also irgendwann in ihrer Schulklasse von einem fetten Griechen (oder sonst einem gemeinen Widerling) gepiesakt wird und mit ihren Sorgen zu mir kommt, werde ich ihr sicher nicht dazu raten, die Gemeinheiten einfach zu ignorieren, wie meine Mutter es damals noch tat. Wehrt euch, Mädchen! Und überhaupt: Wehrt euch, Kinder! Denn vielleicht sorgt es auch dafür, dass die Fieslinge, die überall in den Klassenzimmern sitzen, irgendwann mal lernen, dass es nicht OK ist, andauernd ihre Klassenkameraden zu ärgern.

Das Ende der Geschichte

Wollt ihr jetzt noch wissen, wie die Geschichte mit dem fetten Griechen ausging? Irgendwann kam es zum Eklat: Er behauptete vor seiner Mutter, ich würde in der Schule rumerzählen, dass er mit Drogen dealt. Wäre ganz cool gewesen, wenn ich das gemacht hätte, hm? Oder wäre das dann viel eher diese hinterhältige Art gewesen, die uns Frauen so oft vorgeworfen wird? Wie auch immer, ich hab das sowieso gar nicht gemacht. Entweder hatte der fette Grieche sich das nur ausgedacht um vor seiner Mutti als armes Opfer dazustehen oder irgendwer anderes hatte das Gerücht gestreut. Heute frage ich mich eigentlich, warum er so ein super Gerücht nicht für sich nutzte. Aber gut, der Hellste war er eben nie. Deswegen schaffte er es damals auch nicht in die Oberstufe und ich war ihn endlich los.

Danke, fetter Grieche, für die Inspiration zu diesem Blogartikel. Manchmal weiß man eben erst 15 Jahre später, wozu etwas gut war!

P.S. Auf dem Foto seht ihr übrigens meine alte Schule! Allerdings nur den alten Vorzeigebau. Der neue, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in den alle Klassen ab spätestens der 7. umziehen mussten, bestand zu einem Großteil aus Pappmaché-Wänden und ist vermutlich bis heute reichlich Asbest verseucht. Genau wie übrigens alle Universitäten im Ruhrgebiet. Ach ach.

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3 Kommentare zu „Der fette Grieche

  1. Mal wieder ein sehr interessanter Artikel! Das erinnert mich an das Viereinhalbjährigen-Gespräch in der Kita. Meine Tochter ist in einer Integrationsgruppe, in der auch ein 3jähriges autistisches Kind betreut wird, der gerne andere Kinder schlägt und einfach nicht versteht, warum er das nicht soll – keine Empathie eben. Die größeren Kinder, alles Mädchen, weinten halt und ließen es sich gefallen. Irgendwann brachten die Erzieherinnen ihnen „kontrolliertes Wehren“ bei, bzw Zurückschubsen, wenn der Junge wieder brutal wurde. Das hat dann tatsächlich geholfen, Das wurde mir etwas beschämt beim Elterngespräch erzählt, das scheint nicht die pädagogisch empfohlene Vorgehensweise zu sein. Ich fand es eigentlich ganz knorke; wir wohnen im Brennpunktstadtteil, der Schulhof wird kein Ponyhof sein, aber auch davon abgesehen finde ich eine gewisse Wehrhaftigkeit sehr gut. Gerade bei Mädchen.

    • Katili

      Kontrolliertes Wehren..immerhin ein Lösungsansatz. Und wie schön, das es wirklich offen kommuniziert wird.

      Habe mich beim Lesen gefragt, was Eure Lehrer gegen diesen „Mädchen-Fetten Griechen-Konflikt “ unternommen haben? Oder hat er das nur heimlich gemacht und war den Rest der Zeit ein kleiner Engel, dem man sowas nie zugetraut hätte?
      Bei uns gabs auch diese Art nervige Kanditaten und auch Kanditatinnen und das war auch bekannt. Allerdings war es offensichtlich und auf Lehrerliebling wurde da nicht gemacht. Im Nachhinein finde ich es erschütternd, wie großzügig über dieses Mobbing hinweggesehen wurde. Ja, es wurde von vielen unserer Pädagogen regelrecht ignoriert! Sie wirkten auch ziemlich hilflos und ließen den Konflikt meistens einfach laufen.. Nach dem Motto „die Klären das schon unter sich“?

      • @Kaili: Ziemlich so wie du es beschreibst, war es bei uns auch. Die Lehrer*innen haben da eher weggeschaut oder es unter „das müssen die unter sich ausmachen“ verbucht. Leider hatten wir auch eine pädagogisch völlig grauselige Klassenlehrerin. Die kam auch noch von einem Mädchengymnasium an unsere Schule und hat keinen Hehl draus gemacht wie „zickig“ und „hinterhältig“ sie Mädchen im allgemeinen so findet. Dabei hat sie sich wohl keine Gedanken darum gemacht, dass sie diese zickigen Mädchen mit ihrem Verhalten erst produziert… Ich hoffe echt, dass solche Lehrer*innen heute seltener anzufinden sind!

        @jongleurin: Wow, das ist ja echt noch mal ne andere Hausnummer, mit so einem autistischen Jungen. Aber gerade dann finde ich es auch wichtig, den Kindern beizubringen, sich wehren zu dürfen. Ich habe leider auch schon mitbekommen, wie behinderte Kinder sich alles erlauben durften – und das eben von den „normalen“ Kindern auch verlangt wurde, da immer nur einzustecken, sowohl was körperliche als auch eher psychische (oder wie man das nennen will) Dinge angeht. Ich dachte da schon immer, dass das ja für beide Seiten nicht gut sein kann!

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