Das Ich-will-alles-Prinzip reloaded I

Gute 1 ½ Jahre nachdem ich mir Gedanken über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere gemacht habe, wird in der Politik wieder neu über die Frauenquote diskutiert und angeblich soll sie ja nun tatsächlich in irgendeiner halbgaren Form kommen. Wie auch immer diese unendliche Geschichte ausgehen wird – ich jedenfalls kann nach wie vor mit der ewig trotzigen Miene behaupten: Ich will immer noch alles! Und die Realität oder diese viel zu kurzen 24-Stunden-Tage werden mich niemals davon abhalten. Stellt sich nur die Frage, wie ich und die ganzen zukünftigen Quotenfrauen ihre Kinder betreut kriegen sollen, während sie ihren wichtigen Berufen nachgehen…

Für mich hat zunächst alles eigentlich ziemlich gut geklappt. Mein Abschlusspraktikum in der Abteilung für Interne Kommunikation eines großen Unternehmens habe ich absolviert, als mein Baby, das kleine Hübi, gerade 6 Monate alt war. Danach habe ich meine Masterarbeit geschrieben und mein Studium abgeschlossen. Ab Januar trete ich nun eine Stelle als PR-Volontärin an. Jetzt gerade bin ich geneigt, zu denken: War das leicht! Aber war es das wirklich?

In erster Linie habe ich vermutlich viel Glück gehabt, bin beruflich an die richtigen Menschen geraten und konnte mich privat auf meinen Mann, meine Familie und enge Freunde verlassen. Schon in meinem Vorstellungsgespräch fürs Praktikum, da war ich noch schwanger, saß ich zwei tollen Frauen gegenüber, die meine Kind-und-Karriere-Einstellung prima fanden. Auch mein kommendes Volontariat findet bei einem sehr familienfreundlichen Arbeitgeber statt. Der Chef meines Mannes, selbst mehrfacher Vater, fand 6 Monate väterliche Elternzeit völlig OK. Ich kann nur hoffen, dass es so weiter geht.

Größtes Problem: Die Kinderbetreuung

Was meiner Familie das Leben bisher am schwersten gemacht hat, war demnach kein kinderfeindlicher Arbeitgeber, sondern die nach wie vor untragbare Betreuungssituation mit viel zu wenigen Kitaplätzen und mit Vollzeit-Berufstätigkeit völlig inkompatiblen Betreuungszeiten von Kitas und Tagesmüttern. Wie früh soll ich bitteschön Feierabend machen, wenn ich um 16h30 mein Kind aus der Kita abholen soll? Die Kitas, die länger als bis 17h betreuen, kann ich zumindest in unserer Stadt (Großstadt > 500.000 Einwohner) an einer Hand abzählen, was im Grunde aber ohnehin egal ist, denn einen Platz kriegt man sowieso in keiner Einrichtung.

Mit viel Glück (zur richtigen Zeit am richtigen Ort – mal wieder) haben wir einen Platz in einem Tagesmütterverbund ergattert. Aber auch hier müssen wir unser Kind um spätestens 17h abholen. Das wird dann ab Januar für mich heißen: früh aufstehen! Und für den Mann: erst mal weiter Home Office, zumindest so lange wie mein Volontariat dauert.

Eine weitere Lehre, die ich aus dem Betreuungsproblem gezogen habe: Das nächste Kind wird im August geboren! Denn: Freie Betreuungsplätze gibt es immer nur zum August, da dann die älteren Kinder eingeschult werden. Mit unserem Oktober-Sohn haben wir noch Glück, bis einschließlich Oktober gelten die Kinder im August schon als „zweijährig“, mit etwas (oder eher: sehr viel) Glück bekommen wir also nächstes Jahr einen Kita-Platz. Für alle Eltern von November-Kindern heißt das: Verschiebt euren Wiedereinstieg in den Beruf doch noch etwas oder auch: Viel Glück bei der meist zermürbenden Suche nach einer wohnortnahen und guten (!!) Tagesmutter.

Schlaflose Nächte wegen ungelöstem Betreuungsproblem

Mich selbst packte im Sommer die plötzliche Panik, als die Elternzeit meines Mannes sich bedrohlich dem Ende zuneigte und ich erste Bewerbungen schrieb. Da der Mann auch in Elternzeit stundenweise arbeitete, hatten wir zu der Zeit eine tolle Tagesmutter, die aber nur vier Tage die Woche bis maximal 15h betreute – und ich bewarb mich ausnahmslos auf Vollzeitstellen!

In der romantischen Vorfreude auf mein Baby und mit der sicheren Elternzeit vor Augen hatte ich mir vor 1 ½ Jahren keine Gedanken über schlaflose Nächte ob der schwierigen Betreuungssituation für Babys und Kleinkinder gemacht. Aber die schlaflosen Nächte kamen! Mein Baby lag nachts neben mir und schlummerte selig – und ich wälzte mich panisch von einer Seite auf die andere und überlegte, wo ich auf die Schnelle eine Vollzeit-Tagesmutter herbekäme, wenn mich ein spontanes Jobangebot überraschen würde.

Privatangelegenheit Kind: Organisation ist alles

Um solche nächtlichen Panikattacken zu vermeiden, wird das nächste Kind nicht nur im August geboren, sondern ich gehe möglichst schon vor der Geburt auf die Suche nach einer guten Tagesmutter. Es war und ist für mich ernüchternd, wie sehr man in unserem Land das Kinder-Kriegen und Kinder-Haben planen muss. Außer, man will ohnehin nur 25 Stunden pro Woche arbeiten. Außer, man zieht in eine Kleinstadt, wo es mehr Kita-Plätze gibt als Kinder. Außer man hat Eltern im Rentenalter und in Wohnortnähe, die Spaß an der Betreuung der Enkelkinder haben (und die dann möglichst auch eine ähnliche Auffassung von Erziehung, eine Idee von kindgerechter Ernährung und ein geringes Schimpfwort-Vokabular haben sollten).

Wenn all das nicht zutrifft: Es gibt keinen zu frühen Zeitpunkt um mit der Planung der Betreuung zu beginnen, ganz egal was Kita-Leiterinnen und Jugendamtsmitarbeiter einem weis machen wollen!

Sollte eine meiner Freundinnen demnächst schwanger werden, wird sie von mir leider nichts über romantisches Mutter-Kind-Bonding hören und auch Tipps und Ratschläge zu Schwangerschaft und Geburt werden wohl zu kurz kommen. Dazu bleibt dann leider keine Zeit mehr, da ich stundenlang über all diese wirklich wichtigen Dinge referieren werden muss, die Kinderbetreuung und Elternzeitorganisation betreffen. Und das, obwohl man sich damit erst mal am liebsten gar nicht beschäftigen möchte. Ich entschuldige mich daher besser jetzt schon…

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