Atemlos (in der Ehe)

„Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ ist ja einer meiner heimlichen Lieblingsohrwürmer. Einfach ein wunderbares Lied! Da kann Helene sich mal was von abschneiden, von wegen atemlos und so. Tiefe Gefühle sind das, mit einer neuen Liebe! Nur irgendwann, da wünscht man sich vielleicht doch wieder so ein bisschen mehr „atemlos“, denn wenn die neue Liebe schon nicht mehr ganz so neu ist, ein bis drei Kinder dazugekommen sind, tja, ihr kennt das bestimmt auch. Täglich „atemlos“ ist da nicht mehr. Aber ist das eigentlich schlimm? Oder doch eigentlich ganz OK?

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel auf einer der einschlägigen Elternmagazin-Seiten im Internet gelesen, der die Meinung vertrat, dass sei doch sogar ziemlich OK. Denn wer braucht schon Sex, wenn er/sie Kinder hat? Jedenfalls erzählte darin eine Frau davon, dass sie so gut wie gar keinen Sex mehr mit ihrem Mann hat, seit die Kinder geboren sind.

Der Artikel schlug so ein bisschen in die Kerbe „Wahrheiten, die endlich mal einer aussprechen muss“ und hatte einen durchweg positiven Tenor: Kein Sex in der Ehe – das sei doch ganz normal und gar nicht schlimm. Den Mann der Autorin würde das auch nicht stören. Und was ich am absurdesten fand: Die Nähe zu den Kindern würde die körperliche Nähe zum Mann quasi ersetzen, bzw. ließe gar keinen Platz mehr für Zärtlichkeiten mit dem Ehemann. Im Artikel heißt es wörtlich:

“Überhaupt, wie der Kleine mich anschmust. Wie süß er ist, wenn er mit seinen Ärmchen meine Beine umschlingt, mich mit großen Augen anlacht. Wie lieb ich ihn habe. Und Sophie auch. Sorry, ich bin vergeben – an meine Kinder. Da kann ich einfach nicht mit einem anderen rummachen, mir fehlt einfach der Kopf dafür. Und wenn ich sehe, wie Martin Sophie durchkitzelt oder mit Klimperwimpern von ihr angeflirtet wird, weil sie etwas will, weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die einen anderen hat.”

Körperliche Nähe nur noch zu den Kindern? WTF?!

Die Kommentare auf Facebook überschlugen sich vor Zustimmungen und Bekenntnissen anderer Frauen. Und ich war hochgradig schockiert. Körperliche Nähe nur noch zu den Kindern? Die Kinder wurden in diesem Artikel tatsächlich als Grund für die fehlenden Zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau genannt. So ein bisschen, als würde das Kuschelbedürfnis der Kinder das Kuschelkontinuum der Eltern aufbrauchen. Eine Stunde tägliches Kuscheln ist genug. Und der Mann kommt nun mal so spät nach Hause. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Pech gehabt! Unwillkürlich fragte ich mich, wo und mit wem wohl der Mann sein Kuschelkontinuum den Tag über aufgebraucht hatte. Büro-Flokati? Agenturhund? Sekretärin?

Und als nächstes fragte ich mich, ob ich wohl die Einzige bin, die die Beschreibungen des Artikels hochgradig merkwürdig fand. Mein Kuschelkontinuum ist nach 20 Uhr nämlich noch nicht aufgebraucht. Und ich gehe auch nicht jeden Abend mit meinem Sohn zu Bett, auch wenn ich zugebe, gelegentlich nach dem dritten Mal “Willi Wiberg” neben dem Kind einzuschlafen.Mir ist bewusst, dass ich als moderne Frau heutzutage keine ehelichen Pflichten mehr erfüllen muss. Die Zeiten, in denen der Mann seine Frau „zu sich bat“ – und diese kein Veto einlegen durfte – sind glücklicherweise vorbei.

Den Moment jedoch, in dem ich nur und ausschließlich noch mit meinem Kind kuscheln will und die „ehelichen Pflichten“ für mich tatsächlich nicht mehr als eine Pflichtveranstaltung darstellen, stelle ich mir als den Moment vor, in dem ich meine Ehe getrost zu Grabe tragen kann.

Körperliche und seelische Nähe hängen eng zusammen

Und zwar nicht deswegen, weil der Mann mich dann mit Flokati/Agenturhund/Sekretärin betrügen würde, sondern weil das für mich kein wünschenswerter Zustand einer Ehe wäre. Die Zeiten können stressig sein, der Alltag anstrengend, das Kind vereinnahmend. Aber wenn die körperliche Nähe zwischen den Eltern verloren geht, dann bedeutet das für mich mehr als ein bloßes Verlorengehen der Körperlichkeiten. Weil da doch so viel dran hängt! Ohne körperliche Nähe sind wir uns auch seelisch weniger nah. Und andersrum gilt: Wen wir mögen, den wollen wir auch berühren. Meine beste Freundin umarme ich doch auch zur Begrüßung. Meiner Mama gebe ich einen Kuss, bevor ich gehe.

Zwischen meinem Ehemann und mir war die körperliche Anziehung sogar so groß, dass wir ein Kind gezeugt haben. Und dieses Kind soll für uns niemals ein Grund für das Schwinden der körperlichen Nähe sein. Sollte die irgendwann verschwinden, dann müssten wir nach den wahren Gründen suchen. Unser Kind werden wir aber bestimmt niemals dafür verantwortlich machen. Denn Stress und Zeitmangel sind gut und schön – einen Ausweg findet man aber bestimmt immer. Wenn man das denn will.

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