Blut (SSW 11)

Ich liege auf dem Sofa und habe Windeln an. Genauer gesagt sind es Inkontinenzeinlagen, die der Mann mir nach kurzer Beratung der Apothekenfachkraft geholt hat. Ich bin seit 11 Wochen schwanger und ich fürchte mich davor, dass keine weitere Woche hinzukommt.

Gestern hatten wir noch Besuch von Freunden, denen wir von unserem Sommerbaby erzählten. Wir alle freuten uns. Alle haben sich mit uns gefreut. Ich war mir so sicher, dass alles gut geht, dass ich es schon früh meinen Freundinnen erzählt habe. Beim Hübchen ging schließlich auch alles gut. Und ich habe mich jetzt 11 Wochen lang so scheußlich gefühlt, dass doch eigentlich alles gut gehen musste. Wenn es Ihnen furchtbar geht, ist das das beste Zeichen, sagte meine Ärztin. Ich fand, die Frau hat einen seltsamen Humor. Und dachte trotzdem: Die hat recht!

Letzte Nacht habe ich davon geträumt, das Baby zum ersten Mal zu spüren. Es flatterte ganz leicht in mir und ich war wie beim Hübchen ganz aufgeregt und auch ein bisschen gegruselt. Da bewegt sich etwas in mir! Du meine Güte! Heute morgen wachte ich also glücklich auf und dachte nichts böses. Bis dann die Krämpfe kamen.

Erst sitze ich auf der Toilette und sehe zu, wie es tropft. Ich will nicht, dass mein Baby ins Klo fällt!, denke ich. Ich fürchte mich davor, ein vielleicht schon 4 cm großes Baby zu verlieren. Ich will das nicht! Ich will das nicht sehen! Aber ich kann es doch auch nicht ins Klo fallen lassen! Natürlich will ich es sehen!

Wie geht „einfach abwarten“?

Ich google nach natürlichen Fehlgeburten. Überall steht, dass man abwarten kann und dass das bis zur 12./13. Woche auch die beste und gesündeste Möglichkeit für den Körper ist. Wie man konkret abwarten soll, steht nirgendwo. Auch nicht, was man machen soll, wenn das Baby rauskommt. Ich stelle mir vor, es mit bloßen Händen aufzufangen. Ich habe keine Angst vor Blut, ich werde es schon rausfischen! Aber muss ich dann die ganze Zeit meine Hände in die Toilette halten? Setze ich mich am besten in die Dusche? In die Badewanne? Auf den kalten Fliesenboden?

Dummerweise ist heute Mittwoch. Die nette Mitarbeiterin meiner Frauenärztin gibt mir einen Termin für morgen, sagt, ich solle mich nicht zu sehr sorgen. Krämpfe und Blutungen in der Frühschwangerschaft seien normal. Ich sage, bei meinem ersten Sohn, da hatte ich das nicht. Es ist normal, dass Sie sich beunruhigen, sagt sie. Aber man könne eh nichts machen, es ist die Natur.

Ich weiß das und finde diese Einstellung ja eigentlich auch gut. Ich rufe meine Hebamme an, aber sie geht nicht dran. Ich schreibe eine Nachricht: Krämpfe, leichte Blutungen, bitte um Rückruf. Ich schreibe eine zweite Nachricht: Starke Blutung, soll ich irgendwas machen? Ich weiß, dass die Frage blöd ist. Was soll ich schon machen?

Wie geht eine 4-Zentimeter-Geburt?

Ich sitze wieder auf dem Klo. Es hört auf zu tropfen. Ich gehe duschen, was soll ich auch sonst machen? Ich halte meinen Bauch fest, der schon so rund geworden ist. Ich bin mir so sicher, dass es ein Mädchen ist. Kannst du bitte drin bleiben, kleines Mädchen?

Der Mann ist im Home Office und das ist gut. Er ist traurig, so wie ich, aber will mir auch Mut machen. Vielleicht ist ja alles gut, Blutungen können vorkommen. Ich will, dass er ruhig ist. Ich weiß doch, wie sich eine Geburt anfühlt! Und das hier fühlt sich nach Geburt an. Meine Hebamme ruft an und sagt, das hört sich nicht gut an. Wenn es so nach unten drückt, das hört sich gar nicht gut an.

Ich habe Angst, dass es ins Klo fällt, sage ich. Sie sagt, dass sie kommt, wenn es ernst wird und dann machen wir das zusammen. Eine richtige Geburt, mit Hebamme. Und schon fühlt es sich nicht mehr so schlimm an. Wie Geburten gehen, das weiß ich ja. Beim Hübchen war es nicht schlimm. 56 cm und 4700 g, und trotzdem war es nicht schlimm. Da werde ich 4 cm und ein paar mickrige Gramm doch mit Links schaffen! Ist das jetzt Galgenhumor, oder wie nennt man so was?

Waren die Frauen früher härter?

Ich denke an eine Statistik, die ich irgendwann mal irgendwo gelesen habe. Wie viele Fehlgeburten hatten die Frauen früher in einem Frauenleben statistisch gesehen? 10? Oder noch mehr? Wer nie verhütet, ist ja quasi ständig schwanger. Und wir alle wissen ja, wie oft das nicht gut ausgeht, auch wenn keiner drüber spricht. Die Frauen damals, die waren wohl einfach härter im Nehmen, denke ich. So ist die Natur eben, sie schenkt und nimmt. Das hört sich pathetisch an und auch ein bisschen grausam. Aber kann ich das vielleicht ändern?

Ich denke an meine neuen Laufschuhe, die immer noch unbenutzt im Karton liegen. Ich habe sie kurz vor dem positiven Schwangerschaftstest gekauft und ab da kam mir Joggen wie eine Idee vor, die außerhalb meiner Vorstellungskraft liegt. Wenn das hier vorbei ist, dann gehe ich laufen, denke ich. Aber eigentlich möchte ich, dass die Schuhe so richtig schön einstauben, bis man die orange-lila Farbe gar nicht mehr erkennt. Und wer kommt überhaupt auf die Idee, Laufschuhe für Frauen immer nur in diesen grässlichen Signalfarben zu gestalten?

Ich liege weiter auf dem Sofa. Es blutet fast gar nicht mehr. Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Es könnte auch ein Hämatom sein, das sich gelöst hat, sagt meine Hebamme. Aber ich denke, mein Körper sammelt sich nur für das, was noch kommt. Dein Gefühl wird dir schon das richtige sagen, sagt meine Hebamme. Mein Gefühl ist ein Arschloch, denke ich. 11 Wochen hat es mir gesagt, dass alles in Ordnung ist. Vielleicht irrt es sich aber genau jetzt? In dem Fall wäre das ja gut.

Es tut so gut, ein Hübchen zu haben

Das Hübchen kommt nach Hause. Du meine Güte, tat es jemals so gut, ein Hübchen zu haben? Es tut immer gut, ein Hübchen zu haben, denke ich, aber heute noch mehr als sonst. Heute gucken wir den ganzen Tag Fernsehen, wenn wir wollen, sage ich. Biathlon! fordert das Kind. Biathlon der Frauen, 19 Uhr, sagt das Fernsehprogramm. 19 Uhr. Das sind noch viele Stunden. Ich bin gespannt, ob bis dahin noch was passiert. Ich bin vorbereitet. Und esse Endiviensalat. Denn wenn das Baby stirbt, dann soll mir keiner vorwerfen, es habe an mangelnder Folsäure gelegen.

Ich liege weiter rum. Was soll ich schon tun, gegen die Natur? Es kommt alles so, wie es kommen soll. Wenn das Baby nicht überlebt, dann hat das einen Grund. Ich glaube nicht, dass ich wütend sein kann. Nur traurig. Wirklich wirklich traurig.

Wie am Ende doch noch alles gut wurde, lest ihr hier.

Und hier geht es zur Übersicht über alle veröffentlichten Schwangerschafts-Wochenberichte: Klick.

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8 Kommentare zu „Blut (SSW 11)

  1. Kathi

    Ich fühle mit dir. Bei mir war es vor Kurzem, unsere Nr.5. Ach eigentlich waren es Nr.5 und Nr.6. Ich hatte mich so auf meinen Körper verlassen und doch wirklich gedacht, das passiert nur den Anderen. Es ging doch immer alles gut. Warum sollte es jetzt anders sein?
    Ich habe elendige Wochen gewartet, bis mein Körper und mein Geist sich endlich verabschieden konnten, denn schwanger sein ansich, kann mein Körper scheinbar gut, egal ob das Herzchen noch schlägt oder nicht. Ich habe in der 12. Woche erfahren, dass beide Kinder bereits seit mindestens 5 Wochen nicht mehr am Leben sind. Und mir war immer noch schlecht. Viel später erst, sind sie gegangen. Aber es war für mich eine gute Entscheidung, diesen Weg zu gehen.
    Aber es vergeht. Was bleibt, ist die Angst vor dem nächsten Mal…
    Ich drücke dich mal aus der Ferne

  2. Nadine

    Du bist nicht allein!
    Auch wenn es schwer fällt: versuch ruhig und positiv zu bleiben.
    Ich hab Nr. 3,4 und 5 kurz hintereinander binnen zehn Monate verloren. Nr 6 ist Ende November zwei geworden, vergöttert seine Große Schwester (Schulanfängerin) und Nr. 7 hat sich kurz vor „Ladenschluss“ eingeschlichen und soll am 23.1. auf die Welt losgelassen werden. Und bei ihr hatte ich starke Blutungen mit heftigen Krämpfen auch am Anfang.
    Bei Nr. 3 haben wir auch laut angekündigt, alle weiteren nicht mehr.

  3. Jette

    Oh nein, du Liebe! Ich wünsche dir, ganz viel Kraft und dein eigenes kleines Weihnachtswunder. Und falls dein Gefühl Recht hat, wünsche ich dir erst recht viel Kraft. Eine ruhige Zeit zum heilen. Freunde die dich begleiten und ganz viel Liebe. Ich drücke dich!!!

  4. Diana

    meine Nummer 4 hat auch lange überlegt, ehe er sich entschied zu bleiben… 3Monate habe ich gelegen… nach 3 Wochen bLutungen und eihautablösung. Moppi wird bald vier und hat uns komplett gemacht…! Viel Glück und ein gesundes Mädchen wünsch ich dir mit aller herrlichkeit und zickereien

  5. Rena

    Liebe Sophie,

    Das ist für mich der stilistisch beste, aber natürlich auch der traurigste Text, den ich bisher von dir gelesen habe. Hat noch sehr ergriffen, obwohl ich noch nie schwanger war. Ich wünsche dir in jedem Fall ganz viel Kraft!

    Alles Liebe

    Rena

  6. Sari

    Mir fehlen die Worte und ich will auch nicht zu viele verlieren. Nur kurz: Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir alles Gute…fühl dich gedrückt!

  7. Katharina

    Oh meine liebe Sophie, hab das alles nun von heute zu gestern gelesen. Was für ein Horror, den du durchmachen musstest und den du in so schöne Worte gepackt hast. Warum schön? Weil so respektvoll vor dem Leben, dem Lieben, den Ängsten, dem Tabu …

    Nun weiß ich, dass es Entwarnung gab. Bin unendlich glücklich und wünsche nun nur noch entspannte kommenden Monate.

    Fühl dich umarmt!

  8. Pingback: #Freitags5 – 5 Tage 5 Fotos im Dezember #03 - Heldenhaushalt

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