Das Ich-will-alles-Prinzip reloaded II

Trotz aller Sorgen schrieb ich damals, im April 2013: „Ich freue mich unglaublich auf die Veränderungen in den nächsten Monaten und im nächsten Jahr […]. Ich stelle mir das alles großartig vor und natürlich wird mein Kind in meiner Vorstellung überaus problemlos, fröhlich, ruhig und vor allem bildschön.“. Was schreibe ich jetzt, 1 ½ Jahre später? Passend wäre vielleicht: Haha.

Denn die Wirklichkeit ist folgende: Das Ich-will-alles-Prinzip kann nicht immer so eingehalten werden, wie eine Mutter sich das wünscht. Es scheitert schon daran, dass man zumindest so lange, wie das Baby noch nicht laufen kann, die meiste Zeit des Tages nur noch einen Arm zur Verfügung hat. Auf dem anderen will nämlich das Baby sein. Und das am liebsten rund um die Uhr.

Dieses Bedürfnis wird leider in den ungünstigeren Momenten (z.B. in der Supermarkt-Rush-Hour an der Aldi-Kasse) von dem unbedingten Willen abgelöst, sich jetzt sofort bewegen zu müssen und zwar Nicht! Auf! Mamas! Arm!!!!, was auch nicht gerade besser ist. Irgendwie hat man eben doch nur noch mit dem zappelnden Baby zu tun und kann sich leider gar nicht mehr auf andere Dinge konzentrieren.

Mein Baby ist kein Anfängerbaby

Seit mein Sohn geboren ist, sage ich ziemlich häufig zu ihm: „Du bist ein gutes Baby!“. Dies dient vor allem meiner Selbstversicherung. Ich liebe mein Hübilein, halte es für das tollste und schönste der Welt und es fällt mir manchmal immer noch schwer, meinen Sohn in der Obhut anderer zu lassen, umso mehr natürlich seit er „Mama“ sagt und auch mal klar kommunizieren kann, wann er doch viel lieber ganz nah bei Mutti bleiben will.

Aber die Wahrheit ist trotzdem: Mein Baby war von Beginn an kein Anfängerbaby. Es schläft schlecht und wenn, dann nur in vertrauter Umgebung, Mittagsschlaf war ohnehin schon immer blöd, das Essen schmeckt auch wieder nicht, im Buggy sitzen ist langweilig, festgehalten werden ist auch doof und jetzt hör endlich auf, mich zu bekuscheln, ich will krabbeln!!!

Alles wollen? Habe ich manchmal aufgegeben

Vorbei die Zeiten, als das 4 Wochen alte Baby selig im Tragetuch schlummerte und man so Partys, Museen oder Cafés besuchen konnte, ohne negativ aufzufallen. Mittlerweile will ich zumeist gar nicht mehr „alles“ – zumindest zu den Zeiten, in denen ich das Baby Hübner bespaßen muss. Gerade jetzt, wo es draußen kalt, nass und stürmisch wird, finde ich mich zufrieden auf dem Wohnzimmerteppich wieder, wo ich stundenlang Duplosteine sortiere und Bobbycars schiebe und zwischendurch immer mal wieder versuche, den Zeitungsartikel weiterzulesen, den ich am Morgen angefangen habe.

Ja, ich gebe es zu: Ich gehe den Weg der geringsten Konfrontation. Ich tue einfach das, was meinem Kind Spaß macht, weil ich eben keine Lust habe, meinen Kaffee runterstürzen zu müssen, weil Hübilein die komplette Café-Belegschaft auf Trab hält und auch schon die zweite Zuckerdose zerdeppert hat. Ich habe keine Ahnung, wie eine Prenzlauer-Berg-Mutti, oder wie auch immer man den Phänotyp der bestens gestylten und völlig entspannt Latte Macchiato trinkenden Mutter nennen will, es schafft, ihr Baby lange genug ruhig zu stellen um sich mal in aller Ruhe in der neuen Boutique für Fair-Trade-Baby-Sachen umzuschauen. Hypnose? Ritalin? Eierlikör?

Unterstützung durch andere rettet mein Lebensmodell

Was mir mein Ich-will-alles-Prinzip rettet, ist die Entlastung durch andere Menschen. Das war mein Mann, der dem Baby auch mal ein Fläschchen gab, als ich zwei Monate nach der Geburt endlich wieder zum Yoga gehen wollte. Das sind meine Eltern, die das Hübi hüten, wenn wir endlich mal wieder gemeinsam auf irgendeiner Party auftauchen wollen. Und das ist jetzt und zukünftig natürlich die Betreuung bei den Tagesmüttern, ohne die eine Berufstätigkeit schlicht gar nicht möglich wäre. Und ich finde es völlig OK, dass ich diese Möglichkeiten annehme.

Wenn ich meinen Sohn morgens zu den Tagesmüttern bringe, strahlt er schon die Haustür an. Jacke und Mütze ausziehen wird zu einem Gerangel, weil er unbedingt zu den anderen Kindern krabbeln will. Wenn ich ihn mittags abhole, freut er sich kurz mich zu sehen, ist dann aber wieder in der Krabbelröhre verschwunden, wo ich ihn suchen, aber bloß nicht rausholen soll. Und schneller als ich gucken kann, bin ich eine von diesen Muttis, die noch stundenlang in der Kita mit anderen Muttis quatschen, weil die Kinder einfach nicht nach Hause wollen.

Konnte ich mir vor 1 ½ Jahren vorstellen, so eine zu werden? Nein, sicher nicht. Und sicher wird das auch anders werden, wenn ich erst Vollzeit arbeite. So lange lasse ich meinem Kind aber gern noch die zusätzliche Spielzeit. Und schone vor allem meine Nerven. Denn irgendwann kommt er immer von allein und mit etwas Glück geht dann auch das Jacke anziehen ohne Geschrei.

Ich will alles? Klar – aber das Problem ist: Mein Kind auch! Ein Glück, dass man über Kompromisse meist gar nicht nachdenken muss. Die schließen sich automatisch, wenn das Baby nur mal wieder laut genug brüllt. Und für alles andere: Die „böse Fremdbetreuung“ wird’s schon richten.

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