Autorität vs. Attachment Parenting

Mein Sohn spricht ja bekanntlich bevorzugt Wörter, die mit „A“ anfangen. Zwei Begriffe, die er daher vermutlich bald lernen wird, sind: Autorität und Attachment Parenting. Beide Begriffe stehen für reichlich konträre Erziehungsstile, mit denen ich kürzlich in Kontakt kam. Und obwohl das Kind mittlerweile schon ganz schön groß ist, habe ich mich nun zum ersten Mal so wirklich mit Erziehungsidealen auseinandergesetzt. Bisher habe ich nämlich immer einfach irgendwie gehandelt – und zwar irgendwie so, dass es meinem Kind und mir und dem Mann gut damit geht. Heißt das also, niemand braucht Erziehungsexperten? Und wenn doch, wer braucht sie und warum? Und welche sind überhaupt zu gebrauchen?

In der ZEIT vom 12. März 2015 ist ein Interview mit dem schwedischen Psychiater, Buchautoren und selbsternannten Erziehungsexperten David Eberhard abgedruckt. Keine Ahnung, wer dieser Mann ist, aber seine Aussagen klingen irgendwie merkwürdig. Grundtenor des auf dem das Interview begleitenden Foto recht entschlossen dreinblickenden glatzköpfigen Mannes ist, dass die schwedische Erziehung viel zu liberal sei und Eltern nicht mehr ihre Kinder, sondern Kinder ihre Eltern im Griff hätten.

Heutzutage trauten sich Eltern laut Eberhard nicht mehr, ihre Kinder zurechtzuweisen oder zu kritisieren und produzierten dadurch am laufenden Band „freche Rotzlöffel“, die darüber hinaus auch noch über ein völlig überzogenes Selbstbewusstsein und mithin über „ein falsches Bild von ihren eigenen Fähigkeiten“ verfügten, weil ihre Eltern sie derart vergöttert und verzogen hätten.

Ist autoritäre Erziehung die Lösung?

Nun gut, vermutlich kennt jeder irgendein tatsächlich verzogenes Blag, das sein Selbstbild nur aus der Spiegelung von Erwachsenen zieht. Meiner Erfahrung nach ist so ein nerviges Verhalten aber quasi ausgeschlossen, wenn Kinder nur genug Zeit mit anderen Kindern verbringen. Keine Frage, dass es nervig ist, wenn Kinder sich rücksichtslos und egozentrisch benehmen und dass Eltern dieses Verhalten in gesunde Bahnen lenken sollten. Allerdings bezweifle ich, dass der Rückgriff auf reaktionär-autoritäre Erziehungsmethoden, wie der Interviewte David Eberhard sie befürwortet, die Lösung des Problems darstellen könnte. Eberhard äußert sich folgendermaßen:

„Ich finde nicht, dass die Familie eine demokratische Institution sein sollte. Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist immer asymmetrisch. Es ist die Beziehung von Meister und Schüler. Der eine unterrichtet, der andere hört zu. Die Eltern können Dinge besser einschätzen, weil sie mehr Erfahrung haben, mehr wissen. Sie sollten die Regeln machen.“
(ZEIT vom 12.03.2015)

Meister und Schüler? Es gibt doch einen Grund, warum ich den Lehrerberuf für mich persönlich nicht in Erwägung gezogen habe, denke ich da. Ich habe wirklich keine Lust, meinem Kind gegenüber die gestrenge Oberlehrerin raushängen zu lassen. Na gut, vielleicht bin ich manchmal streng. Schuhe anziehen wenn wir die Straßenbahn kriegen müssen geht manchmal nur mit einem deutlichen Appell an des Kindes Kooperationsgeist. Klar mache ich also oft die Regeln, mein 17 Monate alter Sohn kann ja den Straßenbahn-Fahrplan noch nicht lesen und hat auch noch kein Verständnis von Zu-spät-kommen. Ich regel das dann für ihn, ich mache das gern.

Manchmal lenke ich – und manchmal mein Sohn

Genauso habe ich aber Spaß daran, auch ihn manchmal bestimmen zu lassen. Manchmal ist mein Sohn der Meister und ich die Schülerin. Mit Joghurt kann man zum Beispiel richtig schöne Bilder auf den Tisch malen. Da wäre ich von alleine ja nie drauf gekommen! Und manchmal ist es auch gar nicht schlimm, die Straßenbahn zu verpassen, weil es so großen Spaß macht, immer und immer wieder den Bordstein rauf und runter zu hüpfen. Über Entschleunigung unseres stressigen Alltagslebens war doch zuletzt so viel zu lesen und zu hören. Ich schließe mich gern diesem Trend an, mein Kind ist mein Entschleunigungs-Trainer. Seine Trainingsmethoden sind knallhart.

So wechseln wir uns also ab mit unseren Kompetenzen. Manchmal bestimme ich, wo es lang geht, manchmal der Papa und manchmal auch das Hübilein. Das ist natürlich sehr situationsabhängig und manchmal auch launenabhängig, das will ich nicht verschweigen. Ich habe aber das Gefühl, dass wir so ganz gut leben und unserem Kind ein ausgewogenes Verhältnis von Regeln und dem Respekt vor seinen kindlichen Wünschen und Bedürfnissen bieten. Von Tu-das-bitte-JETZT bis Trödel-so-lange-du-willst ist da alles dabei.

So ein autoritäres Meister-Schüler-Ding ist also wirklich nicht mein Erziehungsstil und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder so etwas mögen. Wo bleibt denn da das ernst genommen werden? Das Vertrauen? Die auch mal kreative Entwicklung von Selbstständigkeit?

Attachment Parenting als alternativer Erziehungsstil

Quasi den Gegenpol einer solch autoritären Auffassung von Kindererziehung stellt wohl die Bewegung rund ums „Attachment Parenting“ dar. Vor etwa einem Monat habe ich Wissenschaftsjournalistin und Social Media Expertin Nicola Schmidt in einem Seminar kennengelernt. Nicola ist nicht nur eine kompetente und auch unterhaltsame Referentin, sondern zudem Initiatorin des Artgerecht-Projekts. Grundidee dieses Projekts ist es, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Babys und Kinder ernst nehmen, respektieren und befriedigen sollten. Zu den Grundpfeilern gehören Stillen, Tragen, Schlafen im Familienbett und generell ein achtsamer und respektvoller Umgang mit dem Kind.

Um Eltern diese Erziehungsmethode näher zu bringen, bieten Nicola Schmidt und ihre Partner unter anderem Ausbildungen zu „Artgerecht-Coaches“ an, die diese Erziehungsideale dann in Seminaren oder Kursen an Eltern weitergeben können. Mein erster Gedanke war: Wow, womit man heutzutage alles Geld machen kann! Für mich klingt das Ganze erst mal ziemlich merkwürdig. Es klingt für mich nämlich nach: Ich tue einfach das, was nötig ist, um mein Kind zu beruhigen, gebe dem ganzen einen Namen (sei es nun Attachment Parenting, Artgerecht-Projekt oder ganz was anderes) und verkaufe dieses Konstrukt möglichst gewinnbringend.

Ist „Attachment Parenting“ nicht das normalste der Welt?

Nach Hübis Geburt hatte ich keine Ahnung, dass es so etwas wie Attachment Parenting überhaupt gibt. Und trotzdem habe ich im Grunde nach den Idealen dieser Bewegung gehandelt. Bevor es mein Baby gab, hatte ich mir das Kinder-haben eigentlich ganz leicht vorgestellt: Ich stille mein Baby, lege es dann in sein gemütliches Bettchen und da würde es friedlich schlummern. Oder ich mache einen Ausflug mit dem Kinderwagen und wenn das Hübi schläft, trinke ich nett einen Cappuccino im Café um die Ecke.

Nur hatte ich da die Rechnung ohne mein Baby Hübner gemacht. Hieß also: In Nullkommanix hatte ich raus, wie das Tragetuch zu binden sei, damit mein kleines anhängliches Baby auch gut an Mutters Brust schlummern kann. Wenn der Kinderwagen mal akzeptiert wurde, war ein Abstellen zum gemütlichen Kaffee trinken nicht drin – wenn schon im Kinderwagen, dann Spazieren mit strammen Schritten. Und allein im Bettchen schlafen war eine schöne Illusion. Also zog das Hübi in unser Bett um und schlief in seinen ersten Lebenswochen sowieso abwechselnd auf Mamas oder Papas Bauch. Im Gegenzug hatten wir ein zufriedenes Kind, das nur schrie, wenn wirklich etwas war, sprich: Hunger, müde, Bauchweh, extreme Langeweile.

Alles, was wir getan hatten, war, zu experimentieren, was unser Baby am glücklichsten machte. Wenn mein Hübi eines von diesen genügsamen Babys gewesen wäre, die vom ersten Lebenstag an auch ohne Körperkontakt schlafen, ich schätze mal, ich hätte ihn auch allein schlafen lassen und dafür ein bisschen Erholung und mehr Platz im eigenen Bett genossen. Mein Baby wollte das aber absolut nicht und ich habe das akzeptiert und mich auf seine Bedürfnisse eingerichtet, ganz dem Gefühl nach und getreu dem Motto „Learning by doing“.

Einfach mal auf den Bauch – und aufs Kind! – hören

Mir wird ganz anders wenn ich höre, welche vernunftbegabten Menschen schon alles Schlaflernprogramme an ihren Babys und Kleinkindern erprobt haben. Oder ist die Vernunft vielleicht gerade das Problem? Ich kann mir das eigentlich kaum anders erklären, denn die Vermutung liegt nahe, dass diese Eltern vielleicht einfach ein kleines bisschen zu viel nachdenken, ein kleines bisschen zu viel irgendwelchen selbsternannten Experten zuhören, ein kleines bisschen zu viel Ratgeber lesen und ein großes bisschen zu wenig auf ihre Kinder und deren Bedürfnisse hören.

Von den Eltern angegebener Grund für das Durchziehen von Schlaflernprogrammen, bei denen die Kinder bewusst für eine bestimmte Zeit allein und schreien gelassen werden, ist meist, dass das Baby oder Kleinkind einfach nicht im eigenen Bett ein- oder durchschlafen will. Für mich war die Lösung ganz einfach: Dann muss es das eben nicht. Wir sind den einfachen Weg für faule Eltern gegangen. Anstatt nächtlich fünf Mal aufzustehen um mein Baby im eigenen Bett zu beruhigen, habe ich es einfach neben mich gelegt. Der Weg war kürzer, die Netto-Schlafdauer länger. Alle waren und sind glücklich.

Meinem Gefühl und meiner Faulheit folgend habe ich dabei auch „Experten“-Meinungen wie die einer Pekip-Gruppen-Leiterin ignoriert, die uns Müttern den ernst gemeinten Tipp gab, unsere Babys nicht in den Schlaf zu stillen, denn sie würden sich daran gewöhnen und dann bei jedem Aufwachen danach verlangen, und die Babys auch bloß nicht auf dem Arm in den Schlaf zu schuckeln, weil sie dringend im eigenen Bett einschlafen müssten. Ich habe weiter in den Schlaf gestillt, weil das schnell ging und bequem war. Ich habe mein Baby auch weiterhin in den Schlaf geschuckelt, weil es anders einfach gar nicht einschlief. Und trotzdem wurde alles gut und ich habe heute ein tolles und schon ganz schön selbstständiges Kleinkind, das zwar in Mamas Bett, aber ganz ohne Schuckelei oder Geschrei jeden Abend friedlich einschlummert.

Attachment Parenting als weiteres Vernunft-Angebot?

Ich selbst verstehe solche Attachment Parenting Angebote also irgendwie nicht, weil ich für das, was ich aus dem Bauch heraus gemacht habe, keine Anleitung brauchte. Gleichzeitig kann ich aber gut verstehen, dass es für viele vernunft- und Ratgebergesteuerte Eltern ein weiteres Vernunft-Angebot geben muss, das ihnen dann wieder ein Gefühl beibringt: Das Gefühl für die Bedürfnisse ihres Kindes und für einfache Ideen, die einem das Leben so sehr erleichtern können.

Man mag es sich kaum vorstellen, aber bestimmt gibt es da draußen Eltern, die von selbst gar nicht auf die Idee kommen, ihre Kinder einfach mit ins eigene Bett zu nehmen oder die es sich schlicht nicht trauen, den Kinderwagen einfach auf den Dachboden zu stellen und stattdessen das Tragetuch zu benutzen. Denn das mit dem Kinderwagen „machen doch alle so“ oder „das hat man immer schon so gemacht“. Da verstehe ich dann auch gleich den Sinn und Zweck der „Artgerecht Camps“, in denen sich gleichgesinnte Attachment-Parenting-Eltern zum gemeinsamen Urlaub treffen und Workshops zum Thema besuchen können. Ich glaube, es ist heute gar nicht mehr so leicht, als Mutter oder Vater auf seine eigene Intuition zu vertrauen und da hilft es vielen enorm, gezielte Anleitung oder auch nur ein bisschen Bestätigung von anderer Stelle zu bekommen.

Wenn man sich also unbedingt an „höheren Instanzen“ wie Experten, Pädagogen, einschlägiger Ratgeberliteratur oder Erziehungsbewegungen orientieren will, dann finde ich Attachment Parenting und Artgerecht-Projekte deutlich angenehmer als solche Schüler-Meister-Modelle wie das des oben erwähnten verrückten schwedischen Psychiaters. Letztlich möchte ich aber eigentlich sagen: Lasst uns doch mal unseren eigenen Gefühlen, unserer elterlichen Intuition und den Signalen unserer Kinder vertrauen! Dann sparen wir viel Zeit, die wir sonst mit dem Lesen von Ratgebern verbringen  müssten und zudem viel Geld, das wir sonst für Erziehungs-Coachings ausgeben würden. Und diese Zeit und auch das Geld könnten wir prima in unsere mehr oder weniger erzogenen Kindern investieren. Und die freuen sich doch auch.

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