Der allgemeine Ratgeber-Notstand

Happy New Year! Was das Jahr 2015 wohl bringen wird? Für mich zunächst mal einen neuen Job, der morgen beginnt. Das Schlechte an dem Job ist: Ich muss mindestens eine Stunde hinpendeln. Das Gute an dem Job ist: Ich kann endlich wieder im Zug lesen! Wie lange ist es her, dass ich zuletzt ein nicht nur gutes, sondern auch langes Buch gelesen habe? Tja, das muss vor Hübis Geburt gewesen sein… Ich weiß jedoch schon ganz genau, was ich auf meinen Zugfahrten auf keinen Fall lesen werde: Ratgeber. Denn die sind mir bis heute ein rotes Tuch.

Da ich 2013 zum ersten Mal schwanger war und wirklich keine Ahnung von nichts hatte, fing ich damals trotzdem mal an zu recherchieren, denn Lesen soll ja im Allgemeinen helfen. Welches Buch könnte mir also meinen Zustand und die Entwicklung meines Babys auch gerne ein wenig wissenschaftlich erklären? Leider musste ich schnell feststellen: Die 200-Seiten-Hilfe-ich-verstehe-mein-Baby-nicht-GU-Heftchen, die aktuell den Markt überschwemmen, würden dies nicht leisten können. Nach der Geburt meines Babys las ich dann doch mal in einen dieser Hausfrauen-Psychologie-Ratgeber hinein und muss sagen: Ich mag sie immer noch nicht, diese Ratgeber!

Rückblick-Post: Mai 2013

(und ich im 5. Monat schwanger)

Eine Kritik an der Lage auf dem Ratgebermarkt für werdende Mütter und Väter. Hausfrauenpsychologie oder halbes Entwicklungspsychologiestudium – wissbegierige werdende Mutter, wofür würdest du dich entscheiden?

Als werdende oder junge Mutter einen passenden Ratgeber zu finden, klingt erst mal geradezu banal. Denn der Markt scheint ja übersättigt mit Büchern, die sich mit den Themen Schwangerschaft, Geburt, kindliche Entwicklung und Erziehung auseinandersetzen. Heute morgen jedoch befasste ich mich eine geschlagene Stunde mit der Recherche nach halbwegs wissenschaftlicher Literatur über die (früh-)kindliche Entwicklung und dachte zunächst, so schwer könne das ja nicht werden. Aber: Auch wenn es ein plumper Vergleich ist: Die Suche nach guter Literatur zu obig genannten Themen gleicht der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Meine Suche beschränkte sich zunächst auf das Suchfeld in der Kategorie „Bücher“ bei Amazon, oder, wie meine Familie zu sagen pflegt: „im Amazonas“. Kurzer Exkurs zum Moralischen: Da wir alle wissen, wie schlecht Amazon ist, wie sehr es seine Angestellten ausbeutet und da wir alle mitbekommen haben, dass Amazon gar mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht wurde (was wurde eigentlich aus diesem Gerücht?) – ist es eigentlich überhaupt noch erlaubt, Amazon zu nutzen…?

Abschreckende Ratgeberliteratur

Nun, jedenfalls suchte ich ob der Einfachheit im Amazonas, und die Regenwaldkonnotationen, die mir nun einfallen, schreibe ich lieber nicht alle auf. Aber soviel soll erlaubt sein: es glich einem Gewirr aus Ratgeber-Schlingpflanzen und Mütterhandbuch-Tarantelnetzen, die mich schnell zur Verzweiflung trieben. Um nur ein paar abschreckende Beispiele der Elternratgeberliteratur zu nennen: „Oje, ich wachse!“, von der bekannten Zeitschrift „Eltern“ als „Die Bibel aller Eltern“ beschrieben. Ebenfalls hoch im Kurs um den Preis „beklopptester Titel“ in der Kategorie „Elternratgeber“: „Die Elternschule – Das glücklichste Baby der Welt“ oder auch „Das Baby-Einmaleins: Die wichtigsten Hebammentipps fürs erste Jahr“.

Ich entschied also schnell, dass ich mit der Ratgebersuche nicht weitermachen konnte. Offensichtlich war hier nichts mit halbwegs wissenschaftlichem Anspruch zu finden. Denn alles, was mir diese Ratgeber bieten wollen, ist, ich zitiere aus dem Verzweifelte-Eltern-Standardwerk „Oje, ich wachse“: „Unterstützung in Tagen der Verunsicherung“ sowie „Selbstvertrauen und Verständnis für Ihr Baby“. So ein Unfug. Was ich suchte, war ein mit zumindest rudimentären psychologischen und biologischen Kenntnissen verfasstes Werk, das mir erklärt, wie das kleine Topfpflanzengehirn so funktioniert – dies aber möglichst für den Laien formuliert.

Leichte Kost oder kompliziertes Universalwerk

Meine Suche endete schließlich mit der nüchternen Erkenntnis, dass die werdende Mutter sich entweder mit hausfrauenpsychologischer Ratgeberliteratur begnügen oder ein halbes Studium der Entwicklungspsychologie erwerben muss. Denn eine Alternative zu den 200-Seiten-Hilfe-ich-verstehe-mein-Baby-nicht-GU-Heftchen bieten letztendlich nur Standardwerke für Entwicklungspsychologie-Studenten. In den 800-Seiten-Wälzern sind dann immerhin 150 Seiten der Kindesentwicklung gewidmet, dafür lernt man auch allerhand über das Funktionieren eines Gehirns, sowie über evolutionäre, methodologische, Verhaltens- und molekulargenetische Grundlagen der Entwicklung des Menschen. Ob ich das ohne fundierte Vorkenntnisse in Medizin, Psychologie oder Soziologie verstehen werde, wird sich erst zeigen, wenn ich bereit bin 59,95 € zu investieren.

Schade, dass anscheinend noch niemand auf die Idee gekommen ist, ein kürzeres, für Laien leicht verständliches Werk über Kindesentwicklung zu schreiben. Wissenschaftlicher Anspruch übersetzt in einfache Sprache – so etwas soll es doch schon auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten gegeben haben. Gerade hier würde es sich doch anbieten! Andererseits liegt der Verdacht nahe, dass die Übermuttis und Vorzeigepapis so etwas gar nicht wollen. Es ist doch so schön, Bücher zu kaufen, die einem nur eins sagen: dein Kind braucht Liebe, Liebe, Liebe und manchmal schreit es eben auch.

Das ist ja auch sicher richtig und es sollte auch niemals zu wenig erwähnt werden. Allerdings gibt es bestimmt auch interessante Informationen, die darüber hinaus gehen. Bestimmt hier also die Nachfrage das Angebot oder werden werdende Eltern einfach für zu dumm gehalten? Liebe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, schreibt doch mal ein gutes, auch für den Laien verständliches Buch – ich würde es sofort kaufen!

Nachtrag

Ich habe bisher noch nie eine Amazon-Kundenrezension als „hilfreich“ markiert, aber heute war es an der Zeit. Hier die original Kundenrezension eines Lesers des oben erwähnten Elternratgebers „Oje, ich wachse!“:

„Ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Auch wir haben uns über dieses Buch sehr geärgert. Vom Informationsgehalt ähnlich ergiebig wie das Örtliche.
 Wer die Aussage des Gesamtwerkes überblicken will, kann sich auf Seite 19 die Zeitschiene zu Gemüte führen – mehr braucht man nicht.

 In einem Buch “Oje, es regnet” würde Kapitel um Kapitel etwa wie folgt ausfallen (ohne Flachs jetzt):

Manchmal regnet es und manchmal scheint die Sonne. Mittags regnet es manchmal dickere Tropfen oder nicht. Das kann aber auch früher oder später sein. Manchmal sogar morgens oder abends, manchmal aber auch gar nicht.
 Viele Leute beschweren sich dann über nasse Haare oder Klamotten, manche haben Gummistiefel an, fast alle aber Schuhe.

Zitate der Spaziergänger:
 “Ich habe einen roten Regenschirm” (Tiefdruckgebiet vom 10.03.09)

„Ich kriege so schlechte Laune, dass ich meinen Hund verdresche“ (Tiefdruckgebiet vom 08.02.09)

Erklärte ich nun, dass Regen eine Folge von kristallin akkumulierter Feuchtigkeit ist, die infolge ihres Gewichtes auf die Erde fällt, hätte ich das bessere Fachbuch geschrieben – es enthielte nämlich eine Erklärung!“

Ich habe mich herrlich amüsiert und auch die Frage, ob man Amazon immer noch nutzen dürfe, sei damit mit einem deutlichen JA! beantwortet.

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2 Kommentare zu „Der allgemeine Ratgeber-Notstand

  1. Nora Imlau

    Ich habe diesen Artikel gerade erst entdeckt – und mit einem Schmunzeln festgestellt, dass das Buch, das Du damals schmerzlich vermisst hast, heute in den Buchhandlungen steht. Es heißt ‚Mein kompetentes Baby‘ und ist genau so eine für Laien verständliche Einführung in die Entwicklungspsychologie, die erklärt was in unseren Kindern alles so passiert. Vielleicht magst Du es mal lesen?

    • Liebe Nora, danke für den Hinweis! Mittlerweile bin ich in der Tat ganz glücklich, was sich da in den letzten Jahren getan hat. Deine Bücher oder auch die von Nicola Schmidt füllen die Lücke wirklich gut. Ich habe dein Buch noch nicht gelesen, werde es aber bestimmt bald tun, vor allem da ja jetzt bei uns das zweite Baby unterwegs ist. 🙂
      LG!

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