Berufseinstieg, ahoi!

Heute gibt es eine Premiere: Den ersten Gastartikel hier im Blog! Mit Carolin, der Autorin des folgenden Textes, bin ich seit einiger Zeit auf Facebook befreundet, nachdem wir gemerkt haben, dass wir eine sehr ähnliche Biographie im Hinblick auf Kind und Beruf haben. Carolin lebt mit Freund und Sohn in Berlin und hat genau wie ich nach Ende des Studiums ein Volontariat angeschlossen. Die Suche nach ebendiesem gestaltete sich für sie jedoch eher frustrierend und davon erzählt uns Carolin in diesem sehr ehrlichen Text. 

Dem Ende meines Studiums habe ich ehrlich gesagt nicht gerade entgegengefiebert. Ich habe diese (im Nachhinein) leichten und unbeschwerten Jahre stets genossen. Ich habe mir viel Zeit gelassen, habe nebenbei gearbeitet, ein paar unbezahlte Praktika absolviert, bin gereist und habe einfach gelebt. Ich mochte dieses Leben sehr.  Nach einem abgebrochenen Bachelorstudium, einem vollendeten Bachelorstudium und einem Masterstudium war ich am Ende meines Studiums 26 Jahre alt. Und schwanger.Ich bekam meinen Sohn, blieb mit ihm einige Monate alleine zuhause (um meinem Freund das Studium zu ermöglichen) und begann dann aus der Elternzeit heraus mit der Jobsuche. Ich dachte mir schon, dass das kein Zuckerschlecken werden wird. Gerade in Berlin, wo viel zu viele Geisteswissenschaftler ausgebildet werden und nach dem Studium verzweifelt nach einer Stelle suchen. Ich wusste, dass sich auf jede Stelle, auf die ich mich bewerbe, auch mehrere Hundert andere hungrige und gut ausgebildete Schöngeister bewerben.

Volontariat für 700 Euro im Monat? Danke, nein.

Als mein Sohn etwa neun Monate alt war hatte ich das erste Vorstellungsgespräch. Es war in einem kleinen Berliner Verlag und die ausgeschriebene Stelle war ein Volontariat, was für mich der plausibelste Einstieg in die Verlagsbranche war, denn in dieser möchte ich am liebsten tätig sein. Das Gespräch lief gut und am Ende kam die Frage, ob ich denn mit 700 Euro im Monat leben könne. Ähm, nein. Ich fragte dann noch kurz nach, ob man denn dafür Teilzeit arbeiten könne. Es wurde wild mit dem Kopf geschüttelt. Und tschüss.

Weiter ging es mit den Bewerbungen. Ich bewarb mich nicht nur in Verlagen, sondern auch in Agenturen, Bibliotheken, Hochschulen.  Alles, was mit redaktionellem oder wissenschaftlichem Betrieb zu tun hat, fiel in mein „Jagdrevier“ und so kam ich im Durchschnitt auf fünf Bewerbungen im Monat. Da ich insgesamt sehr wenig Resonanz auf meine Bewerbungen bekam, wollte ich meine Bewerbungsunterlagen noch einmal aufpolieren lassen. Ich schlich mich in einen eintägigen Kurs an einer Uni, der mich ein wenig weiterbrachte und ermutigte. Die Quintessenz dieses Kurses war jedoch die, dass ich mein Kind aus dem Lebenslauf streichen soll. Das musste ich erst mal verdauen, tat es dann aber doch. Für die Karriere.

Kein Job mit Kind

Das zweite Vorstellungsgespräch hatte ich, als mein Sohn zwölf Monate alt war. Ebenfalls in einem kleinen Verlag, diesmal in Potsdam, gut eine Stunde von unserem Zuhause entfernt. Das Gespräch lief sehr gut. Wenige Tage später wurde ich zum Probearbeiten eingeladen. Meine Freude darüber, dass ich anscheinend überzeugt hatte, war immens. Doch mich überkam ein schlechtes Gewissen, da ich mein Kind bislang verschwiegen hatte.

Eigentlich wollte ich viel lieber mit offenen Karten in das Berufsleben starten und  zudem von Anfang an Verständnis dafür erhalten, dass mein doch noch recht kleines Kind mich wahrscheinlich ab und an brauchen wird. Nicht zuletzt beunruhigten mich der weite Fahrtweg (zwei Stunden pro Tag) und die Arbeitszeiten (täglich von 9 bis 17 Uhr). Also nahm ich all meinen Mut zusammen, rief noch einmal an und „beichtete“, dass ich ein kleines Kind habe, dass ich mich der Herausforderung jedoch gerne stellen möchte und ob sie sich vorstellen können, dass ich evtl. einen Tag von Zuhause aus arbeite.

Die Reaktion war leider ein Schweigen, das mehrere Tage anhielt und mich sehr verunsicherte. Ich versuchte mehrmals anzurufen, wurde vertröstet, nicht weitergeleitet, wieder vertröstet. Am Ende schrieb ich eine leicht verbitterte Email, wie diskriminierend ich dieses Verhalten finde. Ich bekam eine Antwortemail mit der Aussage, es hätte an meiner Unehrlichkeit gelegen.

Soll ich mein Kind verschweigen? Oder lieber nicht?

Ich musste dieses Erlebnis erst einmal verarbeiten. Welcher Weg ist denn nun der Richtige? Soll ich meine Familie verschweigen und so tun, als sei ich der flexibelste und belastbarste Mensch der Welt? Oder soll ich von Anfang an alle Karten auf den Tisch packen, in der Hoffnung, so nur die wirklich familienfreundlichen Arbeitgeber anzulocken? Und gibt es die überhaupt?

Ich fand eine Halbtagsstelle als Redaktionsassistenz, die sich prima vereinbaren ließ. Nach fünf Wochen war das Arbeitsleben allerdings schon wieder vorbei, da die Chefin Züge an den Tag legte, die für mich nicht vereinbar waren. Also ging die Suche weiter…

Mittlerweile bot mir das Jobcenter an, meine Qualifikationen aufzubessern und an einer Weiterbildung teilzunehmen. Gesagt, getan. Und plötzlich, als hätten sich meine Zusatzqualifikationen via Stille Post verbreitet, bekam ich Einladungen zu Vorstellungsgesprächen für zwei unterschiedliche und doch sehr tolle Stellen. Ich bekam für beide die Zusage und musste mich entscheiden. (Dass ich einmal diese Position einnehmen würde, hatte ich niemals für möglich gehalten!)

Nehme ich die gut bezahlte Halbtagsstelle im Öffentlichen Dienst, die nur für ein halbes Jahr befristet ist und ohne Aussichten auf eine Verlängerung? Oder nehme ich das schlecht bezahlte, einjährige Vollzeit-Volontariat in einem großen Verlag mit Aussichten auf Übernahme? Ich entschied mich für Letzteres. Denn ich wollte endlich „langfristig“ planen und nicht in ein paar Monaten schon wieder eine Stelle suchen müssen.

Die Vollzeitstelle ist Glück – und Pech zugleich

Und so begann ich die erste Vollzeitstelle meines Lebens mit 28 Jahren (abgesehen von diversen Praktika in den Semesterferien) und musste bald feststellen, dass ich mir diese angepriesene Familienfreundlichkeit etwas anders vorgestellt hatte. Ich kann in Gleitzeit arbeiten, das heißt, dass ich meistens von 8 bis 16 Uhr arbeite. Und wann immer ich die Möglichkeit habe, an einer Veranstaltung teilzunehmen, mache ich das sofort, um so Überstunden zu sammeln, die ich an anderer Stelle wieder abbummeln kann.

Nichtsdestotrotz verpasse ich den Großteil unseres Familienalltags. Wenn ich Pech habe, sehe ich meinen Freund und meinen Sohn morgens gar nicht. Und wenn wir uns am späten Nachmittag wiedersehen, ist die schöne Spielzeit meistens schon vorbei und ich bekomme nur noch das Einkaufen, Essen machen und Ins-Bett-Bringen mit. Seit elf Monaten ist das nun so, dass mein Freund zu 95 Prozent die Betreuung unseres Sohnes unter der Woche übernimmt und ich merke, wie das an uns allen zehrt. Da habe ich mir so sehr den Einstieg in das Berufsleben gewünscht und nun habe ich das, was viele sich immer noch wünschen, und bin auch nicht zufrieden.

Und erneut auf der Suche: nach einer Teilzeitstelle

Mein  Volontariat (das übrigens unterhalb des Mindestlohns vergütet ist) ist nun fast zu Ende. Ein paar Wochen habe ich noch vor mir und ich weiß bereits seit einigen Wochen, dass ich nicht übernommen werde. Die Jobsuche hat wieder begonnen, nur diesmal suche ich nur nach Teilzeitstellen, die leider noch weniger wie Sand am Meer liegen, als die Vollzeitstellen. Ich weiß, dass es erneut ein harter Kampf werden wird, dass ich geduldig sein muss und das Vertrauen in mich (und meine Fähigkeiten!) nicht verlieren darf.

Ich bin trotz allem stolz auf mich und meine Familie. Wir meistern unser Leben ganz wunderbar, ohne Familie in der Nähe oder finanzielle Unabhängigkeit. Wir ermöglichen uns gegenseitig, voranzukommen und stärken uns den Rücken für alle Herausforderungen. Und doch wissen wir genau, dass Zeit füreinander so viel wichtiger ist, als Karriere. Ich würde immer wieder alles genau so machen und mein Sohn steht seit dieser enttäuschenden Erfahrung in meinem Lebenslauf und wird dort auch nicht mehr herausgestrichen.

Liebe Carolin, ganz vielen Dank, dass du deine Erfahrungen hier mit uns teilst! Insbesondere deinen letzten Absatz kann ich so auch für mich unterschreiben. Von der Idee einer “typischen” Karriere bin ich mittlerweile schon weit abgerückt. Aber ich glaube absolut fest daran, dass wir so, wie wir es machen, vielleicht sogar noch glücklicher werden. Ich erinnere mich dunkel, mal etwas über eine Interviewreihe mit sehr alten Menschen gelesen zu haben. Befragt danach, was sie am meisten bereuen, war die häufigste Antwort (vor allem von den Männern, die ja fast immer die Haupt- oder Alleinverdiener waren): “Dass ich zu wenig Zeit mit meiner Familie verbracht habe”. Wenn das nicht alles sagt? 

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3 Kommentare zu „Berufseinstieg, ahoi!

  1. Liebe Carolin, liebe Sophie,

    oh, ich kenne das alles sooo gut! Ich bin jetzt 32 und habe bereits zwei Kinder (8 und 4). Der Große wurde während meines irgendwas-mit-Medien-Studiums geboren. Der Berufseinstieg nach dem Studium war sehr hart. Ein befristeter Vertrag nach dem nächsten, jeder Jobwechsel verbunden mit einem Umzug… ich könnte da auch ein paar Geschichten erzählen 😉

    Seit 3 Jahren habe ich eine 30-Stunden-Stelle in der Industrie. Durch meinen langen Arbeitsweg sitze ich aber täglich 3 Stunden im Auto. Ich arbeite also gefühlt voll, kriege aber nur ein Teilzeitgehalt. Nochmal umziehen wollen wir aber den Kindern nicht zumuten…

    Liebe Carolin, dein Artikel ist ja nun schon etwas älter. Ich hoffe, du hast einen neuen Job gefunden?

    LG, Bettina

    • Hallo Bettina, schön, dass du hergefunden hast! Ich darf bestimmt verraten, dass Carolin recht schnell einen neuen Job gefunden hat und darin auch sehr glücklich ist. 🙂

      Ich selbst habe ja momentan gewissermaßen „aufgegeben“. Die Kita schließt um 14 Uhr, da wäre eh nur höchstens ein 20-Std-Job drin und ich habe keine Lust nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen – oder stundenlang für einen TZ-Job zu fahren. Ich bin aber eigentlich ganz zufrieden mit der selbstständigen Arbeit und will schauen, dass ich das noch etwas ausbaue.

      Ich weiß aber nicht, ob ich ewig selbstständig bleiben will… Im Moment mache ich mir aber keine Gedanken, es wird schon alles werden. 😉

  2. Hallo Sophie,

    gut zu hören, dass du mit deiner selbständigen Tätigkeit gut zurecht kommst! Ich spiele mit dem Gedanken… 😉

    Mein Arbeitsvertrag gibt mir zwar Sicherheit und ein geregeltes Einkommen, aber dafür muss ich an anderer Stelle viele Kompromisse eingehen. Ich wäre vor allem gern flexibler in meiner Zeiteinteilung und würde gern mehr eigene Ideen umsetzen 😉

    Schön, dass es Carolin gut geht! 🙂

    LG, Bettina

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